Archäologie am Limit

18.12.2023 Corinna Hildebrand

Schneegrabung nördlich von Bielefeld-Milse beim Ausbau der L712n. Foto: Archäomedes/R. Roth

„Auch das noch“, dachten sich das Team der LWL-Archäologie in Bielefeld und die Grabungsfirma Archäomedes als Ende November die ersten Schneeflocken langsam die vom Regen durchgeweichte braune Erde des Grabungsareals in ein strahlendes Weiß färbten.   

Mit der Witterung auf archäologischen Ausgrabungen ist es immer so eine Sache, ganz perfekt ist es eigentlich nur selten. Mal zu heiß und zu trocken oder – wie im vorliegenden Fall – kalt und nass.

Piotr Szczepanik von der Grabungsfirma Archäomedes misst die teilweise unter Wasser liegenden archäologischen Befunde mittels GPS zentimetergenau ein. Foto: LWL/S. Düvel

Der Ausbau der Ostwestfalenstraße, die nördlich der Bielefelder Ortschaft Milse die A2 und die Bundesstraße 61 verbinden soll, hatte die Archäologen und Archäologinnen der LWL-Archäologie für Westfalen auf den Plan gerufen. Diese haben bereits vor einigen Wochen eine kleine eisenzeitliche Grabgruppe mit Urnenbestattungen im Bereich der zukünftigen Straße ausgegraben. Lioba Fritzen, FSJ´lerin bei der Außenstelle Bielefeld, berichtete in ihrem Blogbeitrag vom 30.11.2023 bereits von der „Indoor-Ausgrabung“ einer der dort geborgenen Urnen. Auch wenn die Urnen mittlerweile im Trockenen stehen, dauern die Untersuchungen im weiteren Verlauf der zukünftigen Straßentrasse weiter an.

Bisher hält die technische Ausrüstung trotz nasskaltem Wetter. Grabungsleiter Rafael Roth gibt die Informationen über die Verfärbungen direkt in eine Datenbank ein. Foto: LWL/S. Düvel

Um auszuschließen, dass es während der Bauarbeiten zur Entdeckung von archäologischen Funden kommt, welche den Bauablauf stören könnten, wurden zunächst Suchschnitte angelegt. Dieses Vorgehen erwies sich als richtig, denn nur 200 m nordwestlich des Bestattungsplatzes tauchten erneut Verfärbungen im Erdreich auf. Diese Siedlungsspuren werden nun von der Grabungsfirma Archäomedes untersucht.

Schon jetzt deuten sich anhand zahlreicher ehemaliger Pfostenlöcher erste Hausgrundrisse an. Da bisher Funde aus unterschiedlichen Epochen geborgen wurden und die ältesten Nachweise teilweise über 2000 Jahre zurückreichen, ist momentan das Alter der einzelnen sich abzeichnenden Häuser noch nicht eindeutig bestimmbar. Hier wird uns die Auswertung aller Funde sicher noch Überraschungen bieten.

Blick von oben. Im hellen Sandboden zeichnen sich die Pfostenstellungen einstiger Gebäude als dunkle Verfärbungen ab. Foto: Archäomedes/P. Szczepanik

Die archäologischen Untersuchungen laufen in Abstimmung mit den Bauträgern, sodass die für den Fortlauf der Bauarbeiten wichtigen Bereiche vorrangig untersucht werden. Eigentlich ein guter Plan, wäre da nicht das Wasser. Es kommt nämlich nicht nur als Schnee vom Himmel, sondern auch – nun wieder flüssig – aus der Erde und überschwemmt die Grabungsschnitte. Kleine Drainagegräben um die einzelnen Befunde scheinen sich als effektive Problemlösung zu erweisen und machen ein Arbeiten überhaupt erst möglich, da das Wasser mittlerweile in Form eines Baches mitten über die Grabungsfläche läuft.

Kleine Drainagegräben um die Befunde ermöglichen das Weiterarbeiten. Foto: LWL/S. Düvel

Hier kommt die archäologische Feldarbeit wirklich an ihr Limit.

Glücklicherweise setzte bereits das Tauwetter ein und das von unten kommende Grundwasser ist einigermaßen im Griff. Dass die Arbeiten überhaupt fortgesetzt werden konnten, liegt nicht zuletzt an der hohen Einsatzbereitschaft des Grabungsteams vor Ort, das sich weiter unerschrocken durch Matsch und Wasser kämpft.

Tauwetter im Anmarsch. Der Blick über die Trasse der künftigen Umgehungsstraße L712n nördlich von Milse. Foto: Archäomedes/P. Szczepanik

Text: Sebastian Düvel