30.05.2016

2. Generation der Korea-Einwanderer

TV-Doku: Zwischen den Kulturen und beruflichen Erfolgen

Sie ist die einzige archäologische Restauratorin mit koreanischen Wurzeln in ganz Deutschland. Da ist sich Woon-Kyong Kim, der Reporter vom koreanischen Sender YTN World, sehr sicher. Er hat wochenlang recherchiert, um ganz besondere junge Menschen aus der 2. Generation koreanische Einwanderer zu finden. Beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) ist er in der Restaurierungswerkstatt der LWL-Archäologie für Westfalen fündig geworden. Lina Pak ist die Tochter von einer der mehr als 10.000 Krankenschwestern, die vor 50 Jahren von Südkorea nach Deutschland einwanderten.  

Es war ein Abkommen zwischen Südkorea und der Bundesrepublik, das vor 50 Jahren die große Einwanderungswelle in Schwung brachte. Bergarbeiter wurden benötigt – und auch Krankenschwestern. Es sollte eine Lücke im Gesundheitssystem geschlossen werden. Südkorea war damals bitterarm. Auch die Mutter von Lina Pak nahm die Chance wahr und ging 1974 nach Westdeutschland. Sie musste ganz allein für ihre große Familie sorgen. Die Mutter war früh gestorben, der Vater als Lehrer auch in Japan tätig und ständig unterwegs. „Das war nicht leicht für meine Mutter“, weiß Lina Pak. „Sie hoffte, in Deutschland besser die Familie unterstützen zu können, und ist hier auf eine ganz andere Kultur getroffen.“ Eigentlich sollten es nur drei Jahre sein, die sie von ihrer Heimat und Familie trennten. Daraus wurden mehr als vierJahrzehnte. 

„Wir versuchen zu zeigen, wie die zweite Generation der Krankenschwestern sich in Deutschland integriert hat, wie ihr Leben aussieht und wo sie zwischen den Kulturen stehen“, schildert Woon-Kyong Kim die Motivation für die groß angelegte Dokumentationsreihe für das koreanische Fernsehen. „Die Menschen in Südkorea interessieren sich sehr genau für diese Fragen.“ Der Reporter hat viele junge Menschen der 2. Einwanderergeneration aufgespürt, die in Westdeutschland einen ganz eigenen Weg gefunden haben. Darunter Taekwondo-Lehrer und andere ungewöhnliche Berufe und Karrieren. Wie die von Lina Pak, die es zielststrebig in die Archäologie und Restaurierung gezogen hat.

„Unsere Eltern wollten gerade in Bezug auf Bildung nur das Beste für uns“, erzählt die junge Restauratorin. Hohe Ansprüche gab es, auch wenn sie nicht offen ausgesprochen wurden. „Meine Eltern haben hart in Deutschland gearbeitet“, weiß Lina Pak. Wie hart, hat sie erst viel später erfahren. „Als kleines Kind bin ich offenbar unter der Woche bei einer Pflegemutter in die Betreuung gegeben worden, weil es keine Ganztagsbetreuung wie heute gab, meine Eltern einfach keine Zeit hatten.“ Deshalb sollten die Kinder mit den besten Voraussetzungen ihr eigenes Leben in Deutschland gestalten. Abitur war ganz selbstverständlich, auch das Studium. Lina Pak hat ihre Ausbildung als Restauratorin in England abgeschlossen – mit besten Referenzen und Stipendien. Heute arbeitet sie bei der LWL-Archäologie in Münster an einem einzigartigen Projekt: Sie hat an der Rekonstruktion einer römischen Kline, die in den Nekropolen des Römerlagers in Haltern als Totenbett verwendet wurde, als 3-D-Modell federführend mitgearbeitet. Auch ihr Chef Sebastian Pechtold ist als Leiter der Restaurierungswerkstatt stolz auf seine Mitarbeiterin. Sein Urteil als Fachmann darf in der Dokumentation für das koreanische Fernsehen nicht fehlen.

Um die Restauratorin zu filmen, ist eigens ein Filmteam aus Korea eingeflogen. Woon-Kyon Kim muss als Deutschland-Korrespondent die Kollegen durch das ganze Land fahren, weil sie keine Führerscheine haben und kein Deutsch sprechen. Lina Pak filmt er ganz allein, weil nach zwei Wochen Dokumentationsreise durch Deutschland die Zeit allmählich knapp wird und die Kollegen gleichzeitig in Recklinghausen arbeiten. Woon-Kyon Kim ist fasziniert von der Arbeit von Lina Pak, filmt jeden Handgriff, fragt immer wieder neugierig nach. „Bist Du jetzt eigentlich eine Wissenschaftlerin oder eher eine Künstlerin?“, fragt er sie frei heraus. Die Restauratorin muss lachen und sagt nach kurzem Nachdenken: „Eigentlich beides!“ Dann sprechen die beiden wieder Koreanisch. „Sie spricht die Sprache sehr gut, auch wenn sie ein paar Wörter nicht kennt“, urteilt der Reporter. „Koreanisch ist aber auch wirklich alles andere als einfach!“

Zwischen den Stühlen stehen

Womit die Frage der Integration direkt angesprochen wäre. „Wir stehen in der 2. Generation schon zwischen beidem – zwischen Korea und Deutschland“, sagt Lina Pak. Ihre große Familie in Korea kennt sie, war schon viele Male dort zu Besuch. Den genauen Überblick hat sie dennoch nicht: „Es sind so viele Cousinen und Cousins, so viele spezielle Einzelgeschichten.“ Über einige Dinge wird auch nicht offen gesprochen. Etwa über die Schwierigkeiten, die ihre Eltern ganz zu Anfang in Deutschland hatten. Eine ganz andere Kultur, eine völlig andere Sprache, ganz andere Speisen und Sitten, kein Kontakt zur Familie in Korea. „Für meine Mutter war die Religion sehr wichtig in dieser Zeit. Die hat ihr geholfen, vieles durchzustehen. Denn einfach war das nicht.“

Umso wichtiger ist es auch für Lina Pak, das Bewusstsein für diese Schwierigkeiten und auch für die Erfolge der zurückliegenden Jahrzehnte der Integration mit ihren eigenen Erfahrungen wach zu halten. Vielleicht auch gerade jetzt, wo Deutschland vor den Herausforderungen einer riesigen Flüchtlingsbewegung steht.

Kategorie: Zentrale Dienste

Schlagwort: