50 Jahre im Dienst der Archäologie Wittgensteins

20.12.2023 Michael Baales

Hans-Günter Radenbach erläutert das Fundstellenareal ‚Preisdorf‘ 2020 (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/M. Baales)

50 Jahre im Dienst der Archäologie Wittgensteins

Hans-Günter Radenbach aus Bad Berleburg, ein langjähriger, ehrenamtlicher Mitarbeiter der südwestfälischen Archäologie

Die Bedeutung ehrenamtlicher Akteure für die Landesarchäologie ist enorm: Sie entdecken, melden oder bewahren kulturelles Erbe. Unter ihnen finden sich Einzelpersönlichkeiten, die darüber hinaus eigenständige und bedeutende Forschungen durchführen oder initiieren, wodurch die wissenschaftliche Bewertung ganzer Regionen verändert werden können.

Einer dieser Forscher ist Hans-Günter Radenbach aus Bad Berleburg-Berghausen, dessen archäologisches Engagement 1973 begann und bis heute andauert. Die LWL-Archäologie für Westfalen dankt dafür und möchte an dieser Stelle Radenbachs Forschungsleistungen würdigen, die bis heute grundlegend für das Verständnis der Archäologie im Wittgensteiner Land sind.

1973 feierte das Dorf Bad Berleburg-Berghausen das 800jährige Jubiläum der urkundlichen Ersterwähnung des Ortes. Im Rahmen der Feierlichkeiten wurde Radenbach offenbar, dass es aus dem gesamten Wittgensteiner Land keine bekannte eisenzeitliche Siedlungsfundstelle gab – bekannt waren nur fünf eisenzeitliche Wallburgen. Dieses Desiderat motivierte Radenbach dazu, Begehungen durchzuführen, und bereits im ersten Forschungsjahr entdeckte er 16 Fundstellen mit eisenzeitlichen Lesefunden. Dieser Anfangserfolg war beachtlich, denn im Vergleich zum benachbarten Siegerland, wo seit den späten 1890er Jahren zahlreiche Heimatforscher intensive Prospektionen realisiert hatten, war der Wittgensteiner Raum nahezu ein weißer Fleck auf den westfälischen Fundstellenkarten zur Eisenzeit.

Der Heimatforscher mit einem Mühlsteinfragment der Wallburg ‚Alte Burg Aue“ um 1981 (Foto: S. Radenbach)

Dies änderte der Heimatforscher in den nächsten Jahren gründlich, denn bis zum Anfang der 1990er Jahre entdeckte er weit über hundert Fundstellen, die er der Archäologischen Denkmalpflege in Olpe (damals: Westfälisches Museum für Archäologie, Außenstelle Olpe) meldete. Damit verkehrte er sogar die Forschungssituation im Vergleich zum Siegerland: In der ersten archäologischen Gesamtdarstellung des Kreises Siegen-Wittgenstein aus dem Jahr 1993 bildete der Olper Archäologe Hartmut Laumann (1949-2001) eine Fundstellenkarte der Eisenzeit ab – im Siegerland finden sich dort 56 Fundstellen und in Wittgenstein 122! Die meisten davon entdeckte Hans-Günter Radenbach.

Eisenzeitliche Fundstellen im Kreis Siegen-Wittgenstein 1993 (Hartmut Laumann, Die Metallzeiten. In: Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland 25. Der Kreis Siegen-Wittgenstein. Stuttgart 1993, Abb. 12)

Ab Mitte der 1970er Jahre professionalisierte sich Radenbach: Es gelang ihm, Standortfaktoren von archäologischen Fundstellen mit der regionalen Topographie zu systematisieren. Er hatte erkannt, dass die eisenzeitliche Fundstellenlandschaft von den Hochlagen heraus zu begreifen ist: Die Rumpfflächenlandschaft wird durch natürlich vorgegebene Höhenwegtrassen erschlossen, an deren Talabgängen in den Hanglagen die Lesefundstellen regelhaft zu finden sind. Die heute gewohnte infrastrukturelle Erschließung der Region durch die Täler der größeren Gewässer ist hingegen erst das Produkt von Chaussee- und Eisenbahnbau im 18. und 19. Jahrhundert. Mit dieser räumlichen Systematisierung stellten sich noch mehr Fundstellenentdeckungen ein – Höhepunkt war die Entdeckung von fünf Fundstellen an einem Tag.

Blick auf die Ausgrabung des Gräberfeldes Erndtebrück-Birkefehl, 1981-1983 (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/H. Urban)

Radenbachs Forschungen fielen auf fruchtbaren Boden und lösten Ausgrabungen der Archäologischen Denkmalpflege aus. Hiervon war am bedeutendsten die archäologische Untersuchung eines Ackers bei Erndtebrück-Birkefehl, wo Radenbach 1978 neben Scherben auch Leichenbrand entdeckte.

Hans-Günter Radenbach bei der Freilegung einer Urne des Gräberfeldes in Erndtebrück-Birkefehl (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen)

Die Ausgrabungen – an denen der Heimatforscher selbst teilnahm – erbrachten 33 Brandbestattungen der älteren Eisenzeit, die die Olper Archäologin Anna-Helena Schubert 1987 veröffentlichte. Zum Veröffentlichungszeitpunkt war dies die wissenschaftlich wichtigste eisenzeitliche Nekropole des westfälischen Mittelgebirgsraums.

Bis in die 1990er Jahre gelang es Radenbach, räumlich immer weiter auszugreifen und weitere Fundstellen zu entdecken. Mittlerweile waren auch (früh-)mittelalterliche Wüstungen im Fokus des Forschers und der Wittgensteiner Raum weist dadurch bis heute die größte frühmittelalterliche Fundstellenzahl im westfälischen Mittelgebirgsraum auf.

Mit zahlreichen Publikationen machte Radenbach seine Entdeckungen bekannt, ihm gelang dadurch auch, dass andere Heimatforscher inspiriert oder fortgebildet wurden. Zudem wirkte der Bad Berleburger als ‚Ehrenamtlich Beauftragter für Bodendenkmalpflege‘ Bad Berleburgs und Erndtebrücks teilweise über Jahrzehnte als Fürsprecher für Denkmalpflegeaspekte in Verwaltung und in der Lokalpolitik.

Nach den 1990er Jahren nahmen Radenbachs Prospektionsaktivitäten deutlich ab. Der Grund lag vor allem darin, dass die Bauern in der Region zunehmend ihre Äcker in Grünland wandelten und so natürlich keine neuen Funde mehr an die Erdoberfläche kamen. Anlass war die europäische, sogenannte ‚Bergbauernprämie‘ (Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete des Bergbauernprogramms der EWG), nämlich eine Agrarsubvention zur Förderung der Landwirtschaft in agrarisch unattraktiven Gebieten. Gefördert wurden dabei aber nur Grünflächen, weswegen es sich für die Wittgensteiner Bauern lohnte, ihre Äcker einzusäen und fortan als Wiesen zu bewirtschaften.

Radenbachs Monographie zur Archäologie in Wittgenstein aus dem Jahr 2013

1986 initiierte Radenbach eine archäologische Sonderausstellung der Außenstelle Olpe zu eisenzeitlichen Neufunden in Bad Berleburg und entwickelte zugleich einen Themenwanderweg, den ‚Archäologisch-historischen Lehrpfad‘. Dieser verband unter anderem wichtige Fundstellen im Raum Bad Berleburg-Aue und Erndtebrück, konnte aber erst 1997 umgesetzt werden und entsprach auch nicht den Vorstellungen seines Schöpfers. Die damit verbundenen Schwierigkeiten schildert Radenbach in einer Monographie, die er im Selbstverlag 2013 veröffentlichte. Das Buch, welches in der Region guten Absatz fand, beschreibt den Themenweg und seine Stationen und umfasst zudem einen Katalog wichtiger Fundstellen im Umfeld des Weges.

Mai 2016: Zusammen mit lizensierten ehrenamtlichen Sondengängern wurde die Wallburg ‚Dotzlar‘ prospektiert (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/M. Zeiler)

Neuer Schwung setzte 2016 ein: Die Außenstelle Olpe verstärkte wieder ihr Engagement in Wittgenstein und es wurden zunächst Detektorbegehungen an eisenzeitlichen Wallburgen realisiert, die durch lizensierte, ehrenamtliche Sondengänger maßgeblich unterstützt wurden. Auch Radenbach nahm an den Arbeiten teil und half beispielsweise Wolfgang Poguntke (Lennestadt) bei der Freilegung eines späteisenzeitlichen Waffendepots unweit der Wallburg ‚Alte Burg Aue‘.

Mai 2016: Wolfgang Poguntke und Hans-Günter Radenbach legen ein Waffendepot bei der Wallburg ‚Alte Burg Aue‘ frei (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/M. Zeiler)
Das Waffendepot der späten Eisenzeit von der Wallburg ‚Alte Burg Aue‘ besteht aus einer Lanze, einem Speer und einem Nagel, der vermutlich zu einem Schild gehörte (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/H. Menne).

Wichtiger noch ist aber die neue enge Kooperation von Radenbach mit der Außenstelle Olpe in den Themenfeldern Fundstelleninventarisation und eisenzeitlicher Kulturraum Wittgenstein: Die vielen Entdeckungen Radenbachs seit den 1970er Jahren waren bis dato nur ausschnitthaft von der Außenstelle Olpe erfasst bzw. ihr bekannt. Alle ‚Radenbach‘-Fundstellen wurden mittlerweile inventarisiert und sind wichtige Grundlage der Archäologischen Denkmalpflege beispielsweise bei Stellungnahmen zu Bauplanungen. Von größerer wissenschaftlicher Bedeutung sind aber die großen Fundmengen, die der Heimatforscher über die Jahrzehnte barg und verwahrte. Mittlerweile konnte davon der größte Teil zeichnerisch dokumentiert und beschrieben werden. Ein Fundkatalog befindet sich in Aufbau. Dieser sollte – zusammen mit der Auswertung aller eisenzeitlichen Fundstellen im Wittgensteiner Raum – im Rahmen einer Dissertation analysiert werden. Dieses Vorhaben realisierte sich jedoch leider nicht und so widmet sich nun die Außenstelle Olpe dem Thema und beabsichtigt eine Gesamtdarstellung der eisenzeitlichen Archäologie im Wittgensteiner Raum. Wir hoffen, dass Hans-Günter Radenbach weiterhin uns bei diesem Projekt unterstützt!

Frühjahr 2020: Ausgrabung auf der Wüstungsfläche ‚Preisdorf‘. Das freigelegte Steinkellerfundament ist durch die Beackerung stark beeinträchtigt worden (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/M. Zeiler)

2020 initiierte Radenbach eine Notgrabung der LWL-Archäologie für Westfalen in der Flur ‚Preisdorf‘ bei Bad Berleburg-Aue. Dort befindet sich eine der wichtigsten frühmittelalterlichen Fundstellen Wittgensteins und die Grabungen erbrachten neben zahlreichen aussagekräftigen Scherben, einen gemauerten Kellergrundriss sowie Fundamente zweier Heubergen: Ein bedeutender wie seltener Befund, der ohne die Arbeit Radenbachs unerkannt durch Beackerung verloren gegangen wäre.

Der ‚Archäologisch-historische Lehrpfad‘ wurde bis 2021 auch unter der Mitarbeit von Radenbach inhaltlich und vor allem im Vermittlungsformat modernisiert und in der Wegeführung erweitert. Er kann nun als ‚Kulturweg Eisen‘ erlebt werden.

Aktuell führt Radenbach im Auftrag der Außenstelle Olpe Prospektionen in den Wäldern Wittgensteins durch, die bislang wenig im Fokus der Forschung standen. Hintergrund sind die zahlreichen Windenergieanlagen, die hier geplant werden. Hierzu hat er auch eine Arbeitsgemeinschaft gebildet und gibt sein Wissen an andere Interessierte weiter.

Manuel Zeiler