26.07.2018

Wichtige Funde ohne Kontext

Hagen? – Beide Buntmetallfragmente gehören zu zwei Schmuckstücken und entstammen möglicherweise dem gleichen früheisenzeitlichen Brandgräberfeld (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/H. Menne)

Zwei Beispiele für den Verlust des wissenschaftlichen Wertes bei Raubgrabungen

Im Dezember 2017 legte der Archäologe Ingmar Luther M.A. der Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie für Westfalen zwei bemerkenswerte Funde vor. Es handelt sich um die Fragmente zweier bronzener Schmuckobjekte.

Zum einen ist es das Bruchstück eines Halsrings, der einen kreuzförmigen Querschnitt besitzt und tordiert – also verdreht – wurde. Der ehemals innen 9 cm durchmessende Ring ist ein sogenannter Wendelhalsring und wiegt 17 g. Auf der Innenseite sind Abnutzungsspuren zu erkennen, die wohl vom langen Tragen stammen. Das Objekt ist typologisch als „scharflappiger Wendelhalsring (Claus Typ 1)“ zu identifizieren und datiert in die ältere Vorrömische Eisenzeit (Stufe Hallstatt D) um 550 v. Chr. Vergleiche finden sich mit Schwerpunkt in Nordhessen und stammen überwiegend aus Gräbern. Der Eisenzeitforscher Dr. Frank Verse diskutierte diese Ringe als Ausdrucksmittel einer wohlhabenden Personengruppe. Er stellte heraus, dass sich im Mittelgebirgsraum die Wendelhalsringe häufig dort finden, wo erstmals Wallburgen während der Eisenzeit angelegt wurden. Demnach kommt den Ringen eine große Bedeutung zu, denn möglicherweise waren ihre Träger die Initiatoren dieser wichtigen Besiedlungsphase des Mittelgebirgsraums, der ja während der Bronzezeit noch unbesiedelt war.

Auch das zweite, aber stärker fragmentierte Fundstück ist von Bedeutung: Es handelt sich um ein blechähnliches Objekt, welches tatsächlich das Bruchstück eines größeren, plastisch verzierten Schmuckstücks ist. Im Überfangguss wurde ein Bronzeelement an einem Eisenblech befestigt. Der hohe Fragmentierungsgrad lässt nur spekulieren, ob es ehemals ein Gürtelhaken oder ein Armring war. Unspekulativ ist hingegen die Oberflächengestaltung, die typisch für den plastischen keltischen Kunststil ist. Mit diesem werden in der jüngeren Eisenzeit Schmuckstücke verziert, die Bezüge Westfalens zum keltisch geprägten Süden aufzeigen. Das Konstruktionsprinzip mit verstärkenden Eisenblech findet sich besonders häufig im Raum zwischen Südsauerland, Westerwald und Mittelhessen. Dies ist das Gebiet, welches in der Eisenzeitarchäologie als Lahn-Sieg-Gruppe bezeichnet wird und wo sich am Ende der Eisenzeit erstmals eine frühstaatliche Gemeinschaft bildet, deren Kultur bis in das Mittelgebirge ausstrahlte bzw. die im Kontakt mit dem Mittelgebirge stand.

In der Zusammenschau zeigt sich, dass beide Funde erhebliche wissenschaftliche Bedeutung haben – könnten: Denn tatsächlich ist der wissenschaftliche Wert der beiden Artefakte nur noch gering: Sie wurden von einem (bekannten) Sondengänger raubgegraben und gelangten vor vielen Jahren mit problematischen Fundortangaben über einen heute verstorbenen Heimatforscher in das Museum Wasserschloss Werdringen (Hagen), wo Ingmar Luther die Objekte entdeckte. Der Fundort könnte bei Hagen sein, eine eindeutige Lokalisierung ist jedoch nicht möglich. Da beide Objekte starke Fragmentierungen aufweisen, ist es möglich, dass sie verbrannt wurden und daher aus einem Brandgräberfeld stammen könnten. Folglich hätten die beiden Objekte erheblichen wissenschaftlichen Aussagewert für die Region haben können, der mit ihrer unsachgemäßen Bergung und ohne direkte Information an die zuständige Außenstelle leider für immer verloren ging.

Manuel Zeiler

Kategorien: Außenstelle Olpe · Neufunde

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