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Wir wünschen viel Spaß beim Lesen und freuen uns auf viele Besucher sowie angeregte Diskussionen!

Steinaxt aus Serpentinit mit original Fundbeschreibung des Finders Clemens Bremer aus dem Jahr 1880, Foto: LWL/C. Hildebrand

Der Weg einer Steinaxt

Schenkung eines besonderen „Familienfundstückes“ von 1880

Im letzten Jahr wurde bei Dr. Hans-Otto Pollmann von der LWL Archäologie für Westfalen/Außenstelle Bielefeld ein ganz besonderer Fund abgegeben. Es handelt sich um eine Steinaxt, die bereits 1880 gefunden und zum ersten Mal wissenschaftlich beschrieben wurde. Der Fund blieb im Besitz des Finders und gelangte als Schenkung erst jetzt – nach fast 140 Jahren – wieder in die Hände der Bodendenkmalpflege.

Portrait Clemens Bremers (Quelle: zur Verfügung gestellt von Kurt Bremer)

Übergeben wurde die Steinaxt im letzten Jahr von Helmut Bremer, einem Urenkel des Finders Clemens Bremer aus Borgentreich Körbecke im Kreis Höxter. Clemens Bremer wurde am 25. Januar 1835 geboren und übernahm nach dem frühen Tod seines Vaters den elterlichen Hof. Neben der landwirtschaftlichen Arbeit widmete er sich jedoch auch der Geschichte seines Heimatortes und verfasste die „Chronik der Gemeinde Körbecke“ sowie einen Gedichtband mit dem Titel „Landmannsklänge“.

Original Fundbeschreibung verfasst von Clemens Bremer in Sütterlin, rechts eine Abschrift in Normalschrift, Foto: LWL/C. Hildebrand

Im Rahmen dieser Chronik finden sich weitere Hinweise zu den Fundumständen der Steinaxt. Sie wird dort als „Steinwaffe, Steinaxt oder Steinhammer“ beschrieben und mit einem Gewicht von 2,5 Pfund aufgeführt. Des Weiteren berichtet Clemens Bremer, dass er seinen Fund bei einer Versammlung des Westfälischen Altertumsvereins in Warburg ausgestellte hatte und dort vermutlich nähere Informationen zu dem Stück erhielt. Damals schätzte man das Alter auf einen Zeitraum, der sich „ziffernmäßig nicht bestimmen [ließ]“, dabei aber „in die Übergangsperiode aus der älteren in die neue Steinzeit“ zu datieren sei.

Steinaxt aus Serpentinit, Seitenansicht und Aufsicht, Foto: LWL/C. Hildebrand

Diese Einschätzung ist nach heutigen Erkenntnissen nicht ganz korrekt. Formvergleiche mit Stücken aus der Literatur zeigten, dass es sich bei der Steinaxt um eine jütländische Streitaxt oder auch K-Axt handelt. Diese und formähnliche Artefakte sind aus dem Endneolithikum und der älteren Bronzezeit bekannt. Beziffert ergibt sich daraus ein Zeitraum von etwa 2800-1800 v. Chr. Angesichts des damaligen Kenntnisstands zur Datierung solcher Objekte ist es nicht verwunderlich, dass zu Zeiten von Clemens Bremer eine nähere Eingrenzung nicht möglich war. Die Einschätzung, dass der Fund aus der „grauen Vorzeit“ stammt, ist jedoch zutreffend.

Auch eine erste Einschätzung zum verwendeten Material ist in der Chronik von Clemens Bremer verzeichnet: Der Steinhammer sei aus Serpentin gefertigt worden. Dieses Rohmaterial stamme aus „Schlesien, Sachsen und der Rheinprovinz“. Auch diese Einschätzung trifft weitestgehend zu, auch wenn das Gestein fachlich korrekt als Serpentinit zu bezeichnen ist. Die Begrifflichkeiten werden jedoch auch heute noch häufig verwechselt.

Abbildung des goldenen Armreifs aus Heft 1 der Reihe „Die Warte“ von 1941 (Quelle: Zur Verfügung gestellt von Kurt Bremer)

Der Fundplatz der Steinaxt, ein Flurstück mit dem Namen „auf der vordere[n] Goder“, ist auch für einen anderen Fund bekannt, der schon in den 1860er Jahren erfolgte und ebenfalls in Bremers Chronik Erwähnung findet. Ein „Grundstückseigentümer auf dem vorderem Goder“ fand damals einen goldenen Armreif und einen Ring. Diese wurden im 19. Jahrhundert unter Vermittlung durch einen ansässigen Gutsbesitzer und einen Professor aus Paderborn an das Altertumsmuseum in Berlin gegeben, in dessen Sammlung sie sich noch heute befinden.

Clemens Bremers Ausführungen zur Steinaxt enden indes mit den Worten: „Einer Abgabe an eine Sammelstelle habe ich widerstanden.“
Umso erfreulicher ist es, dass der Fund nach so vielen Jahren schließlich doch noch bei der LWL-Archäologie für Westfalen abgegeben wurde, denn so lässt sich das Bild einer Kulturlandschaft der Region vervollständigen. Insbesondere im Endneolithikum und in der Bronzezeit lassen sich in Westfalen kaum noch Siedlungsplätze nachweisen, weshalb Streufunde wie die Steinaxt aus Körbecke umso bedeutsamer sind. Im Kontext betrachtet liefert auch ein solcher Einzelfund schließlich neue Informationen zu den Aktivitäten früherer Generationen in diesem Bereich.  Beispielsweise liegt die Fundstelle in diesem Fall am Rande eines Quellmündungsgebiets, das Weideflächen und Wasserstellen für die Viehhaltung bereithielt, während die höher liegenden Terrassen sich zum Campieren eigneten.

Geländemodell mit markiertem Fundort der Steinaxt. Der Quellmündungsbereich zieht von der Ortschaft Körbecke im Nordosten nach Süden, links und rechts davon sind die höher gelegenen Terrassen erkennbar. (Quelle: intern)

Mit diesem Wissen kann nun sichergestellt werden, dass zukünftige Bauprojekte innerhalb dieses Areals von der LWL-Archäologie begleitet werden, sodass mögliche Bodendenkmäler nicht zu Schaden kommen bzw. sachgerecht dokumentiert werden können.
 

An dieser Stelle gilt der Dank nicht nur dem Spender Helmut Bremer, sondern auch Kurt Bremer, einem weiteren Urenkel des Finders, der das schriftliche Vermächtnis von Clemens Bremer zusammengetragen, erweitert und zur Verfügung gestellt hat.

 

Text: Sophia Lippe

Publikationsdatum: 06.05.2020

Themen: Außenstelle Bielefeld