Was ist denn das? - Aus dem Arbeitsalltag einer Bundesfreiwilligendienstleistenden im Zentralen Fundarchiv

28.11.2025 Sandra Michalski

Erste Ansicht des Fundkartons vor dem Bearbeiten im Juni 2025 (Foto: LWL/M.Gehlen)

Kennt ihr das? Man möchte seine Arbeit machen und plötzlich ist etwas anders als sonst. Im Juni war das bei mir so.

Das Zentrale Fundarchiv der LWL-Archäologie für Westfalen, in dem ich als Bufdi arbeite, hat die Aufgabe, Spuren aus der Geschichte Westfalens zu bewahren. Diese Spuren stellen wir Museen und Forschenden zur Verfügung, damit eben diese Spuren der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Einblick in die Archivarbeit 2025 (Foto: LWL/M.Gehlen)

Um unserer Aufgabe gerecht zu werden, archivieren wir Funde, die uns hauptsächlich von Ausgrabungen gebracht werden. Es gibt jedoch auch Funde, die schon viele Jahrzehnte ohne genaue Herkunftsangaben im Archiv schlummern und jetzt von unserem Team neuinventarisiert werden. Ein solcher Fund ist mir in die Hände gefallen. Natürlich nur umgangssprachlich gefallen, denn dieser ungewöhnliche Fund war schwerer als erwartet. Beim ersten Blick erwartet keiner von einem kleinen Schuhkarton, dass dieser 20 kg wiegt! Doch der kleine Schuhkarton war voll mit schweren Bleiplatten.

 

Nach näherem Betrachten der Bleiplatten fiel mir auf, dass diese spiegelverkehrt beschrieben waren und nach der Entzifferung erkannte ich, dass es sich um Druckplatten für Lebensmittelmarken handelt. Aufgrund des Hakenkreuzes sowie Datums- und Ortangaben auf den Druckplatten war klar, dass die Druckplatten aus Münster zur Zeit des Zweiten Weltkrieges stammen.

Beispiel einer schlecht lesbaren Bleidruckplatte (Foto: LWL/M.Gehlen)

Wegen Korrosion und Schmutz sind viele der Druckplatten kaum lesbar, weshalb sich die Frage stellte, ob wir die Platten restaurieren lassen. Weil die Restauratoren die Oberfläche abtragen würden, wäre die Schrift nur noch schlechter lesbar und daher bleiben die Druckplatten in ihrem jetzigen Zustand.

Bleidruckplatte zu Lebensmittelmarken für Zucker und Marmelade in Münster 1944 (Foto: LWL/M.Gehlen)

Ein paar der Druckplatten sind jedoch entzifferbar und diese habe ich mir mal genauer angeschaut:

Unter den Druckplatten waren Platten für Grundnahrungsmittel wie Eier, Milch, Fleisch, Brot und Fett, aber besonders angesprochen hat mich die Druckplatte der Lebensmittelkarte für Zucker und Marmelade. Warum? Wie wahrscheinlich viele, esse auch ich gerne Zucker und so hat sich mir die Frage gestellt wie es wohl sein mag, wenn dieser rationiert wird. Kurzer Spoiler: Nicht so toll!

Auf der Druckplatte ist ein Zeitraum vom 67. bis 70. Versorgungszeitraum (VZ) zu erkennen, was ungefähr 4 Monaten entspricht. Für jeden VZ gibt es eine Marke, für die entweder 250 g Zucker oder 500 g Marmelade gekauft werden konnten, sowie zwei kleinere Marken für 125 g Zucker oder 250 g Marmelade. Zudem enthält jeder VZ drei Marken für je 250 g Zucker. Auf den ersten Blick ist mir das viel vorgekommen, aber schon für einen Kuchen braucht man eine der Marken und Marmelade wird vermutlich auch mal eingetauscht, so bleibt kein Zucker übrig.

Wenn ich das mit meinem Konsum, als stolze GenZ-lerin vergleiche, ist die Zuckermenge schon fast undenkbar, denn in fast jedem Produkt findet man heutzutage Zucker. Und ganz ehrlich habe ich 5 Minuten bevor dieser Text aufs Blatt gekommen ist, noch ein Kuchenstück konsumiert. Aber zurück zum Ernst: Auf der Druckplatte befindet sich noch ein kleinerer Text, welcher dem Konsumenten mitteilt, dass der Zucker auch gegen 125-150 g von beispielsweise Honig und Sirup eingetauscht werden könne. Wenn die Erlaubnis für so einen Tausch mitgedruckt wurde, muss die Notwendigkeit offenbar groß gewesen sein.

Zwei weitere Druckplatten haben mich aufgrund des Altersunterschiedes der Zielgruppe besonders interessiert. Eine Druckplatte hat Brotmarken für Erwachsene gedruckt und die andere für Kinder bis zu drei Jahren. Beide Altersgruppen hatten für einen Versorgungszeitraum 50 g Brot pro Marke. Das hat mich überrascht, denn ich hatte angenommen, dass Erwachsene aufgrund ihres höheren Kalorienverbrauchs mehr Essen erhielten als Kleinkinder. Wenn ich das wieder mit meinem Konsum vergleiche, kommt mir die Menge an Brot sehr wenig vor. Eine Scheibe Brot wiegt ungefähr 50 g (Quelle: https://www.lebensmittelwissen.de/tipps/haushalt/portionsgroessen/brot-backwaren.php) – was eine Marke wäre – und ich esse pro Mahlzeit das Zwei- bis Dreifache.

  • Bleidruckplatte zu Lebensmittelmarken für Kinder bis 3 Jahren für Brot in Münster 1944 (Foto: LWL/M.Gehlen)

  • Bleidruckplatte zu Lebensmittelmarken für 50 g Brot in Münster 1944 (Foto: LWL/M.Gehlen)

  • Bleidruckplatte zu Lebensmittelmarken für 500 g Brot in Münster 1944 (Foto: LWL/M.Gehlen)

Weitere zwei Druckplatten für Brotmarken fielen mir wegen der Mengenangaben auf: eine mit 500 g-Marken und eine mit 50 g-Marken. Spontan kamen mir die Fragen: Wer soll von 50 g Brot leben und kann es sich um einen Produktionsfehler gehandelt haben? Da die Druckplatte zu benutzt für einen Produktionsfehler aussieht, habe ich recherchiert: Bekannt ist, dass Lebensmittelkarten im Zweiten Weltkrieg erstellt wurden, um Nahrungsmittel zu rationieren. Unterschiedliche Personengruppen erhielten für einen definierten Zeitraum unterschiedliche Mengen an Nahrung. Die Personengruppen wurden unterteilt nach Alter, Religion Gesundheitszustand und Tätigkeit. (Quelle: https://hdgoe.at/lebensmittelkarten). Die unterschiedlichen Mengen sind somit wahrscheinlich durch verschiedene Personengruppen zu erklären.

Archäologische Funde erzählen Geschichten. Persönlich kenne ich Krieg nur aus Erzählungen meiner Großeltern, aus der Schule oder aus den Nachrichten, aber die Auseinandersetzung mit den Bleiplatten hat mir die Konsequenzen von Krieg auf eine neue Weise nähergebracht.

Wenn ich einen Blick auf aktuelle Konflikte in der Welt werfe, stellt sich mir die Frage, was wir aus der Geschichte gelernt haben.

Übrigens kann man drei solcher Druckplatten in unserem LWL-Museum für Archäologie und Kultur in Herne besichtigen. Sie stammen aus dem Schutt der 1944/45 ausgebombten Druckerei Regensberg neben dem Domplatz in Münster. Da auf dem Karton im Fundarchiv der Fundort „Münster ?“ vermerkt ist, liegt die Vermutung nahe, dass auch diese Druckplatten von dort stammen.

Autorin: Marlene Gehlen (09.2025)

Kategorien: Zentrale Dienste · BFD / FSJ

Schlagwort: Zentrale Dienste