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... auf dem Blog der LWL-Archäologie für Westfalen. Mit unseren Beiträgen informieren wir über unsere Arbeit, über die aktuellsten Ausgrabungen und neuesten Erkenntnisse aus allen Regionen Westfalens und allen Fachgebieten.
 
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Schicht im Schacht

Die „Alte Eisenbahn“ von 1846/47 im Eggegebirge

Wandert man zwischen den Städten Lichtenau und Willebadessen über das Eggegebirge, so stößt man auf zwei bis zu 20 m tiefe und 200 m lange Einschnitte im Fels. Deren gerader Verlauf offenbart schnell, dass ihr Entstehen nicht natürlich ist. Bei diesem imposanten Bodendenkmal handelt es sich um die Überreste der im Volksmund so genannten Alten Eisenbahn, die derzeit Gegenstand archäologischer Untersuchungen durch die LWL-Archäologie für Westfalen ist.

 

Im Jahr 1841 schlossen die preußische Krone, die Herzogtümer Sachsen-Weimar-Eisenach und Sachsen Coburg-Gotha sowie das Kurfürstentum Hessen einen Vertrag, miteinander eine Ost-West verlaufende Eisenbahntrasse zu bauen. Zur Umsetzung dieses Vorhabens wurde kurz darauf in Paderborn die „Cöln-Minden-Thüringer Verbindungs-Eisenbahngesellschaft“ gegründet, eine von privaten Investoren getragene Kapitalgesellschaft. Die Bahnstrecke sollte zwischen der hessisch-westfälischen Landesgrenze und Lippstadt verlaufen.

Die größte Herausforderung der Strecke stellte die Überwindung des Eggegebirges dar, das schließlich zwischen Lichtenau und Willebadessen (Kr. Paderborn und Höxter) mittels eines Tunnels durchquert werden sollte. An dieser Entscheidung war maßgeblich der für den Bau der Strecke engagierte Oberingenieur Pickel beteiligt, der sich durch seine Erfahrungen beim Eisenbahnbau in England qualifiziert hatte. Schließlich begannen im Jahr 1846 die Bauarbeiten an dem 560 m langen Tunnel.

Der östliche Einschnitt (Foto: F. Jürgens).

Während der Bauarbeiten kam es jedoch zu verschiedenen Problemen: Die geologischen Bedingungen vor Ort erwiesen sich als sehr schwierig und so hatte man unter anderem mit in den Tunnel einbrechendem Wasser zu kämpfen. Politische Unruhen führten weiterhin dazu, dass die Aktionäre nicht mehr bereit waren, das zugesagte Kapital zu zahlen, weshalb der Bau des Tunnels 1847 abgebrochen wurde. Nach der Übernahme der Eisenbahngesellschaft durch den preußischen Staat Ende 1848 wurde eine alternative Streckenführung über Altenbeken durchgesetzt und im Jahr 1853 durch König Friedrich Wilhelm IV. eröffnet.

Die Eingänge des Tunnels, den man von beiden Seiten in den Berg getrieben hatte, wurden nach der Aufgabe der Baustelle gesprengt, damit niemand durch eventuellen Felssturz zu Schaden kommen konnte. Durch die in den Berg gegrabenen Einschnitte entstanden zwei eindrucksvolle Schluchten, die bis heute das Gelände prägen. Mit dem Abraum wurde vor dem östlichen Einschnitt ein Bahndamm errichtet, der noch heute eine mächtige Höhe von 12 m bei etwa 100 m Länge aufweist.

Der Blick auf das abrupte Ende des mächtigen Bahndammes (Foto: F. Jürgens).

Im Sommer dieses Jahres wurden vor Ort unter Leitung der Außenstelle Bielefeld in Kooperation mit den Zentralen Diensten weiterführende archäologische Maßnahmen durchgeführt. Für die freundliche Genehmigung hierfür sei dem Grundstückseigentümer Freiherr Konstantin von Wrede ganz herzlich gedankt. Mit der Hilfe ehrenamtlicher Mitarbeiter wurde eine Geländebegehung durchgeführt: Die Eisenbahnbaustelle bestand nämlich nicht nur aus der Tunnelanlage selbst, sondern auch aus diversen Versorgungsbauten, unter anderem einer Schmiede, einer Tischlerei und einer Schenke. Deren ungefährer Standort geht aus einem alten Lageplan hervor und sollte nun präzise lokalisiert werden. Im Falle der Schenke gelang dies bereits, da hier oberflächlich viele Bruchstücke von Dachziegeln zu finden waren. Die Schenke war auf einer 20 x 6 m messenden Terrasse in den Hang hinein gebaut worden. Zur näheren Erforschung wurden in diesem Bereich mehrere Grabungsschnitte angelegt.

Grabungsmitarbeiter messen die angelegten Schnitte ein (Foto: LWL-Archäologie/F. Jürgens).

Allzu tief musste nicht gegraben werden, schon nach 10 cm Oberboden erschienen die archäologischen Befunde. Da das Gelände bewaldet ist, erschwerten stellenweise Baumwurzeln die Arbeit des Grabungsteams. Um den Hang zu sichern, war rings um die Terrasse eine Stützmauer aus grob zugehauenen Steinen errichtet worden.

Vom Gebäude selber fanden sich nur wenige Reste, zum Beispiel eine rechteckige Steinpflasterung, die etwa 2,7 x 1,2 m maß. Bei dieser Pflasterung handelt es ich vermutlich um die Reste einer Ofen- oder Kaminstelle. Dazu passen auch die Backsteine, die sich konzentriert neben der Pflasterung fanden und wohl das Fundament eines Schornsteins bildeten. Weiterhin konnte eine ca. 7 m lange Mauer dokumentiert werden, die das Fundament einer Hauswand darstellt. Das Gebäude wurde wahrscheinlich als Fachwerkbau errichtet, der nach der Insolvenz der Eisenbahngesellschaft abgetragen wurde, um an anderer Stelle als Baumaterial weiterverwendet zu werden.

Die in Teilen freigelegte Stützmauer, die zur Sicherung der Terrasse errichtet wurde (Foto: LWL-Archäologie/F. Jürgens).

Insgesamt zeigte sich, dass das Gebäude mit einer Ausdehnung von etwa 15 x 5 m relativ klein war, wenn man berücksichtigt, dass mindestens 500 Arbeiter am Tunnelbau beteiligt waren. Somit ist die Schenke eher als Versorgungsstätte der leitenden Ingenieure und – nicht zu vergessen – der Baustellenbesucher zu sehen. Eine Baustelle dieser Größe, nicht zuletzt auch dank revolutionärer Technik aus England bewerkstelligt, stellte in der ländlichen Region ein Jahrhundertereignis dar.

 

Das Fundmaterial besteht vor allem aus Glasscherben, die von Wein- oder Schnapsflaschen stammen, aber auch von Fensterscheiben (Foto: Institut für Ur- und Frühgeschichte der CAU Kiel/A. Heitmann).

Zwar kamen bei der Grabung nicht allzu viele Funde zu Tage, jedoch fügen sich diese gut in den Zusammenhang einer Schenke. So fanden sich Bruchstücke mehrerer Glasflaschen, die wohl Wein oder Spirituosen enthielten, ebenso wie das Fragment einer Tabakpfeife.

Der geflutete westliche Einschnitt wird in Kürze durch Taucher der Universität Kiel erforscht (Foto: LWL-Archäologie/D. Bérenger).

Die im Sommer dieses Jahres durchgeführten Maßnahmen zeigten, dass in der „Alten Eisenbahn“ großes Potential zur Ergründung der Arbeitsverhältnisse auf einer Großbaustelle des 19. Jahrhunderts liegt. Um auch zukünftig weitere Aspekte dieses singulären Denkmals untersuchen zu können, plant die LWL-Archäologie für Westfalen weitere Maßnahmen in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen. Noch in diesem Jahr sollen Forschungstaucher der Arbeitsgruppe für maritime und limnische Archäologie (AMLA) der Universität Kiel den gefluteten westlichen Einschnitt betauchen, um hier näherer Aufschlüsse über den Bauverlauf und -fortschritt, der nach wie vor ungeklärt ist, zu erlangen. Dies stellt für die LWL-Archäologie eine Premiere dar, da in Westfalen noch nie zuvor unterwasserarchäologische Untersuchungen durchgeführt wurden. Über die Ergebnisse werden wir natürlich an dieser Stelle berichten.

 

Text: Fritz Jürgens und Nils Wolpert

Publikationsdatum: 14.11.2016

Themen: Außenstelle Bielefeld, Zentrale Dienste, Projekte