Am Rande der bekannten Welt – Siedlungsspuren der Rössener Kultur am nördlichen Ausläufer des Teutoburger Waldes

20.02.2026 Eva Johannhörster

Drohnenaufnahme über die Trassengrabung mit Blick Richtung Süd-Ost (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/A. Wibbe)

Unverhofft kommt oft

Im nördlichen Westfalen sind nur wenige Siedlungsspuren der ersten Bauern der frühen und mittleren Jungsteinzeit bekannt. Umso überraschender war die Entdeckung eines Siedlungsplatzes der Rössener Kultur am nördlichen Fuße des Teutoburger Waldes bei Borgholzhausen im westlichen Kreis Gütersloh. Im Frühjahr und Sommer 2024 traten bei der archäologischen Begleitung des Baus der erdverlegten 110-/380-kV-Höchstspannungsleitung der Amprion GmbH zwischen Hesseln und Borgholzhausen in Süd-Ost abfallendem Gelände zahlreiche Bodenverfärbungen zutage.

 

Grube 180 im Profilschnitt. Aus der Grube stammen mehrere repräsentative Rössener Gefäßscherben und Feuersteingeräte. Auch ein 14C-Datum weist in diesen Horizont (Foto: ARCHAEOnet Aeissen + Görür GbR)

Die Siedlungsaktivität während der mittleren Jungsteinzeit konzentrierte sich auf den unteren Bereich des Hennebergs, etwa 150 m nördlich des heutigen Bachverlaufs, in hochwasserfreiem Gelände. Es handelt sich um die ersten Siedlungsspuren der Rössener Kultur im nordwestlichen Ostwestfalen. Neben drei Pfostengruben, die nur wenig keramisches Material lieferten, wurden auch vier größere Siedlungsgruben archäologisch untersucht, die mit verzierten Kugelbechern und Schüsseln sowie einem kleinen Flintinventar ein charakteristisches Fundensemble des späten Rössener Horizontes widerspiegeln. Aus einer der Gruben konnte Holzkohle für eine 14C-Datierung geborgen werden. Sie datiert den Befund zwischen 4496 und 4345 calBCE und passt sich gut in die typochronologische Einordnung der Keramik ein. Für die Identifizierung eines sicheren Hausgrundrisses haben sich aufgrund von Erosion jedoch nicht genügend Pfosten erhalten.

Von Geißfußstich und Kugelbechern

Im keramischen Material konnten mehrere Gefäßfragmente identifiziert werden, die aufgrund ihrer charakteristischen Merkmale eine Einordnung in den späten Rössener Zeithorizont ermöglichen. In den lederharten Ton der sorgfältig geglätteten Gefäßoberflächen wurde mithilfe von knöchernen oder hölzernen Geräten die charakteristischen Verzierungen und Motive der Rössener Kultur eingestochen und geritzt. Weitmundige Schüsseln mit gekerbten Rändern, Winkelbänder in Furchenstich oder verzierte Gefäßinnenränder sind nur einige Charakteristika. Weiter liegen verzierte Kugelbecher mit dem sogenannten „Geißfußstich“ vor. Es handelt sich um leicht sanduhrförmige Geräteeindrücke – der typische Rössener Doppelstich. In einigen tiefer gestochenen Elementen lassen sich noch heute Reste einer weißlichen Inkrustationsmasse beobachten, die in die Vertiefungen eingebracht wurde, um einen kräftigen Farbkontrast zur dunkleren Keramikoberfläche zu schaffen.

Aufgrund der kleinteiligen Fragmentierung des Materials konnte nur in einem Fall die vollständige Rekonstruktion eines Gefäßprofils vorgenommen werden. Es handelt sich um eine langovale Wanne mit gekerbten Rand und gegenständigen vertikal verlaufenden Doppelknubben.

Neben den Keramikfragmenten stammen aus den Befunden auch einige Feuersteingeräte. Darunter sind Bohrer, Kratzer und mehrere Spitzklingen hervorzuheben, die sich in ein typisches Fundspektrum der mittleren Jungsteinzeit einpassen.

Charakteristisches Fundensemble der Rössener Kultur (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/A. Philippi)

Siedeln am Rande der bekannten Welt

Angesichts der Seltenheit früh- und mitteljungsteinzeitlicher Siedlungsplätze im nördlichen Westfalen kommt der Siedlung der Rössener Kultur bei Borgholzhausen eine besondere Bedeutung zu. Zwar standen die Menschen der mittleren Jungsteinzeit wohl in der Tradition der vorherigen Linienbandkeramik, doch weiten sich die Siedlungsgebiete während der mittleren Jungsteinzeit innerhalb der Lössregionen aus und auch die Mittelgebirgslagen wurden zunehmend aufgesiedelt. Die eng mit der mittleren Jungsteinzeit verbundenen donauländischen Äxte zeigen die allmähliche Nutzung höher gelegener Regionen der Mittelgebirge auch in Ostwestfalen-Lippe an. Die Rössener Fundstelle am nördlichen Ausläufer des Teutoburger Waldes reiht sich in eine größer werdende Anzahl früh- und mitteljungsteinzeitlicher Fundplätze ein, die eine Ausweitung der Siedlungsgebiete während der mittleren Jungsteinzeit bis an den Rand der Mittelgebirge anzeigen. Auch wenn die typischen trapezförmigen Langhäuser vermutlich der Erosion zum Opfer gefallen sind, ist der Fundplatz ein bedeutendes Zeugnis der Besiedlung am nördlichen Rande der Westfälischen Bucht während der Mitte des 5. Jahrtausends v. Chr. und ein wichtiges Bindeglied für das Verständnis der Neolithisierung – also der Einführung von Ackerbau und Viehzucht – des nördlichen Westfalens sowie der angrenzenden Tiefebene.

Mehr hierzu wird in der kommenden Archäologie in Westfalen-Lippe nachzulesen sein.

 

 

Text: Alexandra Philippi

Kategorien: Außenstelle Bielefeld · Steinzeit

Schlagwort: Neolithikum