„Wie nennt sich das?“

22.01.2024 Michael Baales

Grabungstechniker Fabian Geldsetzer und FSJler Felix Schumacher bei der archäologischen Begleitung des Oberbodenabtrages für ein Einfamilienhaus in Siegen (LWL-AfW Olpe/T. Poggel).

„Wie nennt sich das?“

Berufsbilder in der Archäologie

„Aaah, da kommen die Dino-Forscher!“ „Nein, nicht ganz.“ „Geologen?“ „Auch nicht.“ „Ja, wie nennt sich das denn, was ihr seid?“ So oder so ähnlich beginnen nicht selten die Gespräche, wenn die LWL-Archäologie im Außendienst auf Bauherren, Planer oder Baggerfahrer trifft. Die Antwort lautet „Archäologe“ bzw. „Archäologin“ oder „Grabungstechniker“ bzw. „Grabungstechnikerin“.

Beiden Berufsbildern ist gemein, dass archäologische Ausgrabungen durchgeführt werden, um menschliche Hinterlassenschaften vor der Zerstörung zu retten (bewegliche Funde, z. B. Keramik, Knochen oder Metallobjekte) oder zumindest zu dokumentieren (Befunde, z. B. Mauern, Gräber oder verfüllte Gruben). Archäolog:innen sind vor, während und nach der Geländearbeit die verantwortlichen Wissenschaftler:innen, die Fragestellungen entwickeln, Befunde und Funde beschreiben, interpretieren und publizieren. Grabungstechniker:innen arbeiten eng mit der wissenschaftlichen Leitung zusammen. Sie kümmern sich – wie die Bezeichnung schon andeutet – um die technische Seite einer Ausgrabung. Dazu gehören nicht nur das Werkzeug und Material, sondern vor allem die Grabungstechnik an sich: Mit welcher Grabungsmethode können die meisten Informationen für die Wissenschaft gewonnen werden? Wie sollen die Befunde und Funde dokumentiert werden? Wie kann ein Fund adäquat geborgen werden? Sie sind für die Vermessung verantwortlich und fertigen eine schriftliche, zeichnerische und fotografische Dokumentation der Befunde an. Diese bildet später die Grundlage für die wissenschaftliche Auswertung durch die Archäolog:innen.

  • Archäologin Dr. Eva Cichy bei der zeichnerischen Dokumentation eines Befundes auf einer eisenzeitlichen Siedlung, im Hintergrund Studierende und ehrenamtliche Mitarbeiter:innen (LWL-AfW Olpe/T. Poggel).

  • Archäologiestudent Florian Gumboldt und Grabungstechniker in Fortbildung Daniel Riemenschneider beim 3D-Laserscan unter Tage (LWL-AfW Olpe/T. Poggel).

  • Archäologe Sebastian Sonntag M.A. beim Notieren montanarchäologischer Merkmale Untertage (LWL-AfW Olpe/T. Poggel).

Die Archäolog:innen haben ein Studium mit einem bestimmten Schwerpunkt absolviert, z. B. „Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie“, „Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit“, „Geoarchäologie“ oder „Wirtschafts- und Rohstoffarchäologie“. Häufig haben sie im Anschluss noch promoviert und durch die Erlangung des Doktortitels die Fähigkeit zu eigener, umfassender wissenschaftlicher Arbeit nachgewiesen. Grabungstechniker:innen haben entweder an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin studiert und einen Bachelor „Konservierung/Restaurierung/Grabungstechnik“ mit Schwerpunkt „Grabungstechnik – Feldarchäologie“ erlangt, oder mehrheitlich eine dreijährige Fortbildung nach dem sogenannten „Frankfurter Modell“ absolviert. Voraussetzung für diese Fortbildung ist eine Ausbildung in einem handwerklich-technischen Beruf oder ein erster berufsqualifizierender Abschluss (Bachelor) in einem archäologischen oder verwandten Studiengang. Die Fortbildung findet an einem archäologischen Landesamt bzw. in NRW bei den Archäologien der Landschaftsverbände Rheinland (LVR) und Westfalen-Lippe (LWL) statt. Die Fortzubildenden besuchen zum einen verschiedene Seminare, z. B. Vermessungstechnik, Fotografie, Bodenkunde, Archäobotanik, Osteologie (Lehre von den Knochen) und Geophysikalische Prospektionsmethoden (zerstörungsfreie Erkundung potentieller Fundplätze). Zum anderen absolvieren sie eine Prüfungsgrabung und legen in Frankfurt bei der Römisch-Germanischen Kommission (RGK) des Deutschen Archäologischen Institutes (DAI) eine schriftliche und mündliche Prüfung ab. (Diese Fortbildung haben in der Außenstelle Olpe bereits mehrere Kandidaten erfolgreich abgeschlossen.)

  • Grabungstechniker Fabian Geldsetzer und Matthias Müller-Delvart beim Bergen des in der Sonderausstellung „Modern Times“ zu sehenden Obelisken in Warstein, der dort 1945 auf einem Friedhof für erschossene Zwangsarbeiter:innen errichtet und 1964 „entsorgt“ wurde (LWL-AfW Olpe/M. Zeiler).

  • Archäologin Dr. Eva Cichy bei der Präsentation ausgegrabener Kirchenfundamente des Hochmittelalters in Erwitte-Eikeloh für Pressevertreter:innen (LWL-AfW Olpe/M. Baales).

  • Archäologiestudentin Marleen Korte und Archäologe Dr. Manuel Zeiler bei der Vermessung und wissenschaftlichen Beschreibung eines mittelalterlichen Verhüttungsofens in Altena (LWL-AfW Olpe/M. Baales).

Sowohl Archäolog:innen als auch Grabungstechniker:innen arbeiten in der Archäologischen Denkmalpflege, bei Grabungsfirmen und Forschungseinrichtungen. Wenngleich sie manchmal einzeln in Erscheinung treten, so ist ihre Arbeit nur möglich durch die helfenden Hände von Studierenden und Ehrenamtlichen einerseits und Beschäftigten in der Verwaltung und Planbearbeitung (Überprüfung von Bauplanungen auf relevante archäologische Relikten nach Aktenlage) andererseits. Zudem wird ein qualifizierter Erkenntnisgewinn und die Vermittlung von Wissen nur im regen Austausch mit anderen Disziplinen, wie z. B. Naturwissenschaften, Geschichtswissenschaft, Restaurierung, Fundarchivierung oder Museumspädagogik, erreicht.

Die „Dino-Forschung“ nimmt da nur einen verschwindend kleinen Part ein, die Geologische Wissenschaft schon einen weitaus bedeutenderen.

T. Poggel M.A.