Mein FSJ in der Denkmalpflege: Ein Blick hinter die Kulissen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit

19.01.2024 Sandra Michalski

Schon einmal von Stratigraphie gehört? Ich bis letztes Jahr auch nicht. Doch dann habe ich mich für ein FSJ in der Denkmalpflege beim Referat für Mittelalter- und Neuzeitarchäologie entschieden. Im Folgenden möchte ich hier meine Erfahrungen des letzten Jahres teilen. In dieser Zeit habe ich viele spannende Erlebnisse gehabt und einen Einblick in den außergewöhnlichen Alltag von Archäologen und Grabungstechnikern erhalten. Außerdem durfte ich an Ausgrabungen teilnehmen, bei denen wir direkt in das Leben im Mittelalter eintauchen konnten.

Abb. 1) Erstellung einer maßstabsgerechten Befundzeichung im ehemaligen Kloster St. Walburga in Meschede, Hochsauerlandkreis. (Foto: LWL/W. Essling-Wintzer)

Der Arbeitsalltag

Mein Freiwilliges Soziales Jahr bestand aus zwei Teilen: Draußen auf Ausgrabungen und drinnen im Büro. Im Außendienst habe ich den Archäologen dabei geholfen, Überreste freizulegen und zu dokumentieren. Es war echt interessant, bei den Ausgrabungen mitzuarbeiten und Funde wie Keramik und Knochen zu entdecken. Die Arbeit konnte ganz schön anstrengend sein, aber mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt und wurde immer besser. Besonders das Zeichnen eines Fundaments oder eines Planums war am Anfang echt ungewohnt, aber mit Hilfe meiner Kollegen habe ich den Dreh rausbekommen (Abb. 1). Man braucht sehr viel Ausdauer für diese Arbeit, aber es lohnt sich, weil die genaue Dokumentation einer der wichtigsten Bestandteile der archäologischen Arbeit ist.

Im Büro war ich unter anderem für das Digitalisieren von Zeichnungen und für die Bearbeitung von Funden zuständig. Eine Herausforderung war es zum Beispiel, einen ganzen Kubikmeter Glasscherben zu reinigen und nach Besonderheiten zu untersuchen. Das erforderte viel Genauigkeit und Sorgfalt. Manchmal musste ich auch Nachforschungen über die Geschichte von Fundorten anstellen oder beim Digitalisieren des Dia-Archivs helfen. Im Gegensatz zum Außendienst hatte ich im Büro Kontakt mit allen Leuten in der Abteilung. Die gemeinsamen Frühstückspausen waren immer super nett. Dort haben wir uns gut ausgetauscht und ich konnte vieles lernen.

Abb. 2) Laserscanning der Fachhochschule HAWK im ausgegrabenen Untergeschoss des ehemaligen Westflügels der Klausur von Kloster Hardehausen bei Warburg-Scherfede, Kreis Höxter. (Foto: LWL/W. Essling-Wintzer)

Einstätze auf Ausgrabungen

Während meines Freiwilligen Sozialen Jahres konnte ich an verschiedenen Ausgrabungsprojekten teilnehmen. Da das Fachreferat für Mittelalter- und Neuzeitarchäologie für ganz Westfalen zuständig ist, war ich sehr viel unterwegs und habe sogar häufig in der Stadt, in der die jeweilige Ausgrabung stattfand, übernachtet.

Einer der spannendsten Einsätze war die Ausgrabung beim Kloster Hardehausen in Warburg-Scherfede. Dort hatte bereits eine große Grabung stattgefunden und wir haben uns darauf konzentriert, die Ergebnisse wieder genauer sichtbar zu machen und die freigelegten Bereiche des Klosters weiter zu erforschen. Wir haben Fundamente und Mauerreste dokumentiert und vermessen. Es war wichtig, die archäologischen Befunde genau zu verstehen, um ein gutes Bild von den historischen Strukturen zu bekommen. Um das Ganze auch für andere besser sichtbar zu machen, haben wir ein 360°-Foto erstellt (Abb. 2).

Abgesehen vom Kloster Hardehausen war ich auch bei anderen tollen Ausgrabungen dabei. In Meschede bei der Kirche St. Walburga zum Beispiel. Dort sollte der Kirchhof umgebaut werden und weil man historische Funde erwartet hatte, wurde die LWL-Archäologie eingeschaltet. Unsere Aufgabe war es, eine Ausgrabung durchzuführen und die historischen Funde und Befunde zu dokumentieren. Auch wenn wir nicht auf den erhofften Befund des ursprünglichen Kirchengebäudes des ehemaligen Damenstifts gestoßen sind, war die Arbeit sehr interessant. Im Nachhinein wurden die Funde, vor allem Scherben, analysiert, um herauszufinden, wie alt der Fundort ist.

Abb. 3) Stemmarbeiten zur Freilegung älteren Mauerwerks im ehemaligen Torturm der Burg Nienborg in Heek, Kr. Borken. (Foto: LWL/B. Grundmann)

Ein anderer Einsatz hat mich nach Heek-Nienborg geführt (Abb. 3). Auch hier war eine Baumaßnahme geplant. Während der Ausgrabung stießen wir auf zwei Gräber und Überreste der Stadtmauer und eines Turms. Meine Aufgabe war es, einige Schnitte anzulegen und den Turm von Putz zu befreien, um mehr über ihn herauszufinden. Dabei haben wir entdeckt, dass unter dem Turm noch eine Steinschicht war, um den Keller zu vergrößern. Neben diesen aufschlussreichen Funden gab es auch hier Scherben und andere Artefakte, die uns bei der Datierung geholfen haben.

Abb. 4) Minibaggereinsatz im Kloster Oelinghausen bei Arnsberg-Holzen, Hochsauerlandkreis. (Foto: LWL/W. Essling-Wintzer)

Zuletzt führte mich ein Einsatz zum Kloster Oelinghausen in Arnsberg. Im Gegensatz zu den anderen Ausgrabungen handelte es sich hierbei um eine reine Forschungsgrabung, es war also kein Bauvorhaben geplant. Es wurden hier drei großflächige und sehr tiefe Schnitte angelegt, wofür zunächst sogar ein Bagger genutzt wurde (Abb. 4). Um mögliche Befunde nicht zu beschädigen, wurde dann jedoch mit Schaufel und Kratzer weitergearbeitet, was mitten im Hochsommer auch mal für große Anstrengung sorgen kann. Doch die Mühe sollte sich letztendlich auszahlen, denn trotz einer modernen Störung einer historischen Mauer, konnte viel wertvoller Befund freigelegt werden, der dabei helfen kann, die Ausmaße des ehemaligen Nordflügels des Klosters genauer zu verorten (Abb. 5).

Abb. 5) Feinputz einer Mauer des ehemaligen Kloster-Nordflügels. (Foto: LWL/W. Essling-Wintzer)

Neben diesen Projekten hatte ich auch kurze Einsätze in Nordwalde bei einem Gräftenhof und bei dem Weltkulturerbe Westwerk von Corvey (Abb. 6). Bei diesen Einsätzen konnte ich weitere wertvolle Erfahrungen sammeln und das historische Erbe dieser Orte erforschen.

Abb. 6) Untersuchung eines Leitungsgrabens im Schatten des Weltkulturerbes „Karolingisches Westwerk und Civitas Corvey“. (Foto: LWL/W. Essling-Wintzer)

Fazit

Nach meiner Schulzeit war es mir besonders wichtig, endlich mal körperlich zu arbeiten und nicht nur den ganzen Tag am Schreibtisch zu sitzen, um zu lernen. Diese Erwartung hat sich auf jeden Fall erfüllt. Ich durfte an verschiedenen Ausgrabungsprojekten teilnehmen und aktiv zur Erforschung unseres kulturellen Erbes beitragen. Durch die gute Abwechslung mit Arbeiten im Innendienst, konnte man sich allerdings auch immer von den anstrengenden Arbeiten im Außendienst erholen. Sowohl draußen auf den Ausgrabungen als auch im Büro konnte ich wertvolle Erfahrungen sammeln und habe ein tieferes Verständnis für die Bedeutung der Denkmalpflege entwickelt. Ich habe nicht nur gesehen, wie Archäologen und Grabungstechniker arbeiten, sondern auch wichtige Fähigkeiten für Ausgrabungen, Dokumentation und Fundbearbeitung erworben. Besonders gut hat mir außerdem gefallen, dass man in ganz Westfalen von der niederländischen Grenze bis Ostwestfalen unterwegs war und das Land ganz anders und viel genauer kennenglernt hat. All das und die Zusammenarbeit mit meinen Kollegen und die freundliche Atmosphäre haben mein FSJ zu einer richtig tollen Zeit gemacht.

Übrigens: Stratigraphie ist eine Methode, die dabei hilft, unterschiedliche Ablagerungsschichten in Bezug zueinander zeitlich einzuordnen.

 

Text: Oskar Türk