17.05.2021

Stadtbefestigung am Rand der Ems

Am emsseitigen Baugrubenende trat in ca. 2,20 m Tiefe eine etwa parallel zum Fluss und der Straße verlaufende Reihe von kleineren hölzernen Pfosten bzw. Bohlen auf.

Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/J. Hallenkamp-Lumpe

Zwischen diesen Pfosten/Bohlen wurden später Reste einer dünnen Lage aus kleinen Hölzern bzw. Zweigen festgestellt, wobei es sich um einen verkippten Zaun oder eine mattenartige Konstruktion aus Astgeflecht gehandelt haben könnte, der/die ehemals an den Pfosten/Bohlen befestigt worden war.

Richtung Straße waren zudem kleinere Flächen mattenartiger Strukturen aus Ästen erhalten.

An einigen Stellen war noch zu erkennen, dass die Äste parallel nebeneinander gereiht worden waren, doch war der Befund insgesamt bereits stark gestört (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/J. Hallenkamp-Lumpe)

Auf der Kellersohle trat zudem ein ca. 3-4 m breiter Graben auf, der ebenfalls ungefähr der Richtung von Ems bzw. Mühlenwall folgte.

Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/J. Hallenkamp-Lumpe

Die dunkelbraune, feste, lehmige und leicht riechende Verfüllung enthielt Tierknochen, Lederreste, Muscheln, Holzreste.

Am straßenseitigen Randbereich des Grabens lag als wichtigster Fund das Fragment eines Kruges bzw. einer Kanne aus Siegburger Steinzeug etwa des 15./frühen 16. Jahrhunderts. (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/J. Hallenkamp-Lumpe)

Zwischen der Pfosten-/Bohlenreihe und dem Graben erstreckte sich ein sandiger und mit dunklen lehmigen Flecken durchzogener Boden, in dem vereinzelte Knochen und die Randscherbe eines Topfes aus grün glasierter Irdenware des 16./17. Jahrhunderts zutage traten. Diese sandige Fläche war stellenweise ebenfalls noch mit der mattenartigen Lage aus kleineren Ästen überdeckt.

Das Südwestprofil bot den besten Überblick über die Befundabfolge (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/J. Hallenkamp-Lumpe)

Wie diese Befunde zusammenhingen, zeigte sich dann in den Profilen der Baugrube, die eine räumlich und zeitlich gestaffelte Anlage der Strukturen erkennen ließen.

Zur heutigen Straßenseite lag zunächst ein niedriger Wall mit trapezförmigem Querschnitt. Von der Kellersohle aus war die flache Wallkrone nur einen guten Meter hoch. Ob sie ehemals vielleicht eine kleine Mauer oder hölzerne Palisade getragen haben könnte, war nicht mehr festzustellen.

 

Beim Abbaggern der Fläche war der Wall aufgrund tiefgründiger Auffüllungen auf der Parzelle nicht mehr vorhanden (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/J. Hallenkamp-Lumpe)
Übergangsbereich zwischen Wall und Grabenauffüllung (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/U. Koprivc)

Am Fuß des Walls schloss sich im Planum die Grabenverfüllung an, im Profil reichte sie jedoch fast bis an den emsseitigen oberen Wallrand; offenbar war auch nachdem der Graben bereits voll war weiter Sediment an die Wallseite gelangt bzw. hatte sich an diese anlagert.

Übergangsbereich zwischen Graben und Sandauffüllung mit Astschicht (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/J. Hallenkamp-Lumpe)

Deutlich war außerdem im Profil zu erkennen, dass die hinter dem Graben in Richtung Ems folgende gefleckte Sandfläche mit ihrer überdeckenden mattenartigen Astschicht leicht über die Grabenverfüllung zog und daher jünger als diese sein musste. Parallel zur Anlage der Sandfläche oder etwas später wurde schließlich als jüngster Baubefund die emsseitige Pfosten-/Bohlenreihe in der sandigen Auffüllung errichtet.

Die gestaffelten Strukturen am Mühlenwall 9 repräsentieren sehr wahrscheinlich einen Abschnitt der Wiedenbrücker Stadtbefestigung, von der an verschiedenen Stellen der Stadt bereits Teile archäologisch erfasst werden konnten.

Die bis 2016 bekannten archäologischen Befunde zur Wiedenbrücker Stadtbefestigung und die neue Fundstelle am Mühlenwall 9 (Karte ergänzt nach: Thomas Pogarell/Cornelia Kneppe, Die Stadtbefestigung von Wiedenbrück im Fokus archäologischer Untersuchungen. Archäologie in Westfalen-Lippe 2016 (2017), 127-131, Karte auf S. 128)

So wurde im Osten von Wiedenbrück eine Befestigung mittels Graben und (bisher nicht erfasster) Stadtmauer festgestellt, während im Westen der Schutz durch die Ems offenbar weniger aufwändige Maßnahmen forderte. Am Pulverturm zeigte sich dies an einer einfachen Pfostenreihe, die lediglich die Böschung eines sich zur Ems erstreckenden Streifens Land sicherte. Die eigentliche Stadtmauer könnte dagegen passend zur Lage des Pulverturms im Verlauf des heutigen Mühlenwalls gelegen haben.

Eine ähnliche Situation in Bezug auf die Pfostenreihe wurde nun am Mühlenwall 9 erfasst. Die Entstehungszeit von Wall und Graben konnte zwar aufgrund weitgehend fehlenden datierenden Fundmaterials nicht ermittelt werden, doch gibt das Krugfragment einen Hinweis darauf, dass sie parallel zur Errichtung des Pulverturms, der aus dem 15. oder frühen 16. Jahrhundert stammt, liegen könnte. Dass der Graben – wenn es sich um genau diesen handelte – möglicherweise noch im Jahr 1766 offen lag, zeigt der älteste Stadtplan von Wiedenbrück, der an dieser Stelle des Mühlenwalls einen dem Emsverlauf folgenden stadtseitigen Graben verzeichnet.
Die Sandfläche wurde nach Ausweis der Scherbe des 16./17. Jahrhunderts in der Neuzeit angelegt, womit die Pfosten-/Bohlenreihe ebenfalls in diese Zeit fallen müsste. Diese Befundlage spiegelt vermutlich den ab dem 16. Jahrhundert einsetzenden frühneuzeitlichen Ausbau der Stadtbefestigung, wobei an dieser Stelle zur Ems hin aber offenbar eine Oberflächenbefestigung aus einem Sandauftrag mit abdeckenden, vermutlich flechtwerkartigen Matten und einer leichten, diesen Bereich zum Fluss hin abstützenden Holzkonstruktion genügte.

 

Text: Julia Hallenkamp-Lumpe

Kategorien: Außenstelle Bielefeld · Aktuelle Grabungen

Schlagworte: Stadtbefestigung Wiedenbrück · Baustelle · Mühlenwall · Wiedenbrück · Pulverturm