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... auf dem Blog der LWL-Archäologie für Westfalen. Mit unseren Beiträgen informieren wir über unsere Arbeit, über die aktuellsten Ausgrabungen und neuesten Erkenntnisse aus allen Regionen Westfalens und allen Fachgebieten.
 
Wir wünschen viel Spaß beim Lesen und freuen uns auf viele Besucher sowie angeregte Diskussionen!

Ein Baumsturz voller Dachziegel gab einen Anhaltspunkt für die Grabung nach dem einstigen Wächterhäuschen der „Alten Eisenbahn“ (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/N. Wolpert).

Die „Alte Eisenbahn“ bei Willebadessen – Abgebrochen, jedoch nicht vergessen!

Studierende der Universität Kiel berichten über ihre Lehrgrabung im Eggegebirge

1847, Eggegebirge. 500 Arbeiter laufen auf einer Großbaustelle umher. Ihr Auftrag: der Bau eines Eisenbahntunnels. Dieser jedoch sollte nie vollendet werden. Heute, im Jahr 2017, untersuchen wir, Studierende der Ur- und Frühgeschichte an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, unter der Leitung von Fritz Jürgens in Kooperation mit der LWL-Archäologie für Westfalen, vertreten durch Nils Wolpert, die ehemalige Baustelle an der „Alten Eisenbahn“. Tatkräftige Unterstützung leistete uns Pascal Ellinghoven, der zurzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Denkmalpflege absolviert. Nachdem bereits im letzten Jahr die zur Tunnelbaustelle gehörige Schenke untersucht wurde sowie eine Tauchprospektion der gefluteten westlichen Tunneleinfahrt stattgefunden hat, war das Ziel dieser zweiwöchigen Grabung im März/April, das ehemalige Wächterhäuschen zu lokalisieren. Für die meisten von uns sollte diese Grabung die erste Chance sein, einen Einblick in den praktischen Archäologenalltag zu bekommen.

Katrin Anna Lehnen von der Universität Kiel legt die Grundmauer des Wächterhäuschens frei (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/N. Wolpert).

Der ungefähre Standort der Wächterhäuschen war dank einer alten Karte bekannt. Konkrete Hinweise lieferte ein auffällig konzentriertes Ziegelschuttaufkommen in einem Baumsturz. An dieser Stelle legten wir also unseren ersten Schnitt an und hofften, auf die Grundmauern der Wächterhäuschen zu stoßen. Der Schnitt brachte zwar Unmengen an Ziegelschutt hervor, bedauerlicherweise jedoch kein Fundament. Unser Grabungsleiter Fritz ermunterte uns währenddessen mit den Worten, dass es in der Archäologie auch erkenntnisreich sein könne, nichts zu finden. Die nächsten Schnitte, die im näheren Umfeld des Baumsturzes angelegt wurden, bestätigten, dass wir uns nur um wenige Meter verschätzt hatten. Erfreulicherweise brachte einer der zwei neu angelegten Suchschnitte tatsächlich ein Fundament zu Tage, das als Teil der Grundmauer der Wächterhäuschen identifiziert werden konnte. Der Durchbruch! Nun ließen sich die Dimensionen des Bauwerks besser abschätzen und gezielt weitere Schnitte vornehmen; im Idealfall sollten so weitere Fundamentreste freigelegt werden. Dieser Plan ging auf. Wir entdeckten weitere Abschnitte der Grundmauer, sodass letztendlich das Ausmaß der Grundfläche der Wächterhäuschen rekonstruiert werden konnte.

Auch Grundlagen der Vermessungstechnik waren Teil der Lehrgrabung (Foto: CAU Kiel/F. Jürgens).

Die genaue Funktion der Wächterhäuschen ist indes noch nicht bekannt. Allerdings geben Kleinfunde wie Keramik- und Glasscherben, Pfeifenteile und ein Holzlöffel Hinweise darauf, dass an dieser Stelle in jedem Fall gegessen, getrunken und geraucht wurde. Des Weiteren entdeckten wir eine Scherbe einer Glasflasche, die das unversehrte Siegel einer Glashütte zeigt, deren Standort in unmittelbarer Nähe zur Tunnelbaustelle vermutet wird. Neben Grundmauern sind weitere Elemente des Gebäudes erhalten: Hier ist neben stark korrodierten Eisenobjekten wie Nägeln und Türscharnieren auch ein verhältnismäßig gut erhaltener Holzbalken zu nennen, der vermutlich zu einer Raumtrennung gehörte. Unser final angelegter Schnitt enthüllte dazu noch, dass das Gebäude über einen Anbau verfügte, dessen Boden mit Steinen gepflastert worden war.

Ein Team des WDR filmte das Grabungsgeschehen und ließ sich die Funde zeigen (Foto: E. Reinke).

Schon im Vorfeld der Grabungen zeichnete sich ein großes öffentliches Interesse an der „Alten Eisenbahn“ ab. Zahlreiche Anwohner, lokale und überregionale Medien sowie ein Filmteam des Westdeutschen Rundfunks wollten über die Ausgrabung und deren Fortschritt informiert werden. Aus diesem Grund boten die Grabungsleiter und Dr. Sven Spiong, der Leiter der Außenstelle Bielefeld der LWL-Archäologie, eine öffentliche Führung an, welche so viele interessierte Besucher anlockte, dass diese sogar in mehrere Gruppen aufgeteilt werden musste.

Ein Blick auf die mittelalterliche Altstadt von Warburg (Foto: K. A. Lehnen).

Auch wir erhielten an diesem Wochenende eine Führung: Wir nutzen die grabungsfreie Zeit als Exkursionstag, um die Region zu erkunden, was eine willkommene Abwechslung zum arbeitsreichen Grabungsalltag bot. Die Burg auf dem Desenberg und die mittelalterliche Stadt Warburg mit ihren zahlreichen Fachwerkbauten standen auf dem Programm. Zum Abschluss des Tages besuchten wir das innerhalb eines neolithischen Erdwerks gelegene Galeriegrab von Warburg-Rimbeck.

Das Grabungsteam auf dem Desenberg bei Warburg (Foto: E. Reinke).

Nach zwei Wochen können wir sagen, dass wir viele neue Erkenntnisse gewonnen haben. Unter anderem haben wir Prospektionsmethoden und Grabungstechniken kennengelernt sowie das maßstabsgenaue Zeichnen von Befunden im Planum und Profil. Ebenfalls wichtig war die Vermessung der einzelnen Schnitte und der Grabungsstätte als Ganzes. Auch wurde uns beigebracht, unsere Arbeit zu dokumentieren, wie Funde ordnungsgemäß zu reinigen sind und wie mit Fundmaterial allgemein zu verfahren ist, damit dieses vor dem Verfall geschützt werden kann. Diese Grabung war für uns Studierende eine bestärkende Erfahrung darin, sich für den richtigen Studiengang entschieden zu haben. Wir möchten dem LWL und ganz besonders unseren Grabungsleitern Fritz und Nils dafür danken, dass sie uns die Möglichkeit eröffnet haben, an einem so tollen Ort die ersten praktischen Erfahrungen sammeln zu dürfen, und dass sie so viel Geduld mit uns hatten, obwohl wir es ihnen mit Sicherheit nicht immer einfach gemacht haben! Mit diesen Worten möchten wir an dieser Stelle schließen, und sollte es eine weitere Grabung im Eggegebirge geben, Fritz, Nils: Wir sind gerne wieder mit an Bord. Danke, lieb, dass ihr uns fragt!

 

Kiel, den 19.04.2017 / Text: Ann-Katrin Walther, Elisa Schermer, Eva Reinke, Svenja Berkensträter, Tim Dittmann, Katrin Anna Lehnen

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Publikationsdatum: 19.04.2017

Themen: Außenstelle Bielefeld, Zentrale Dienste, Aktuelle Grabungen