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Glücklicherweise bietet der Eingangsbereich der Zentralen Fundarchivs ausreichend Platz zum Rangieren (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/N. Wolpert).

Eine 150 Jahre lange Fundgeschichte.

Der Einbaum aus dem Zentralen Fundarchiv geht auf Reisen

Zentimeterarbeit war gefragt, als der 25-Tonner am Donnerstagmorgen vor dem Zentralen Fundarchiv der LWL-Archäologie für Westfalen in der Münsteraner Speicherstadt parkte. Ein rund 1000 Jahre alter Einbaum sollte abgeholt und in das LWL-Museum für Naturkunde gebracht werden. Dort wird am 30. September die neue Sonderausstellung „Wasser bewegt – Erde Mensch Natur“ eröffnet, in der der Einbaum sinnbildlich für den frühen Flussverkehr steht.

Wie der Name sagt, sind Einbäume Boote, die aus einem einzigen Stamm gearbeitet worden sind: Das Innere des Stammes wurde mit einem Beil ausgehöhlt oder auch ausgebrannt. Einbäume dienten sowohl zum Fischfang als auch zum Transport von Mensch und Waren. Dieser Bootstyp wird in Europa seit der Mittelsteinzeit gebaut, als nach der letzten Eiszeit das Land stark bewaldet war und es erstmals ausreichend dicke Bäume gab. Das älteste Exemplar Europas wurde im niederländischen Pesse gefunden und stammt aus den Jahren um 6300 v. Chr.

Nur knapp passt der LKW im rechten Winkel vor den Treppenaufgang des Zentralen Fundarchivs (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/ N. Wolpert).

Der Einbaum aus dem Zentralen Fundarchiv wurde im Jahr 1866 in Werne aus der Lippe geborgen. Anlass waren die Bauarbeiten an der Lippebrücke zwischen Werne und Rünthe, die in den Jahren 1865 bis 1868 erneuert wurde. Im Zuge dieser Baumaßnahme kam noch ein weiterer Einbaum zu Tage, der jedoch inzwischen verschollen ist. Als 1940 erneut Brückenbauarbeiten an dieser Stelle erfolgten, wurde noch ein drittes Exemplar gefunden, das heute im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm liegt.

Das Exponat für das Naturkundemuseum ist etwa 6,30 m lang und aus Eiche gefertigt. Wie auf den Bildern zu sehen ist, ist der Einbaum stark verzogen, d.h. er wirkt in seiner Längsachse verdreht. Außerdem sind leider Bug und Heck nicht erhalten – die ursprüngliche Länge bleibt damit unbekannt. Gebaut wurde der Einbaum in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, er stammt also aus dem Mittelalter. Diese Altersbestimmung erfolgte mittels der Dendrochronologie: Diese Datierungsmethode untersucht die Breite der Jahrringe des Holzes, die in Abhängigkeit von Witterungsbedingungen unterschiedlich stark ausfällt. Eine Holzprobe kann mit Hilfe von Vergleichsdaten, den sog. Jahresringtabellen, eingeordnet und auf diese Weise datiert werden.

Dr. Birgit Münz-Vierboom, die Leiterin der Zentralen Dienste, inspiert den Einbaum zusammen mit dem Direktor des Naturkundemuseums, Dr. Jan Ole Kriegs (Foto: LWL-Archäologie/ K. Burgemeister).

Auf diese frühe Form eines Bootes stieß das Team um Museumsdirektor Dr. Jan Ole Kriegs bei der Recherche von Ausstellungsstücken im Zentralen Fundarchiv. Nun wurde der Einbaum von einer Spedition, die auf den europaweiten Transport musealer Stücke spezialisiert ist, abgeholt. Für die beiden Mitarbeiter der Spedition war dieser jedoch nicht sonderlich aufregend: „Manchmal transportieren wir Stücke mit millionenschweren Versicherungswerten, dann bekommen wir meistens Geleit von Polizei oder bewaffneten Sicherheitsdiensten. Von Begleitfahrzeugen bis zum Hubschrauber haben wir schon alles erlebt. Ich erinnere mich da an ein Picasso-Gemälde, dass wir quer durch Europa gefahren haben.“

Da Einbäume üblicherweise Flussfunde sind, haben sie keinen archäologischen Zusammenhang, über den sie datiert werden könnten. Obwohl Einbäume noch in der späten Neuzeit gebaut wurden, hielt sich lange Zeit die Tradition, Funde dieses Bootstyps pauschal als steinzeitlich oder urgeschichtlich zu beschreiben. Erst neuere Datierungsmethoden wie die oben beschriebene Dendrochronologie konnten das Alter genauer bestimmen und damit auch nachweisen, dass viele Einbaumfunde jüngeren Datums sind, also aus dem Mittelalter und der Neuzeit stammen. Diese Exemplare fallen häufig dadurch auf, dass sie über einen rechteckigen Querschnitt verfügen und zu schmal erscheinen, als dass sie stabil im Wasser lägen. Des Weiteren lassen sich an ihnen oft Ausstemmungen und Bohrungen feststellen. Diese Charakteristika weisen darauf hin, dass derartige Einbäume keine eigenständigen Wasserfahrzeuge waren, sondern Teile einer größeren Konstruktion. In der Forschung nimmt man an, dass es sich hierbei um Fähren handelte, die aus zwei oder mehreren Einbäumen bestanden, die wiederum durch eine Bohlenabdeckung miteinander verbundenen waren. Unser Einbaum aber entspricht mit seinem runden Querschnitt und der beachtlichen Länge eher der „klassischen“ ur- und frühgeschichtlichen Bauweise.

Der Einbaum verlässt die Speicherstadt (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/ N. Wolpert).

Zusammen mit dem Einbaum wurden noch weitere Großexponate aus dem Zentralen Fundarchiv abgeholt. Dazu zählen etwa ein aus einem Baumstamm gefertigter, spätantiker Brunnen von 70 cm Durchmesser sowie eine hölzerne Wasserleitung. Ab dem 30. September sind diese und zahlreiche weitere Exponate in der Sonderausstellung des LWL-Naturkundemuseums Münster zu sehen, die veranschaulicht, wie sich Mensch und Tier an das Wasser als Ressource und Lebensraum angepasst haben.

 

Text: Nils Wolpert

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