29.07.2016

In neuem Licht betrachtet

Steffen Elferich von den Zentralen Diensten der LWL-Archäologie bedient das Laser-Scanning-Mikroskop (Foto: LWL-Archäologie/ Nils Wolpert).

Das Rätsel der mittelalterlichen Schiefertafeln aus Bonenburg

Millimeter für Millimeter tastet sich der rote Laserpunkt voran. Wo ansonsten die Oberflächenstruktur von Zähnen untersucht wird, liegen diesmal Schiefertäfelchen aus dem späten Mittelalter.

Die acht Fragmente von Schiefertafeln kamen 1999 bei Erdarbeiten in Warburg-Bonenburg im Kreis Höxter ans Tageslicht und wurden in unmittelbarer Nähe von steinernen Mauerresten gefunden. Letztere waren Teil eines größeren Gebäudes, das möglicherweise ein Adelshaus oder Verwaltungssitz des Klosters Hardehausen war. Bei näherer Betrachtung zeigten die Schiefertafeln feine Beschriftungen, die in der Folge von dem Historiker und Paläograph Helmut Müller untersucht wurden. Auffällig ist, dass die Tafeln ursprünglich fein säuberlich in Reihen beschriftet worden waren und offenbar anschließend ohne Rücksicht auf die Originalinschrift kreuz und quer überschrieben wurden. Dadurch wird das Lesen der Worte überaus schwierig. Hinzu kommt, dass die Originalkanten nur noch bei wenigen Stücken erhalten sind. Aber auch unabhängig vom Inhalt der Texte handelt es sich hier in jedem Fall um außergewöhnliche Funde, da aus Westfalen keine weiteren Schiefertäfelchen bekannt sind, die eingeritzte Schrift aufweisen.

Eine der acht Schiefertafeln. Für das Scannen wurden die Tafeln in Plastilin eingebettet (Foto: LWL-Archäologie/ Nils Wolpert).

Da sich die Täfelchen mit herkömmlichen Methoden kaum entziffern lassen, wurde ein High-Tech-Verfahren gewählt: Die Poliklinik für Prothetische Zahnmedizin und Biomaterialien, Bereich Werkstoffkunde und Technologie, des Universitätsklinikums Münster ermöglichte den Zentralen Diensten der LWL-Archäologie für Westfalen die Nutzung ihres 70.000 € teuren Laser-Scanning-Mikroskops. Im Gegensatz zu einem herkömmlichen Lichtmikroskop liefert dieses Gerät nicht nur vergrößerte Aufnahmen, sondern tastet die Oberfläche eines Präparats ab. Dadurch können Höhenunterschiede im Mikrometerbereich gemessen werden – ideal für die feinen Schiefer-Ritzungen. Aus diesen Daten wird dann im Computer ein dreidimensionales Abbild erzeugt. Bis dieses Ergebnis erreicht ist, ist aber eine lange Reihe von Messungen nötig.

Der Laser rastert die Oberfläche der Schiefertafeln (Foto: LWL-Archäologie/ Nils Wolpert).

Der Laser rastert bei der gewählten 5-fachen Vergrößerung kleine Quadrate von etwa 4 x 4 mm. Nach jeder Messung wird der Tisch, auf dem das Präparat liegt, automatisch verschoben und es erfolgt die nächste Messung. Die Schiefertafeln wurden in der Restaurierungswerkstatt der LWL-Archäologie zuvor in Plastilin eingebettet, damit der Laser in deren Randbereich nicht „abstürzt“ und so seinen Fokus verliert. Das vollständige Bild aus allen einzelnen Scans wird im Anschluss durch das Steuerungsprogramm erzeugt. Dieses Gesamtbild kann am Rechner auf verschiedene Weise bearbeitet werden, um die Oberflächenstruktur optimal sichtbar zu machen, etwa durch das Positionieren künstlicher Lichtquellen.

Bei der ersten Untersuchung der Täfelchen durch Helmut Müller, die nur auf Fotos basierte, konnten schon einige Stellen entziffert werden. Die Tafeln sind vor allem auf Latein beschrieben, daneben finden sich ein paar Worte auf Deutsch. Dem Schriftbild nach sind die Funde in das 14. Jahrhundert zu datieren. Die Beschriftung besteht offenbar nicht aus Fließtexten, sondern aus einzelnen Worten und Satzteilen. Teilweise handelt es sich auch bloß um allein stehende Buchstaben. Unter anderem werden Namen von Edelsteinen und Mineralen genannt, aber auch von Heilpflanzen. Dies lädt zu vielfältigen Spekulationen ein: Handelt es sich vielleicht um die Aufzeichnungen eines Apothekers oder Mediziners? Waren die Täfelchen Notizen oder gar eine Art Nachschlagewerk? Offenbar wurden die Stücke nach ihrer ursprünglichen Verwendung als „Schmierpapier“ für Schreibübungen genutzt – von wem, wissen wir nicht. Bislang warfen die Täfelchen aus Bonenburg mehr Fragen auf, als sie Antworten gaben. Die Auswertung der Laser-Scans wird hoffentlich für Erhellung sorgen. Die Ergebnisse werden in der Zeitschrift „Ausgrabungen und Funde in Westfalen-Lippe“ veröffentlicht.

Herzlich bedanken möchten wir uns abschließend bei Dieter Dirksen, dem Leiter des Bereichs Werkstoffkunde und Technologie, sowie seinen Mitarbeitern Markus Dekiff und Philipp Berssenbrügge, ohne deren Fachkenntnis und Kooperationsbereitschaft dieses Projekt nicht zustande gekommen wäre.

 

Text: Nils Wolpert

Kategorien: Zentrale Dienste · Projekte · Hinter den Kulissen

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