21.03.2018

Achtung Experiment – Teil 9

Das Team der Forschungskooperation beim Bau eines Schutzmantels um den Rennofen (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/M. Zeiler)

Das archäologische Experiment geht weiter !

Seit dem Frühjahr 2017 erforscht eine Kooperation aus LWL-Archäologie für Westfalen, Deutsches Bergbau-Museum Bochum, LWL-Freilichtmuseum Hagen, Ruhr-Universität Bochum und Römisch- Germanisches Zentralmuseum Mainz die keltische Verhüttungstechnologie des Siegerlandes in einem archäologischen Experiment. Im Siegerland wurden nämlich ungefähr im Zeitraum ab 300 v. Chr. bis zur Zeitenwende in den größten Verhüttungsöfen (Rennöfen) ihrer Epoche Europas große Mengen Stahl produziert. Die genauen technischen Abläufe, die Arbeitsorganisation oder auch der Ressourcenbedarf der keltischen Hüttenleute sind bisher unbekannt aber von grundlegender Bedeutung: Im Siegerland bestand eine regelrechte Produktionslandschaft hoher Spezialisierung.  Erst wenn wir deren Produktionsabläufe verstehen, den Ressourcenbedarf kennen und Organisationsformen rekonstruieren können, wird sich uns diese wichtige Montanregion Mitteleuropas erschließen.

Diese Aspekte soll das einzigartige Experiment klären, das bereits im letzten Jahr eine Vielzahl an Erkenntnissen und Überraschungen lieferte (Im Blog der LWL-Archäologie finden sich unter der Rubrik „Projekte“ die vorherigen Beiträge). Beispielsweise konnte die Hypothese bewiesen werden, dass ortsfremde Tonerde importiert und verarbeitet wurde. Es wurde belegt, dass Holz statt Holzkohle ein geeigneter Brennstoff zur Verhüttung ist und dass der Bau des keltischen Ofens einen enormen logistischen Aufwand darstellte.

Es gelang hingegen nur in eingeschränktem Maße, eine erfolgreiche Verhüttung durchzuführen: Gründe hierfür wurden in der Kleinteiligkeit des verwendeten Erzes erkannt, vor allem aber an der von uns realisierten Prozessführung. Die derzeitige Auswertung aller Analysedaten der Verhüttungsdurchläufe vom letzten Jahr macht wahrscheinlich, dass der Siegerländer Kuppelofen eine völlig andere Prozessführung benötigt, als dies bei vorgeschichtlichen Rennöfen allgemein angenommen wird – darüber werden wir detailliert in einem der nächsten Blogbeiträge berichten.

Zunächst einmal steht jetzt die Reparatur des Ofens an: Bei den Verhüttungsdurchläufen letztes Jahr hatten sich Risse in der Ofenwandung aufgetan, die sich besonders durch die zeitweise verwendeten Blasebälge erheblich erweiterten und stellenweise vertikal nahezu den gesamten Ofen durchliefen. Sie wurden während der Verhüttung und zwischen den Verhüttungsvorgängen notdürftig geflickt. Nach der Winterpause, während der der Ofen unter einer Folie geschützt war, lösten sich die Flickungen großflächig und fielen in etlichen Bereichen ab. Folglich war das Abtragen der Flickungen nötig.

Bevor aber das Team diese schadhaften Partien abtrug, dokumentierten Leo Klinke und Felix Faasen den Ofen in diesem Zustand. Sie fotografierten die Außenseite des Ofens intensiv aus verschiedenen Winkeln. Diese Bilder werden computergestützt durch die Überlappungen und unterschiedliche Winkel auf identische Bildpunkte verrechnet und zusammengefügt – es entsteht ein 3D-Modell. Diese Methode, die auch als Structure from Motion (SfM) bzw. Image Based Modeling and Rendering bezeichnet wird, wird uns helfen, die Schäden von 2017 detailliert zu beschreiben und auszuwerten. Denn auch das Innere des Ofens wurde auf diese Art von den beiden Archäologen dokumentiert.

Danach trug das Team die gelösten und schadhaften Außenwandbereiche ab, die zwei Überraschungen offenbarten: Zum einen stellte sich heraus, dass nur die mit Tonerde gemagerte Ofenwand keine Winterschäden aufwies. Der durch die Verhüttungshitze mineralisierte Ton stabilisierte offenbar die gesamte Matrix. Zum anderen zeigte sich, dass alle vertikalen Risse dort endeten, wo der Ofen im Boden eingegraben war. Damit ist nun geklärt, dass die keltischen Hüttenleute ihre Rennöfen deswegen in die Hänge eingruben, damit ausreichend Druck auf der Ofenwand zu liegen kommt und somit kein vertikales Aufplatzen stattfand.

Um bei den geplanten Verhüttungsvorgängen im Sommer ausreichend Druck auf der Ofenwandung zu haben, haben wir nun angefangen, einen Lehmmantel um den bisherigen Ofen zu bauen. Um ihn stabil fundamentieren zu können, wurde ein Fundamentgraben um den Ofen ausgegraben und der neue Mantel dort gegründet. Auch der Schürkanal wird verstärkt und pfeilerartig nach oben aufgebaut um die Ofenbrust zu stabilisieren. Während eine nachträgliche Ummantelung eines Siegerländer Rennofens archäologisch nicht belegt ist und jetzt nur ein Hilfskonstrukt ist, wurden pfeilerartig nach oben verstärkte Schürkanäle mehrfach ausgegraben. Es wurde allerdings in der Vergangenheit nicht verstanden, warum sie so massiv ausgeführt worden waren. Die leidvollen Erfahrungen der Verhüttungsdurchgänge 2017 mit dem gewaltigen Innendruck, der zu den Rissen führte, beantwortet nun auch diese alte Frage der Archäologie.

Wie 2017 gehen nun wieder tonnenweise Lehm und Sand durch die fleißigen Hände der engagierten Studierenden der Universitäten Bochum und Münster, die unter der kompetenten Anleitung von Heinz Hadem aus Siegen-Oberschelden sowie mit der Unterstützung des LWL-Freilichtmuseums Hagen seit Dienstag (20.3.2018) den Ofen präparieren.

Manuel Zeiler

Kategorien: Außenstelle Olpe · Projekte

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