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Altenberg bei Hilchenbach-Müsen: Areal des Freilichtmuseums mit Aussichtsturm an der Stelle der ehemaligen Turmburg (Foto: LWL/M. Zeiler)

Mittelalterliche Montanregion Almerich

Mittelalterliche Montanregion Almerich

Ende des 13. Jahrhunderts verbrannte auf dem Altenberg bei Müsen der „Almerich“ – eine Siedlung von Berg- und Hüttenleuten im nördlichen Siegerland.

Montanarchäologische Forschungen fokussieren diese einmalige Montanregion aus Bergbausiedlungen, zahlreichen Bergbaustrukturen über- und untertage sowie Hüttenplätzen, die spätestens seit dem 12. Jahrhundert eine erste Hochphase erfuhr. Sie bietet großes Potential zur Erforschung hochmittelalterlicher Betriebsorganisation, der Technologieentwicklung, der Siedlungsgenese sowie der Sozialstruktur der Bergleute.

Projektpartner:innen

Dr. Manuel Zeiler (LWL-Archäologie für Westfalen, Außenstelle Olpe)

Dr. Jennifer Garner (Deutsches Bergbau-Museum Bochum)

Rolf Golze (Altenberg & Stahlberg e.V. Müsen)

Dr. Manuel Zeiler

Wissenschaftlicher Referent

manuel.zeiler@lwl.org

Tel: 02761 9375-35

Manuel Zeiler

Drittmittel

Zeitweise gefördert mit Landesmitteln Nordrhein-Westfalens.

Laufzeit

Seit 2013

Zum Projekt

„O Almerich, Almerich, tu dich zu,
Es bleibt kein Hirte bei der Kuh!“

Ein „hübsches Vögelchen“ sang traurig diese Zeilen, als es eine Stadt voller gottloser und reicher Bergleute vor ihrem Untergang warnte. Dieselbe Warnung durch ein „graues Männchen“ verhalte ebenfalls ungehört und es „fiel Feuer vom Himmel und der Almerich ging unter: „und in der Mitternacht brausen die Geister, wie ein Sturmwind um die Köpfe umher!“

Montanarchäologische Forschungen finden über- und untertage statt. (Foto: DMB/P. Thomas)

Diese Übersetzung einer Sage aus unbekannter Zeit vor dem 18. Jahrhundert berichtet von einer reichen Stadt von erfolgreichen Bergleuten im nördlichen Siegerland – der Almerich. Der Reichtum und die Gottlosigkeit seiner Bewohner waren unerhört, wie auch eine weitere Sage berichtet: „Der Uebermuth ging so weit, daß sie sich silberne Kegel machten; wenn sie spielten“. Die Strafe Gottes war konsequent und er zerstörte nicht nur die Stadt, sondern auch den Bergbau („O Almerich, Almerich, tu dich zu“ = der Berg schließt sich und somit sind die Erze nicht mehr zugänglich) und verwüstete das gesamte Umfeld (Es bleibt kein Hirte bei der Kuh!“).

Bis in das 20. Jahrhundert galten diese Sagen als Mythen und wurden nicht mit der Kuppe des Almerich, heutzutage der Altenberg bei Hilchenbach-Müsen im Siegerland, in Verbindung gebracht. Dies blieb auch so, selbst als in den 1960er Jahren dort Mauern sowie Münzschätze entdeckt wurden. Zwischen 1969 bis 1986 fanden erstmals systematische Ausgrabungen der Universität Göttingen, des Deutschen Bergbau-Museums Bochum sowie der LWL-Archäologie für Westfalen statt, als die Bundesautobahn 4 über diese Bergkuppe geplant wurde. Dabei erkannte Uwe Lobbedey das Nebeneinander von Gebäuden und Bergbau-Schächten, die Gerd Weisgerber und Claus Dahm ausgruben. Erstmals in der Bundesrepublik Deutschland wurde eine Bergbausiedlung des Hochmittelalters großflächig samt Schächten, Aufbereitungs- und Verhüttungsareal des 13. Jahrhunderts interdisziplinär untersucht – eine Sternstunde der Montanarchäologie!

Die vorbildhaften Forschungen konnten aber erst 1998 veröffentlicht werden, was erheblich die Bedeutung der Maßnahmen schmälerte. Denn mittlerweile waren mittelalterliche Siedlungsgrabungen Standard und viele der 1998 getätigten Deutungsansätze zu vorsichtig oder gar bereits überholt.

2013 initiierte der Altenberg & Stahlberg e.V. Müsen die Wiederaufnahme der Forschungen zusammen mit der LWL-Archäologie für Westfalen sowie dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum. Im Fokus stand zunächst der Altenberg selbst, dann sein Montanumfeld zwischen Kreuztal-Burgholdinghausen, Kreuztal-Ferndorf und Hilchenbach-Müsen. Dieses Gebiet fassen wir als ‚Almerich‘.

Gefördert mit Landesmitteln Nordrhein-Westfalens wurden Prospektionen, 3D-Dokumentationen mittels terrestrischem Laserscanner, Bohrungen und weitere Ausgrabungen durchgeführt. Überdies konnten die Erkenntnisse der Altforschung neu bewertet und dem jetzigen Forschungsstand angepasst werden. Heute wissen wir, dass bereits spätestens im 12. Jahrhundert die Region von ortsfremden Spezialisten aufgesucht wurde. Auf der Suche vor allem nach Kupfer- und Silbererzen wurden Schächte und Stollen gegraben, Hüttenplätze in den benachbarten Tälern errichtet und nachdem die Montanregion etabliert war, entstand mit dem Altenberg ihr Zentrum samt Burg. Ende des 13. Jahrhunderts wurde die Siedlung in einer kriegerischen Handlung zerstört und auch das Montan-Umfeld daraufhin aufgegeben.

Drei silberne Pfennige des späten 13. Jahrhunderts auf Deberz. (Foto: LWL/ H. Menne)

Die Montanregion Almerich ist Deutschlandweit bedeutend, da sie räumlich und zeitlich eng geschlossen ist. Sie existierte nur wenige Generationen und wurde danach nicht durch direkt anschließende Montanphasen überprägt bzw. abgetragen. So haben sich bis heute zahlreiche Stollen, Bergbauwüstungen und Hüttenkomplexe im hervorragenden Zustand erhalten und können erforscht werden. Der Altenberg selbst ist vom Altenberg & Stahlberg e.V. Müsen als Freilichtmuseum erlebbar gemacht und einen Besuch wert!

Eines der ältesten Kegelspiele der Welt. (Foto: LWL/H. Menne)

Die Forschungen vereinen archäologische, archäometallurgische, geoarchäologische, geophysikalische, geologische, historische, anthropologische, anthrakologische, dendrochronologische sowie palynologische Teilprojekte mit KooperationspartnerInnen der Universitäten Frankfurt, Köln, Bochum und München sowie freischaffenden Wissenschaftlern oder Restauratorinnen.

Hauptforschungsthemen sind die Bergbau- und Technikgeschichte, die Rekonstruktion hochmittelalterlicher Verhüttungsvorgänge und die Genese von Betriebs- und Arbeitsorganisation. Genauso stehen aber auch die Entstehung und Entwicklung neuer Bergbausiedlungen fremder Spezialisten, die soziale Struktur der Montan-Gesellschaft sowie der Einfluss der Montanaktivitäten auf den Naturraum im Fokus.

Die Forschungsstrategie umfasst auch die Neubewertung der Altforschung bis in die 1990er Jahre sowie die übergreifende Auswertung des Almerich im überregionalen Montan-Kontext des Hochmittelalters. Die Kooperation von Forschungsinstitut (Deutsches Bergbau-Museum Bochum), Bodendenkmalpflege (LWL-Archäologie für Westfalen) und Bürgerwissenschaft (Altenberg & Stahlberg e.V. Müsen) ist dabei die Voraussetzung einerseits dafür, dass flächenmäßig breit Forschungen realisiert werden können und andererseits auch dafür, dass die Forschung an einen breiten Kreis Interessierter vermittelt werden können. Daher ist die Publikationsstrategie und Präsentationsstrategie (mit Ausstellungen, Workshops und Exkursionen) sowohl auf montanarchäologisch spezialisiertes Fachpublikum als auch auf Interessierte ohne archäologische Vorbildung gerichtet.