02.07.2020

Archäologie erhellt Kriegsendphaseverbrechen und ihre Folgegeschichte im Arnsberger Wald

Warstein-Langenbachtal, November 2018. Grabungseindruck am Tatort der Massenmorde vom März 1945. – Foto: LWL-AfW Olpe/Thomas Poggel

Gelungene Kooperation im Rahmen eines zeitgeschichtlichen LWL-Projektes

Nur selten sind die Olper Archäologen konkreten Menschen und ihren Schicksalen so nahegekommen wie in den letzten beiden Jahren. Die Rede ist von den ZwangsarbeiterInnen, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges bei Warstein und Meschede im Arnsberger Wald von Einheiten der Wehrmacht und Waffen-SS erschossen und verscharrt wurden, von den Alliierten und Überlebenden veranlasst wieder exhumiert und auf provisorischen „Kriegsfriedhöfen“ beigesetzt und 1964 dann schließlich umgebettet wurden.

Dass wir uns diesem spannenden wie auch erschütternden Thema widmen konnten, verdanken wir der Initiative von Dr. Marcus Weidner vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, der schon einige Zeit sowohl in nationalen als auch internationalen Archiven dem Schicksal der im März 1945 im Arnsberger Wald erschossenen 208 (vor allem) Frauen, Männern und Jugendlichen/Kindern aus Osteuropa nachforschte.

Kurz bevor die alliierten Armeen den sog. Ruhrkessel und damit das Herz der deutschen Rüstungsindustrie einnehmen konnten, verübten Einheiten von Wehrmacht und Waffen-SS, die „Division zur Vergeltung“, auf Befehl ihres Kommandeurs „SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS“ Dr. ing. Hans Kammler (1901 - 1945?) – dem berühmt-berüchtigten sog. Geheimwaffenchef Hitlers – an drei Orten im Arnsberger Wald Massenmorde. Kammler, der mit seinem Stab schon einige Zeit bei Warstein-Suttrop (Kr. Soest) lag, waren die Gruppen von teils unbewachten Zwangsarbeitern, die in der Region unterwegs waren und in den Wirren der letzten Kriegstage in Südwestfalen um ihr Überleben kämpften, ein Graus. So wurden einige der Gruppen aufgegriffen, teilweise in Suttrop interniert und dann wohl auf Befehl Kammlers – der Suttrop aber zuvor schon verlassen hatte – an drei Orten im Arnsberger Wald erschossen. Die Organisation und Durchführung der Mordtaten an den polnischen und sowjetischen ZwangsarbeiterInnen (damals als „Ostarbeiter“ tituliert) – tatsächlich überwiegend Frauen – übernahmen dann Offiziere und weitere Angehörige der Einheit.

Die Mordtaten sind später gerichtlich aufgearbeitet worden; es gibt hierzu polizeiliche Akten sowie Prozessprotokolle, die den Ablauf – soweit feststellbar – wie auch die Tatorte präsentieren. Von historischer Seite ist der Sachverhalt im Wesentlichen aufgeklärt worden.

Für die provisorischen Friedhöfe veranlasste die Sowjetunion das Aufstellen je eines Obelisken, der deutlich in drei Sprachen die Morde und die Täter benennt.

Die Anfrage vom Kollegen Weidner war dann, ob es mit unseren archäologischen Methoden möglich ist, die Tatorte genau zu lokalisieren und auch gezielten Fragen zu den Kriegsgräberstätten nachzugehen. Gerade letzteres entwickelte sich zu einem archäologischen Highlight der Außenstelle Olpe der letzten Jahre.

Mit Hilfe zahlreicher ehrenamtlicher Sondengänger, denen für Ihren großen Einsatz bei mitunter mehr als bescheidenen Wetterverhältnissen sehr zu danken ist, gelang es, die Abläufe an den drei Tatorten z.T. genauer nachvollziehbar zu machen und räumlich besser zu fixieren. Dies gilt mitunter auch für die Handlungsweisen, die danach stattfanden. So gibt es zur Exhumierung der Toten bei Suttrop einen Film des US-Signal Corps, das zufällig Anfang Mai 1945 vor Ort war. Die Filmaufnahmen (vgl. link) und Fotos sind sehr bekannt, zeigen sie doch, wie die Exhumierten an einem Waldweg aufgereiht worden waren, und die örtliche Bevölkerung, mitunter entsetzt, mitunter scheinbar eher gleichmütig, an ihnen vorbeigeführt wurden. In vielen Berichten und Beiträgen zur frühen Aufarbeitung der NS-Verbrechen sind diese Szenen als Film oder auf Fotos zu sehen. Die Sondengänger konnten diesen Ort nun der anhand typischer Kleinfunde identifizieren. Leider gelang es bisher in Suttrop noch nicht, die Massengräber der Exekutierten aufzufinden.

Hierfür gibt es allerdings Belege im Gelände an einem zweiten Tatort, dem Langenbachtal südlich von Warstein. Grubenartige Strukturen im Waldboden dürften diese ersten Bestattungsorte repräsentieren. Die Sondengänger konnten hier zudem die Orte der Mordtaten genau lokalisieren: jenseits eines Baches waren im steilen Abhang noch Projektile damals verschossener Munition zu finden.

Überraschend fanden sich dann große Mengen an Objekten, die den Opfern gehörten, ihnen vor bzw. nach der Tat abgenommen und zur Vertuschung der Mordtaten ebenfalls in Gruben verscharrt worden waren (vgl. link): Kochgeschirre, Essbestecke, Reste von Rucksäcken. Viele Stücke weisen auf die Heimat der Toten hin, so etwa Kopeken (russische Münzen der 1930er Jahre) und Teile eines deutsch-polnischen Wörterbuches.

Durch die archäologischen Prospektionen und Grabungen konnte den historischen Beschreibungen und Papierakten eine Fülle sehr anschaulicher Fundobjekte an die Seite gestellt werden. Sie vermögen es, die damaligen Ereignisse in unsere Zeit hinein zu holen und visualisieren somit die damaligen Gräuel: paarig angetroffene Frauenschuhe, zusammen „entsorgt“, und kleine Perlen unterstreichen eindrücklich die Berichte, dass vor allem Frauen hier erschossen wurden.

Diese neue „Unmittelbarkeit“ gilt im Ergebnis auch für die archäologische Erforschung der Vorgänge zum weiteren Umgang mit den Toten und der frühen Nachkriegs-Erinnerung an die Mordtaten. Dies lässt sich am provisorischen Friedhof für die im Langenbachtal Erschossenen, dem sog. Melkeplätzchen oberhalb des Tales gelegen, gut aufzeigen. Marcus Weidner wusste aus zeitgenössischen Berichten, dass an den provisorischen Friedhöfen bei Suttrop und dem Melkeplätzchen im Zuge der Umbettung im Mai 1945 jeweils ein Obelisk mit sowjetischen Emblemen und dreisprachigen Inschriften aufgestellt worden war. Während der Suttroper Obelisk nach Aufhebung des Friedhofs 1964 auf einen ehemaligen Friedhof für französische Internierte des Ersten Weltkrieges bei Meschede verbracht worden war (allerdings ohne die eiserne Fahne auf der Spitze mit dem „CCCP“ für die damalige UdSSR; vgl. link) – da hierhin fast alle Toten der Mordaktionen umgebettet worden waren – blieb der Obelisk am Melkeplätzchen verborgen. In den Akten heißt es, dass er weichen musste, da man unter dem dafür errichteten Podest weitere Gräber von 1945 vermutete.

Marcus Weidner wollte dem unbedingt nachgehen und organisierte die Möglichkeit, dass wir mit Hilfe der Stadt Warstein dieser Geschichte auf den Grund gehen konnten. Im Mai 2020 gelang es, mittels einer Georadarmessung unseres LWL-Kollegen Joris Coolen den Westrand der Grube zu finden, die 1964 im Zuge der Exhumierung angelegt worden war. Baggersondagen konnten dann Betonreste der Obelisken-Plattform und schließlich auch einzelne Grabgruben lokalisieren – und zu guter Letzt wurde doch, letztlich etwas überraschend, aber zu unser aller Freude, der Obelisk selbst entdeckt (vgl. 2 x link). Er war zusammen mit seiner abgebrochenen Spitze und leicht lädiert, aber auch mit der natürlich stark korrodierten Metallfahne neben der Plattform im Bereich von vier Gräbern wieder zu Tage gekommen – Archäologie des Jahres 1964! Zeitgeschichtliche Archäologie.

Durch diese spektakulären Funde ist es nun möglich, verschiedene Aspekte einer Erinnerungskultur um die Mordtaten im Langenbachtal mit anschaulichen archäologischen Funden und Befunden zu belegen. Die Basis der Plattform war unbeschädigt, darunter ist 1964 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nie nach Gräbern gesucht worden, obwohl dies vom Volksbund behauptet wurde; offensichtlich war dies nur ein Vorwand, den unliebsamen Obelisken mit den Sowjetemblemen – es herrschte Kalter Krieg! – endgültig los zu werden. Zudem war irgendwann zuvor der Begriff ERMORDET in der deutschen Inschrift des Obelisken zur Hälfte ausgeschlagen worden. Iinsgesamt ist für diesen Fall somit der frühe, unwürdige Umgang mit dem Gedenken an den ja unzweifelhaft von Deutschen Ermordeten unmittelbar dokumentiert. Dem wurde knapp 30 Jahre später am Ort allerdings insoweit Rechnung getragen, als dort ein Gedenkstein mit einer Plakette, die auf die hier ehemals Bestatteten hinweist, aufgestellt wurde (wobei die Zuweisung der Taten an ein „SS-Sonderkommando“ so nicht korrekt ist).

Durch die Freilegung des eingegrabenen Obelisken kamen wir auch der Basis von vier Gräbern sehr nahe; völlig überraschend kamen dabei Holzreste zu Tage (vgl. link). Diese wurden für zwei Gräber freigelegt und in einem Fall auch geborgen. Es handelt sich dabei um jene provisorischen Tragen, mit denen im Mai 1945 NSDAP-Angehörige die Leichen aus dem Langenbachtal hinauf zum Melkeplätzchen bringen mussten. Wir waren sehr überrascht, dass wir in dieser erhöhten Geländeposition Bedingungen angetroffen haben, die eine organische Erhaltung ermöglichten. Dies wird weiterhin dokumentiert durch die Funde kleiner Zweige, vermutlich Fichtenzweige, die damals unter die Tragen mit den wiederbestatteten Toten niedergelegt worden waren. Besonders der Fund eines Zopfs aus geflochtenem menschlichem Haar ließ uns völlig überraschend sehr nahe an das Schicksal der hier einst Bestatteten heran. Ob dieser bei der Zersetzung der Leiche im Grab abgefallen war und so 1964 nicht mehr geborgen werden konnte oder in Erinnerung an einen Angehörigen mitgeführt wurde, muss zunächst offenbleiben.

Unweit des Haarzopfs fand sich dann noch ein kleines, verziertes Keramikobjekt; nach dem Säubern wurde klar, dass es sich um den Kopf des Schneiders Böck aus Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ handelt, der im Februar 1940 im Rahmen der ersten Kriegssammlung des Winterhilfswerks zu Millionen verkauft worden war. Wie dieses beschädigte Köpfchen in das gut fünf Jahre später ausgehobene Grab kam, muss natürlich offenbleiben. Vielleicht werden wir hierzu mehr erfahren, wenn es gelingt, den hier ehemals beigesetzten Toten einen Namen zu geben, ein weiteres Ziel der noch ausstehenden historischen Arbeit.

Warstein-Melkeplätzchen. Eine der Tragen wird geborgen und in die Restaurierung gebracht. Sie steht danach für Ausstellungen zur Verfügung. – Foto: LWL-AfW Olpe/Manuel Zeiler

Aktuell sind wir durch die archäologische Arbeit der letzten 1 1/2 Jahren zumindest für den Komplex „Langenbachtal - Melkeplätzchen“ in der Lage, sowohl die Mordtaten und das Vertuschen der Täter im März 1945, die Exhumierung und Niederlegung der Toten auf der provisorischen „Kriegsgräberstätte“ im darauffolgenden Mai, als auch die Exhumierung der Toten 1964 und das zeitgleiche „Verschwinden“ des Obelisken detailliert nachvollziehbar zu machen. All diese sehr unterschiedlichen Aspekte der sich über viele Jahre erstreckenden Ereigniskette können wir nun mit aussagekräftigen archäologischen Funden und Befunden hinterlegen und veranschaulichen.

Ich finde, dass dies ein außergewöhnliches Ergebnis ist und wir so unerwartet nah an die ganz unterschiedlichen Aspekte und Beteiligten dieser Ereignisse herangekommen sind. Dies soll auch in Ausstellungen dokumentiert werden, die in Planung sind. Die archäologischen Funde helfen nun sehr, dies für die Besucher im wahrsten Sinne des Wortes anschaulich werden zu lassen.

Ich danke ausdrücklich allen Beteiligten aus Olpe und den anderen Abteilungen der LWL-Archäologie für Westfalen sowie den ehrenamtlichen Mitarbeitern, die diese Arbeiten und Ergebnisse erst möglich gemacht haben, aber besonders meinem Kollegen Manuel Zeiler, der zusammen mit Marcus Weidner die Arbeiten koordinierte und vorantrieb. 

Michael Baales

 

Literatur

Bürger, Peter; Hahnwald, Jens & Heidingsfelder, Georg D. (2016): Sühnekreuz Meschede (Norderstedt).

Hahnwald, Jens (2018): Das „Massaker im Arnsberger Wald“ und die Last der Erinnerung. In: Matthias Frese & Marcus Weidner (Hrsg.): Verhandelte Erinnerungen. Der Umgang mit Ehrungen, Denkmälern und Gedenkorten nach 1945. Forschungen zur Regionalgeschichte 82 (Münster) 65-95.

Weidner, Marcus (2015): Kriegsendphaseverbrechen an Zwangsarbeitern im Sauerland 1945. In: Stadt Dortmund/LWL/Westfälischer Heimatbund (Hrsg.): 200 Jahre Westfalen. Jetzt! (Münster) 342-347.

Weidner, Marcus; Baales, Michael & Zeiler, Manuel (2020): Zeitgeschichte und Archäologie der Moderne. Auf der Suche nach einem sowjetischen Mahnmal für ermordete ZwangsarbeiterInnen des Zweiten Weltkriegs bei Warstein (Kr. Soest). Westfälische Forschungen 70 (im Druck).

Weidner, Marcus & Zeiler, Manuel (2019): Ermordet, verscharrt, verdrängt. Archäologie in Deutschland 6/2019, 46-49.

Weidner, Marcus & Zeiler, Manuel (2019): Untersuchungen an Erschießungsorten des Zweiten Weltkriegs im Sauerland. Archäologie in Westfalen-Lippe 2018, 193-196.

Weidner, Marcus & Zeiler, Manuel (2019): Zeitgeschichtliche Archäologie. Der Massenmord an 208 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern im Warsteiner Raum 1945 und die archäologischen Ausgrabungen der Erschießungs- und Bestattungsplätze. Sauerland 4/2019, 8-11.

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