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Siegen, Tiefbunker. Brennraum des Ofens mit Koksresten, der der Beheizung der großen unterirdischen Anlage diente (LWL-Archäologie für Westfalen/T. Poggel)

Archäologie der Moderne

Ein Luftschutzbunker in der Siegener Innenstadt

Kürzlich war an dieser Stelle die Rede von einer Splitterschutzzelle, dem kleinsten Vertreter verschiedener Luftschutzbauten. Im Zuge eines Neubauprojektes in der Siegener Innenstadt müssen nun Teile eines Tiefbunkers des Zweiten Weltkrieges weichen, der einst über 500 Menschen Schutz bot. Mitarbeiter der Außenstelle Olpe begaben sich unter Tage und fertigten eine Dokumentation an.

In einem Mobilmachungsplan der Luftwaffe wurde Siegen als „Luftschutzort I. Ordnung“ klassifiziert, nicht nur, weil die Stadt ein strategisch wichtiger Verkehrsknotenpunkt und Wehrmachts-Standort war, sondern auch weil hier kriegsbedeutende Großindustrie produzierte. Die damit verbundene Forcierung des Luftschutzausbaus mündete unter anderem in dieser Anlage, welche täglich von tausenden Leuten „übergangen“ wird, die aber nur noch wenigen bekannt sein dürfte.

Unter dem Gehweg liegt die originale Zugangstreppe des zwischen 1938 - 1941 errichteten Bunkers, dessen Kosten sich auf ca. 600.000 Reichsmark (im Vergleich: 1938 betrug das durchschnittliche Jahreseinkommen ca. 1400 Reichsmark) belaufen haben sollen. Ein zweiter Zugang befindet sich, den Bestimmungen für den Bau von Luftschutzanlagen gemäß als Notausgang auf der anderen Seite der Anlage. Jeweils hinter einer kleinen Vorschleuse liegt eine Gasschleuse mit zwei unabhängig voneinander verschließbaren Türen, die – im Zusammenspiel mit einem Überdruck im Inneren des Bunkers – das Eindringen kampfstoffhaltiger Gase verhindern sollten. In 26 einzelnen, leeren Räumen waren einst Sitz- und Liegeplätze für die Schutzsuchenden. Im Zentrum der Anlage liegt ein kleiner Aufenthaltsraum. An dem einen Ende des längsten Flures befindet sich ein noch fast vollständig erhaltener Abort für die Männer, an dem anderen Ende der Abort für die Frauen. Da sich die Anlage unterhalb der städtischen Kanalisation befindet, musste das Abwasser über eine Pumpe nach oben gefördert werden.

Zur weiteren technischen Ausstattung gehörte ein (elektrisch/manueller) Luftförderer, der Außenluft ansaugte, filterte und im Bunker verteilte. Im Gasfall wäre die kontaminierte Luft in einer speziellen „Kampfstoff-Belüftung“ gereinigt und über einen sekundären Luftförderer weiterverteilt worden. Ein noch vorhandener Ofen mit Koks im Brennraum war zwar, insbesondere bei einer anzunehmenden Überbelegung, verzichtbar, entsprach aber der Forderung, dass die „Schutzluft“ jederzeit auf 15°C erwärmt werden können muss. Die Stromzufuhr für die Lüfter und die Beleuchtung erfolgte über das städtische Netz. Ein Notstromaggregat kam bei einem Stromausfall zum Einsatz.

Nachleuchtende Phosphorstreifen auf einem Flur zur Orientierung bei Stromausfall (LWL-Archäologie für Westfalen/T. Poggel)

Es ist anzunehmen, dass dieser Tiefbunker zahlreichen Menschen das Leben rettete. Mehrere alliierte Luftangriffe zerstören ca. 75 % des Stadtgebietes. Dabei starben aber „nur“ weniger als 2,5 % der zivilen Bevölkerung, was auf die zahlreichen, schon früh gebauten Bunker, Deckungsgräben und Luftschutzstollen im Raum Siegen zurückzuführen ist. Ferner ist es auf dem europäischen Kriegsschauplatz, nach den grausamen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, nie zu einem Einsatz chemischer Kampfmittel gekommen. Aus Angst vor Vergeltungsschlägen verzichteten die Kriegsparteien auf Gasangriffe; der dokumentierte Bunker musste seine angestrebte Gasdichtigkeit nicht unter Beweis stellen.

Erst 2019 wurde die Anlage aus der Zivilschutzbindung entlassen, bis dahin sollte ihre Grundsubstanz – insbesondere zu Zeiten des Kalten Krieges – für eine eventuelle Nachnutzung erhalten bleiben. Nun aber wird der Bunker einer neuen Bebauung zumindest teilweise Platz machen müssen.

Thomas Poggel M.A.

Publikationsdatum: 04.03.2020

Themen: Außenstelle Olpe, Neufunde