Vom Finden und Sammeln
Seit mehr als drei Jahrzehnten sammelt der ehemalige Pädagoge Hermann Pongratz auf den weiten Äckern im Paderborner Umland archäologische Funde. Besonderes Augenmerk legt der akribische Sammler insbesondere auf die materiellen Hinterlassenschaften der Steinzeiten, die er regelmäßig der LWL-Archäologie für Westfalen in Bielefeld meldet. Schon mehrere Jahrzehnte sucht Hermann Pongratz immer wieder das jungneolithische Erdwerk bei Salzkotten-Oberntudorf im Kreis Paderborn auf. Die aufwendig konstruierte Grabenanlage ist etwa 6000 Jahre alt und lässt sich aufgrund zahlreicher Grabungs- und Oberflächenfunde dem Horizont der sogenannten Michelsberger Kultur zuordnen. Das Grabenwerk von Oberntudorf liegt etwa 1,5 km westlich des heutigen Flusslaufes der Alme auf annähernd ebener Fläche und besitzt fünf parallel zu einander verlaufende Gräben, die durch mehrere Erdbrücken unterbrochen werden. Die Gräben umschließen eine Fläche von insgesamt ca. 16,6 ha; das sind etwa 23 Fußballfelder. Von der einst monumentalen Grabenanlage ist heute in der Landschaft jedoch nichts mehr zu sehen. Aus der Luft lassen sich aber bei günstigen Bedingungen die verfüllten Gräben im Getreidebewuchs als dunkle Spuren erahnen. Wozu die großen Erdwerke der Jungsteinzeit dienten, ist allerdings bis heute unklar.
Aus Zwei mach‘ Eins!
Hermann Pongratz sammelt auf der Ackerfläche bei Oberntudorf steinzeitliche Werkzeuge, die dem kundigen Auge einiges über das Leben der Menschen während der Steinzeiten offenbaren. Vor wenigen Monaten machte er hier wieder eine Entdeckung: Inmitten der Erdbrocken schimmert ein gräulich-weißer, matter Feuerstein hervor. Nach einer groben Säuberung vor Ort ist schnell klar, dass es sich um das Distalende eines Klingenkratzers aus Maasfeuerstein handelt. Auf dem Fundplatz sind bereits mehrere hundert Kratzer und ihre Bruchstücke bekannt, sodass das Fragment auf den ersten Blick erst einmal nicht besonders erscheint. Doch Hermann Pongratz hat einen bemerkenswerten Überblick über die von ihm gefundenen Artefakte: Das Stück gehört zu einem Basisfragment, das er vor über 20 Jahren auf dem Fundplatz aufgelesen hatte! Die Bruchstücke lagen etwa 200 m auseinander und lassen sich zu einem ca. 13,6 cm langen, etwa mittig gebrochenem Klingenkratzer der Michelsberger Kultur zusammenfügen. Das Stück ist charakteristisch für die Erbauer des Erdwerkes. Die Kratzer der Michelsberger Kultur sind oft sehr groß und sorgfältig gearbeitet. Die Kanten sind ringsum retuschiert. Das eine Ende ist meist abgerundet und das andere spitzzulaufend gearbeitet.
Ein wiederkehrendes Phänomen
Im Laufe seiner Sammeltätigkeit auf dem Erdwerk von Oberntudorf konnte Hermann Pongratz schon mehrfach Bruchstücke von Feuerstein-Artefakten auflesen, die mehrere hundert Meter voneinander entfernt lagen und sich zusammenfügen ließen. Es bleibt abzuwarten, welche Überraschungen ihm noch gelingen.
Text: Alexandra Philippi