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Eine Brücke unter der Brücke – Notgrabung im laufenden Baubetrieb (LWL-Archäologie für Westfalen/T. Poggel)

Eine Brücke unter der Brücke

Fund einer hölzernen Jochbrücke an der Lippe

Unter dem Titel „Erlebensraum Lippeaue“ finden in Hamm zurzeit zahlreiche Baumaßnahmen statt. Hiermit kommt die Stadt dem Förderaufruf „Grüne Infrastruktur NRW“ der Landesregierung nach und sorgt für eine ökologische und infrastrukturelle Aufwertung des städtischen Lippebereichs. Im Rahmen dieses Maßnahmenpaketes werden auch neue Erdleitungen verlegt, wobei Hölzer zutage kamen, die der LWL-Archäologie für Westfalen, Außenstelle Olpe, gemeldet wurden.

Ein vierköpfiges Team – bestehend aus einem Grabungstechniker, einem Grabungstechniker-Fortzubildenden, einem Archäologiestudenten und einem Bundesfreiwilligen – rückten aus, um dieser Fundmeldung nachzugehen. Vor Ort wurde schnell klar, dass die Hölzer unter einer modernen Brücke der Münsterstraße zu einer älteren Brücke gehörten. Teilweise war sie durch die Baggerarbeiten schon stark beschädigt worden, doch unter archäologischer Begleitung konnte die gesamte Querausdehnung dieser hölzernen Konstruktion freigelegt bzw. anschließend rekonstruiert werden. Dabei wurden die Arbeiten durch auftretendes Grund-/Schichtwasser erschwert und manche Bereiche waren nur schwer oder gar nicht zugänglich.

Nach der Ausgrabung ergab sich das Bild eines Brückenpfeilers, der bei dieser hölzernen Ausführung als Joch bezeichnet wird. Auf zwei parallelen Pfahlreihen waren Eichenbalken, die sogenannten Jochträger, befestigt. Rechtwinklig zu dieser Unterkonstruktion lagen die Brückenruthen auf, auf denen wiederum Bohlen ruhten. Diese repräsentieren den einstigen Belag, das ursprüngliche Laufniveau.

Unmittelbar westlich vor diesem Jochwerk lag die Beschalung, eine keilförmige Konstruktion aus Pfählen, Balken und Bohlen, die über das Laufniveau der Brücke hinausragte. Sie schützte das nicht unempfindliche Jochwerk vor zu starkem Wasserdruck sowie insbesondere vor Treibgut und Eismassen. Dass es dennoch zu Beschädigungen und Verschleiß gekommen ist, zeigten Reparatur- und Stabilisierungsmaßnahmen zwischen den Jochträgern. Hier versuchte man die Konstruktion durch kleinere Rundpfähle und Kantholzreste zu verstärken sowie eine sich lösende Holzverbindung außerhalb der „Fahrbahn“ notdürftig mit einem schweren Sandstein zu festigen. Direkt östlich des Jochwerks gab es keine Beschalung, sondern hier war eine dicht gesetzte Pfostenreihe konstruiert worden, die als eine Art Spundwand interpretiert werden kann.

Ihre Funktion sowie zugleich ein erster Datierungsansatz der einstigen Brücke ergeben sich mit Blick auf die Preußische Uraufnahme, einem von 1836 - 1850 erstellten Kartenwerk im Maßstab 1:25.000. Hier führt eine Chaussee – ein aufgeschütteter Straßendamm bzw. Hochweg – von Nordwesten in die Stadt und wird an unserer Grabungsstelle von einer Brücke unterbrochen. Auffällig ist, dass in der Kartendarstellung das überbrückte, stehende Gewässer keinen Zu- und keinen Ablauf besitzt und sich nur nach Westen, nicht aber nach Osten ausdehnt. Diese Darstellung kann mit dem archäologischen Befund in Einklang gebracht werden: Westlich die Beschalung als Schutz des Joches im Wasser, östlich eine Spundwand als Abschluss zur Aufschüttung der Chaussee.

Im Überflutungsbereich der Lippe kann das Gewässer als eines von mehreren Flutbecken interpretiert werden, die bei Hochwasserspitzen große Wassermengen aufnehmen konnten, so den Wasserspiegel senkten und dafür sorgten, dass eine trockene, nördliche Zuwegung in die Stadt gewährleistet blieb.

Für eine genauere Datierung und damit auch Möglichkeit zur Überprüfung dieser ersten Interpretation wurden mehrere Holzproben geborgen. Mit Spannung erwarten wir nun das Ergebnis der dendrochronologischen Untersuchung, die auch noch ein älteres Datum zu Tage fördern könnte.

Thomas Poggel M.A.

Publikationsdatum: 04.07.2019

Themen: Außenstelle Olpe, Aktuelle Grabungen