Einsam in der Gruft

09.07.2020 Carolin Steimer

Grabungsleiter Rafael Roth barg aus der ehemaligen Gruft einen Kinderschädel. – Foto: LWL-AfW Olpe/M. Baales

Archäologie im Herzen der Stadt Bad Berleburg (Wittgensteiner Land)

Als vor Jahren der Beschluss fiel, den Goetheplatz in Bad Berleburg umzugestalten, war die Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie frühzeitig eingebunden. Denn dass dort, unweit des Schlosses, die Reste der zweiten Stadtkirche samt zugehöriger Gruft liegen, war immer bekannt. Denn letztlich war das Areal bereits seit 1990 in die Denkmalliste der Stadt als ortsfestes Bodendenkmal eingetragen. Eine archäologische Begleitung der Erdarbeiten war damit unumgänglich.
Die Grabungen beschränkten sich auf das unbedingt notwendige, d.h. es wurde nur bis auf Baueingriffstiefe untersucht. Es zeigte sich dabei aber schnell, dass der Fels hier sehr hoch ansteht, so dass sich die Fundamentreste der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Kirche, im Wesentlichen auf die der Nordmauer beschränkten.

Die in ihrer Nord-Süd-Ausrichtung ungewöhnliche Kirche musste 1574/75 nach dem Brand der ersten Kirche an anderer Stelle erbaut werden, da an dem ursprünglichen Platz eine Schlosserweiterung in Planung war. In die neue Kirche wurde auch eine niedrige Gruft – im Wesentlichen in den Felsen eingetieft – eingebaut, die dann als Begräbnisstätte der benachbart residierenden fürstlichen Familie Sayn-Wittgenstein diente. 1833 war die Kirche bereits derart baufällig, dass man sie aufgab; 1839 wurde sie schließlich völlig abgetragen und nach einigen Diskussionen an anderer Stelle eine neue Kirche errichtet.

Wie Rechnungen bestätigen, wurde auch die Gruft nach dem Abbruch der Kirche ausgeräumt. (Dies war tatsächlich teurer als der Abbruch des eigentlichen Gebäudes!)  Dabei ist aber offenbar nicht mit größter Sorgfalt gearbeitet worden. Die Särge waren vermutlich bereits stark zerfallen, es lag nicht mehr alles in Ordnung, denn bei der kleinräumigen Grabung innerhalb der Gruft (da im Umfeld ein Baum gepflanzt werden wird) wurden zahlreiche Sargreste und Beschläge sowie menschliche Knochen gefunden, darunter ein Kinderschädel. Es gelangten also nicht alle Angehörige der fürstlichen Familie an den neuen Begräbnisort.

Die Umbettung der entdeckten Skelettreste soll nach einer anthropologischen Untersuchung nachgeholt werden.

Der Grabungsleiter Rafael Roth M.A. der archäologischen Fachfirma Goldschmidt aus Düren im Rheinland, der von der Stadt mit der archäologischen Arbeit vor Ort beauftragt wurde, hat mit seinem kleinen Team die freigelegten Mauern und Knochen sowie Sargteile aus der Gruft sorgfältig dokumentiert. Zudem konnte er im Südteil den Treppeneingang zur Gruft lokalisieren, auf der eine Kupfermünze (ein Stüber von 1806) lag. Weiterhin gehört ein Metallknopf mit verzierter Platte zu den Funden.

Die regionale Presse – wie auch die örtliche Bevölkerung – zeigte an den Arbeiten und den Ergebnissen durchaus ein größeres Interesse. – Foto: LWL-AfW Olpe/M. Baales

Das Fundmaterial ist zwar nicht sehr umfangreich, doch war es immerhin möglich, im Umfeld auch spätmittelalterliche Keramikscherben zu bergen, die auf eine ältere Nutzungsphase des Areals verweisen. In der Gruftfüllung selbst lag Keramik des 19. Jahrhunderts, also aus der Verfüllzeit.

Insgesamt ist die Arbeit am Goetheplatz ein typisches Beispiel aktueller archäologischer Arbeit in Stadtkernen. Es sind nicht immer die großen archäologischen Highlights, die zum Vorschein kommen, sondern einige Aspekte der bekannten städtischen Geschichte können durch die Archäologie um interessante Facetten ergänzt werden. Hervorzuheben, ist die ausgesprochen gute Kooperation mit Stadt und beauftragter Baufirma. Das ist nicht immer so.

Eva Cichy, Michael Baales