02.02.2018

Wasserversorgung – Heute eine Selbstverständlichkeit

Spannende Einblicke in ein weitgehend unbekanntes Denkmal bei Lüdenscheid (LWL-AfW Olpe/T.Poggel)

Die Lüdenscheider Wasserstollen des 19. Jahrhunderts

Unter der Homert, Lüdenscheids höchster Erhebung, liegt ein beeindruckendes Zeugnis der Industrialisierung verborgen; ein kilometerlanges System von Wasserstollen. Teils hüfthoch steht das Wasser in den Gängen, Mauern und Stahlwände halten das Wasser schon seit über hundert Jahren zurück. Der Gebirgsdruck lastet auf die bogengestützte Firste, versteckt liegen die Eingänge dieser besonderen Anlage, die unbekannt für die meisten Lüdenscheider heute, einst aber wichtig für ihre Versorgung war.

Arbeiten unter Tage – Durch derartige Tunnel wurde Lüdenscheid während der Industrialisierung mit Wasser versorgt (LWL-AfW Olpe/T. Poggel)

Wurde die Versorgung in der Frühphase der Industrialisierung noch durch Brunnen und eine größere Zisterne gedeckt, benötigte die wachsende Bevölkerung und auch Industrie eine sichere Versorgung mit sauberem Trinkwasser. 1880 standen nur rund 44 Brunnen mit brauchbarem Trinkwasser zur Verfügung, rund 250 Personen mussten sich im Durchschnitt einen Brunnen teilen. 1885 konnte die Vollendung eines ersten Leitungsnetzes in der Stadt gefeiert werden. Gespeist wurden die Leitungen vom Wasser, das unter der Homert gewonnen wurde; ein mehrere Kilometer langes System aus Tunneln leitete das Wasser zum tiefsten Punkt der Anlage, von wo es über eine Gefälleleitung zur Höh gelangte, bis heute Standort eines Hochbehälters.

Die Anlage selbst wurde von mehreren Punkten aus bergmännisch aufgefahren, noch heute zeugen mehrere große Halden im Gelände vom Volumen der bewegten Gesteinsmassen und lassen die Mühsal der untertägigen Arbeit nur erahnen. Der nackte Fels weist keine Bohrpfeifen oder sonstige Spuren von Sprengarbeiten – der Bergmann spricht vom Schießen – auf, der Vortrieb erfolgte mutmaßlich wohl allein mit Schlägel und Eisen. Knapp mannshoch wurde das Stollenprofil angelegt, auf das Minimum reduziert, um unnötige Arbeit zu ersparen.

Wer waren die Arbeiter untertage? Die historischen Quellen zeigen, dass es sich um italienische Wanderarbeiter handelte. Doch einer von ihnen kam nicht wieder nach Hause. Durch herabfallendes Gestein kam er zu Tode. Podien und Planierungen im Umfeld der Zugänge weisen auf Standorte für Barracken und Infrastruktur für den Bau hin. Wo genau und wie die Arbeiter lebten, sollen zukünftige Untersuchungen zeigen. Sicher ist, dass sie ihre Spuren im Gelände hinterlassen haben.

Um den Stollen vor dem Einsturz zu bewahren, sind neben den Eingangsbereichen gefährdete Streckenabschnitte ausgemauert worden. Teilweise sind nur einzelne Stützbögen eingezogen. Die ansehnliche Ausmauerung erinnert an zeitgenössische Abwasserkanäle andernorts. Doch nicht immer wurde das beste Material verbaut, Ziegel mit Trocknungsrissen und Fehlbrände zeigen, dass wohl ganze Fehlchargen als günstige „B-Ware“ verbauten worden sind. Zur Herkunft der Ziegel kann noch kein abschließendes Urteil gefällt werden, hier stehen weitere Untersuchungen und Recherchen an.

Anfangs rätselhaft erschienen rechteckige Öffnungen im Ziegelmauerwerk, welche im unteren Drittel der Stöße eingelassen sind. Die Öffnungen folgen einer gewissen Regelhaftigkeit, ihr Nutzen zeigt sich vor allem in Bereichen in denen Wasser eintritt, tropft es andernorts vom Fels direkt auf die Sohle, läuft das Wasser hinter der qualitativ gut ausgeführten Vermauerung her und strömt durch diese Öffnungen in das System ein.

Das komplexe Tunnelsystem sicherte zwar Lüdenscheid eine Versorgung mit qualitativ höherwertigem Trinkwasser, doch nicht für lange, denn schon wenige Jahre nach Inbetriebnahme begann die Wassermenge drastisch zu sinken. Vermutlich trocknete ein oberirdisch gelegenes Hochmoor, das den Zufluss wesentlich speiste, zu schnell aus. Als Reaktion auf die nachlassende Fördermenge wurde 1888 das Pumpwerk in Treckinghausen nebst Quellfassung errichtet. Statt durch ein natürliches Gefälle wurde das Wasser fortan mittels Dampfmaschine und Pumpen in die Stadt gefördert.

Das Tunnelsystem unterquert heute mehrmals den Verlauf der BAB 45, bei deren Bau wurde noch einmal Wasser für die Betonherstellung gefördert. Lange Zeit lag die Anlage im Verborgenen, was einer weiteren Nutzung jedoch nur zugutekam: Im Kalten Krieg galt die Trinkwasserversorgung Westdeutschlands im Ernstfall als gefährdet, von einer Unbrauchbarmachung oder Zerstörung der Talsperren war die Rede. Der Wasserstollen wäre im Notfall für die Wasserversorgung Lüdenscheids herangezogen worden. Schätzungsweise hätten allerdings nur wenige Liter pro Person und Tag zur Verfügung gestanden.

Weitere Untersuchungen sollen Fragen zur Bauweise, den Materialien und den am Bau beteiligten Menschen klären. Noch heute sprudelt Wasser aus den Rohrleitungen, eines besonderen Relikts der Industrialisierung Südwestfalens, welches wohl durch den Ausbau der BAB 45 in Teilen bedroht sein könnte. Davon unbeeindruckt dürften die Fledermäuse sein, welche seit einigen Jahrzehnten den Wasserstollen als Refugium nutzen. Die Außenstelle Olpe dankt den Mitarbeitern der Enervie, Südwestfalens Energie und Wasser AG, für Ihre freundliche Unterstützung bei der Dokumentation eines besonderen Denkmals der Industriegeschichte!


Daniel Brandes
 

Kategorien: Außenstelle Olpe · Projekte

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