„Steine reden nicht, aber sie haben viel zu erzählen.“ Lesefunde vom Erdwerk bei Salzkotten-Oberntudorf

22.11.2023 Corinna Hildebrand

Geräte wie diese Kratzer konnten zahlreich durch Hermann Pongratz aufgelesen werden (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/A. Philippi).

Seit fast 30 Jahren sammelt der ehemalige Pädagoge Hermann Pongratz akribisch auf den Äckern des Paderborner Landes archäologische Funde. Der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger hat sich schon immer für die Steinzeit interessiert, sodass er sich in seiner Freizeit intensiv der Archäologie widmet. Seine mehrere tausend Artefakte umfassende Sammlung hat nun ihren Weg in die Außenstelle Bielefeld der LWL-Archäologie für Westfalen gefunden.

Hermann Pongratz suchte vor allem immer wieder das jungsteinzeitliche Erdwerk bei Salzkotten-Oberntudorf im Kreis Paderborn auf. Es handelt sich um ein aufwendig konstruiertes Graben- Wallsystem, bestehend aus fünf parallel verlaufenden Gräben und mehreren Erdbrücken, das etwa um 4000 v. Chr. errichtet wurde. Es liegt etwa 1,5 km westlich des Flusses Alme auf annähernd ebener Fläche und fällt auch durch seine Größe auf. Insgesamt umschließt das Grabenwerk eine Fläche von ca. 16 ha; das sind etwa 23 Fußballfelder. Heute ist von dem Erdwerk allerdings obertägig nichts mehr zu sehen.

Das Erdwerk von Oberntudorf, Kr. Paderborn. Im Luftbild zeigt sich der Grabenverlauf nach über 6000 Jahren im Bewuchs. Der bekannte Grabenverlauf ist eingezeichnet (Knoche/Schyle 2015, 370 Abb. 3).
Zu den Oberflächenfunden zählen auch einige Beile und Axtfragmente, die der Holzbearbeitung dienten (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/A. Philippi).

Viele Gräben, viele Steine

Eine Hochzeit erlangten die jungsteinzeitlichen Erdwerke mit den Trägern der Michelsberger Kultur vor etwa 6000 Jahren. Auch das Erdwerk von Oberntudorf wurde in dieser Zeit errichtet. Auch wenn bereits viel zu den jungsteinzeitlichen Erdwerken bekannt ist, gibt ihre Funktion bis heute Rätsel auf: Häuptlingssitze, Burgen, Zentralorte, Viehkrale oder Kultstätten sind nur einige der Deutungsmöglichkeiten. Dennoch steht außer Frage, dass die Errichtung der großen Anlagen enorme gemeinschaftliche Leistungen voraussetzt.
Zwischen 2000 und 2015 sammelte Hermann Pongratz hier mehrere tausend steinzeitliche Artefakte aus Feuerstein, Kieselschiefer und Felsgestein, die in den letzten Jahren in Kisten ihrer Bearbeitung harrten. Nun befinden sich die Artefakte bei der LWL-Archäologie für Westfalen in der Außenstelle Bielefeld. Hier werden sie Schritt für Schritt wissenschaftlich bearbeitet, sodass sie Eingang in die Datenbank und in die Forschung finden.

Diese Pfeilspitze der Michelsberger Kultur aus Rijckholt-Feuerstein zeugt von Kontakten in den Westen (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/A. Philippi).

Beste Qualität im Paderborner Land

Gerade einmal 3,2 cm lang und 1,8 cm breit ist ein spannender Fund einer Pfeilspitze aus Rijckholt-Feuerstein. Bei seinen regelmäßigen Begehungen der Ackerflächen in Oberntudorf konnte Hermann Pongratz die flächig retuschierte Pfeilspitze auflesen. Rijckholt-Feuerstein kommt häufig auf den jungsteinzeitlichen Fundplätzen des Rheinlandes vor und wurde insbesondere während der Bandkeramik und der Michelsberger Kultur genutzt. In der Jungsteinzeit wurden die Feuersteine zunächst wohl von der Oberfläche abgesammelt oder im Tagebau gewonnen. Im 4. und 3. Jahrtausend v. Chr. wurde der beliebte Feuerstein in großen Feuersteinbergwerken südlich von Maastricht bei Rijckholt abgebaut. Aus 5 bis 12 m tiefen Schächten wurden die Knollen höchster Qualität gefördert und Klingen sowie Halbfabrikate bis in große Entfernungen verhandelt. In den Siedlungen wurden sie dann zum jeweiligen Endprodukt weiterverarbeitet.

Das Erdwerk von Oberntudorf – ein Zentrum der Feuersteinbearbeitung?

Das umfangreiche Feuersteinmaterial ermöglicht bereits jetzt die Nutzung des Platzes besser zu verstehen. So erfolgte beispielsweise die Verarbeitung von Feuerstein innerhalb des Erdwerkes, wie zahlreiche Kerne, Klingen und Abschläge belegen. Es ist ebenfalls festzustellen, dass für die Rohmaterialversorgung überwiegend auf den lokal zugänglichen Baltischen Feuerstein zurückgegriffen wurde. Dennoch belegt das zum Teil aus großer Entfernung stammende Importmaterial Verbindungen nach Westen und Süden. Hervorzuheben ist der sogenannte Rijckholt-Feuerstein, der innerhalb des Michelsberger-Horizontes verstärkt auftritt und ebenfalls in Oberntudorf vertreten ist. Er war während der Jungsteinzeit ein begehrter Rohstoff von hoher Qualität, der über weite Strecken verhandelt wurde.
Bereits in der Jungsteinzeit vor etwa 6000 Jahren existierten demnach weitverzweigte Kontakt- und Austauschnetzwerke. Diese wurden durch eine strukturelle Anbindung an historische Altwege begünstigt. In Oberntudorf vereinigen sich sogar zwei Stränge des Hellwegs an gleicher Stelle wo sich in der Jungsteinzeit das Erdwerk befand. Diese verkehrsgünstige Lage beflügelte sicherlich den Austausch von Feuerstein und anderen Rohstoffen. Ob es sich bei dem Erdwerk von Oberntudorf um ein überregionales Handelszentrum der Jungsteinzeit gehandelt hat, werden künftige Forschungen ans Licht bringen.
So können Steine nach tausenden von Jahren immer noch über längst Vergessenes berichten und sind wichtige Puzzleteile, um das Lebensbild der Steinzeit zu erhellen.


Text: Alexandra Philippi