Westfälische Neandertaler waren Fachleute für Messer

29.09.2026 Eva Johannhörster

Die Landschaft bei Salzkotten-Oberntudorf mit der Ziegelei im Hintergrund (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/C. Schepers).

Stetiger Wandel durch die Jahrtausende

Die Landschaft in Salzkotten-Oberntudorf ist geprägt von grünen Feldern, Alleen aus Obstbäumen und sanften Hügeln. Weniger als zwei Kilometer westlich der Alme auf einer Ebene befindet sich ein etwa 6000 Jahre altes Monument der Jungsteinzeit – ein sogenanntes Erdwerk der Michelsberger Kultur. Nördlich davon liegt eine alte Ziegelei und in jüngster Zeit drehen sich die großen Rotorblätter von Windenergieanlagen gemächlich im Wind. Schon seit Jahrtausenden suchen Menschen diesen Ort auf, bauen, ernten und verändern die Landschaft. Während heutzutage Menschen das Land hier formen, waren es vor zehntausenden von Jahren gewaltige Gletscher des sogenannten Drenthe-Stadiums.

Unter dem steinigen Ackerboden liegen die Spuren der Eiszeit. Als sich die Gletscher zurückzogen, hinterließen sie Gesteine, die sie von Schweden bis ins Paderborner Land mitgeschleift haben. Es waren danach Neandertaler, die vor etwa 50.000 Jahren die Terrasse an der Alme aufsuchten und in diesen Gesteinen nach passendem Material für Werkzeuge suchten: ihre Wahl fiel auf Hälleflinta.

Eine Auswahl verschiedener Abschläge, Kerne, Halbfabrikate, Messer, Keilmesser und Schaber aus Salzkotten-Oberntudorf (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/C. Schepers).

Ein ganz besonderes Rohmaterial

Die Verwendung von Hälleflinta ist bislang einmalig, denn meistens wurden Kieselschiefer oder Feuerstein bevorzugt. Letzterer stammt hier in der Gegend, wie der Hälleflinta, aus dem eiszeitlichen Geschiebe, aber ist eher schlecht zur Herstellung großer Werkzeuge geeignet. Neandertaler verzichteten hier also auf den bekannten, aber schlechten Feuerstein und wählten ein anderes Gestein aus, das sich gut schlagen lässt und scharfkantig bricht. Beim Sammeln hat Hermann Pongratz dies erkannt und nach mehreren Jahrzehnten ein Inventar vorgelegt, das an die zweihundert Artefakte umfasst. Er hat nicht nur die besonderen Stücke gesammelt, sondern systematisch alle vom Menschen geschlagenen Steinscherben. Dies ermöglichte nun eine Analyse nach technologischen Gesichtspunkten an der Außenstelle Bielefeld der LWL-Archäologie.

 

Im Büro können die unterschiedlichen Artefakte genau unter die Lupe genommen werden (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/C. Schepers).

Neben den bisherigen Erkenntnissen, dass Neandertaler hier gezielt Hälleflinta verwendeten und die Sammlung zu den Keilmessergruppen des späten Mittelpaläolithikums gehört, liefert die Analyse nun weitere, kleine Details und setzt Salzkotten-Oberntudorf in den größeren Zusammenhang des Neandertaler Way of Life.

 

Vom Rohling zum Messer – Planungstiefe und Vorlieben

Die sogenannten Keilmesser zeichnen sich durch eine scharfe Arbeitskante zum Schneiden gegenüber einer stumpfen Kante aus. Üblicherweise wurden Keilmesser sehr lange genutzt und dabei immer wieder geschärft. Durch diese lange Nutzung entstehen ganz unterschiedliche Formen, aber die Idee bleibt dieselbe. Von den Werkzeugen in Oberntudorf wurden viele vor Ort hergestellt, kurz benutzt und dann liegen gelassen. Hinzu kommen Scherben aus Hälleflinta, die grob bearbeitet wurden, aber niemals als Werkzeug dienten. Die Menschen stellten fest, dass das Steinstück aufgrund eines Materialfehlers doch nicht geeignet ist und warfen es weg. Für die Keilmesser wählten Neandertaler gezielt Steinscherben aus, die im Querschnitt dreieckig sind, also bereits eine stumpfe und eine scharfe Kante haben. Im Fall von Salzkotten-Oberntudorf sind das Abschläge des Diskoiden Kernabbaus, einer typischen Methode der mittleren Altsteinzeit oder Rohstücke, die bereits von Natur aus oder durch Brüche die richtige Form besitzen. Bei den beidseitig überarbeiteten Werkzeugen folgt die Formung ebenfalls den Grundzügen der Diskoiden Methode. Das Inventar unterstreicht, dass verschieden definierte Keilmessertypen und Messer mit Rücken unterschiedliche Nutzungsphasen repräsentieren, aber für dieselben Aufgaben benutzt wurden. Spannend ist hier der Ablauf von der Auswahl richtiger Rohlinge, über die Vorbereitung der Stücke bis hin zur Herstellung der Werkzeuge. Daran lässt sich erkennen, dass Menschen nach Oberntudorf kamen, aus Hälleflinta ihre Ausrüstung herstellten und weiterzogen.

Beidseitig formüberarbeitetes Werkzeug aus Hälleflinta (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/C. Schepers).
Diskoider Kern zum Abschlagen scharfer Steinscherben (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/C. Schepers).

Text:

Christian Schepers

Alexandra Philippi

 

Literatur:

Baales, M., & Pongratz, H. (2003). Mittelpaläolithische Funde aus Salzkotten-Oberntudorf, Ostwestfalen. Archäologisches Korrespondenzblatt 33 (3), 301-308.

Baales, M., & Pongratz, H. (2013). Keilmesser aus „Hälleflinta“ bei Salzkotten-Oberntudorf. In: Rind, M. M. (Hrsg.). Westfalen in der Alt- und Mittelsteinzeit, 86-87(Münster 2013).

Jöris, O. (2004). Zur chronostratigraphischen Stellung der spätmittelpaläolithischen Keilmessergruppen. Der Versuch einer kulturgeographischen Abgrenzung einer mittelpaläolithischen Formengruppe in ihrem europäischen Kontext. Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 84, 2003, 2004, 49-154.

Pongratz, H. & Baales, M. (2004). Gut 60.000 Jahre alt. Funde der mittleren Altsteinzeit aus Salzkotten-Oberntudorf (Kreis Paderborn). Archäologie in Ostwestfalen 8, 2003, 2004, 11-16.

Richter, J. (2016). Leave at the height of the party: A critical review of the Middle Paleolithic in Western Central Europe from its beginnings to its rapid decline. Quaternary International 411, 107-128.