27.03.2018

Kleiner Fund – großartige Entdeckung

Dreiseitenansicht des Fibelfragmentes von Schmallenberg (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/H. Menne)

Ein außergewöhnliches Fibelfragment aus Schmallenberg

Bei Grafschaft-Schmallenberg im Hochsauerlandkreis liegt auf dem bekannten Wilzenberg eine eisenzeitliche Wallburg, die durch einen Waffenhort aus zwei Schwertern sowie auch je zwei Speer- und Lanzenspitzen überregional bekannt ist. Unbekannt ist hingegen die die Wallburg umgebende Siedlungslandschaft. Müssen wir uns inselartig verteilte kleine Bauernhöfe oder kleine Dörfer im Umfeld vorstellen?

Der lizensierte Sondengänger Matthias Dickhaus aus Schmallenberg hat mit einem wichtigen Neufund von 2017, der nun restauriert vorliegt, einen wichtigen Anhaltspunkt zur Beantwortung dieser Fragen erbracht. Zugleich zeigt der Fund eindrücklich die großräumigen Kontakte der keltischen Welt zu ihrer Peripherie in Westfalen auf.

 

Bei dem Fund handelt es sich um ein 3,8 cm langes, bis 1,1 cm breites und 6 g leichtes Bronzeobjekt von einem Acker nahe der Wallburg. Das gewinkelte Objekt wurde massiv gegossen, ist an beiden Enden abgebrochen und weist starke Abnutzungsspuren auf. Markant sind drei kleine vollplastische Buckel, die von je drei plastischen Leisten voneinander separiert werden. Die Buckel sind so gestaltet, dass ihre Durchmesser zu einem Ende des Artefaktes abnehmen (oder dieser Zustand ist die Folge starker Materialbeanspruchung infolge Ackerbau und Verwitterung).

Die Buckel-Leistenverzierung ist ein charakteristisches Zierelement jüngereisenzeitlichen Bronzeschmucks. Da ein Ende des Artefakts eine abgebrochene Öse ist, ist zu vermuten, dass hier das Bruchstück einer sogenannten Scharnierfibel vorliegt. Diese Gewandspangen wurden aus zwei Teilen hergestellt und die Fibelnadel wird an einem Scharnier mit dem Fibelbügel verbunden.

Trotz seiner geringen Größe und der starken Oberflächenabnutzung ist die plastische Verzierung des Fibelbügels aus Buckeln und Leisten gut erkennbar (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/H. Menne)

Noch vor wenigen Jahren galt in Fachkreisen das Prinzip der Scharnierfibel als typisch für römische Spangen bzw. charakteristisch für die Zeit nach Christi Geburt. Mittlerweile ist hingegen vielfach nachgewiesen, dass dieses Konstruktionsprinzip aus dem keltischen Kulturkreis oder seiner Peripherie stammt. Beispielsweise wurden solche Fibeln in Ostwestfalen entdeckt. Das Schmallenberger Stück lässt Kontakte in diese Region erkennen, denn neben der Scharnierkonstruktion ist es massiv gegossen, was auch typisch bei eisenzeitlichem Schmuck mit Buckelzier in Ostwestfalen ist.

 

Die Fundstelle des Fibelbruchstücks ist ein windgeschützter sowie nordexponierter Hang zwischen zwei Bächen. Damit deutet sich wie bei der Siedlungslandschaft im Umfeld der Wallburg Bruchhauser Steine bei Winterberg an, dass eventuell nicht die Niederungen, sondern die Mittelhänge bevorzugte Standorte der eisenzeitlichen Siedler waren. Dieser Verdacht kann allerdings nur anhand von Neufunden überprüft werden.

 

Faszinierend sind weiterführende kulturelle Verbindungen, die sich von dem Schmallenberger Stück ableiten lassen: Das Artefakt ist bislang in Westfalen einzigartig. Seine Zier ist eher mit Armringen als mit Fibeln Ostwestfalens oder des Siegerlandes vergleichbar, die allenfalls Scheiben oder kleine Buckel auf dem Bügel tragen. Eine Umfrage nach Vergleichstücken unter Wissenschaftlern in Westfalen und Hessen erbrachte keine Parallelen. Dr. Bernhard Sicherl verwies aber auf Vergleiche, die mehr als 800 km Luftlinie entfernt gefunden wurden und die Dragan Božič vom Archäologischen Institut der Slowenischen Akademie der Wissenschaften in einer Fachzeitschrift 2001 veröffentlicht hatte: Vom Balkan, mit Schwerpunkt bei Karlovac (Kroatien) und Bihać (Bosnien-Herzegowina) stammen sogenannte Nußbügelfibeln. Sie datieren in die jüngere bis späte Eisenzeit. Ihr Name leitet sich von ihrer Verzierung ab, die dem Schmallenberger Stück sehr ähnlich ist. Sie weisen nämlich drei plastisch verzierte Buckel auf dem Bügel auf, die durch eine Leistenverzierung getrennt sind. Die Gestaltung der Vergleichsfunde ist also sehr ähnlich zum Schmallenberger Stück. Dieses weist aber mit geringerer Größe sowie der Scharnierkonstruktion markante Unterschiede auf, denn die deutlich größeren Parallelen vom Balkan wurden aus einem Stück Metall geformt und nicht aus Zweien zusammengesetzt.

In etwa so könnte die kleine Fibel ausgesehen haben (Zeichnung: LWL-Archäologie für Westfalen/A. Müller. – Grafik: LWL-Archäologie für Westfalen/M. Zeiler)

In der Zusammenschau ist daher weniger wahrscheinlich, dass das Schmallenberger Stück aus Südosteuropa stammt. Es ist dagegen wahrscheinlicher, dass ein Vorbild vom Balkan imitiert wurde. Diese Hypothese fügt sich zu ähnlichen Beobachtungen aus Süd- und Ostwestfalen: Es sind mittlerweile viele Fibeln oder Armringe bekannt, die nicht bloß eine Imitation von Schmuck aus dem Gebiet zwischen Ostösterreich und dem Balkan darstellen. Durch regionalspezifische Eigenheiten in der Ornamentik oder bei technischen Parametern – wie beispielsweise der Scharnierkonstruktion – ist hingegen eine Herstellung in Westfalen bzw. in dessen näherem Umfeld wahrscheinlich.

 

Manuel Zeiler

Kategorien: Außenstelle Olpe · Neufunde

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