02.10.2015

Archäologie und Emotionen

Nach 70 Jahren Gewissheit über den Tod des Bruders

Ernest Mahr wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Er steht vor den restlos zerfetzten Trümmern von dem, was einmal ein Kampfflugzeug war. Die britische Lancester-Maschine wurde vor 70 Jahren am Himmel über Hagen abgeschossen. Darin saß damals auch sein Bruder, gerade einmal 19 Jahre jung. 70 Jahre lang wusste er nicht, was ihm im Krieg in Europa passierte. Denn die Maschine war verschollen. „Missing. Nothing heard after – Vermisst. Danach nichts mehr gehört”: Das war der letzte Hinweis aus den Aufzeichnungen der Armee. Nun, sieben Jahrzehnte später, hat ein Projekt der Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie für Westfalen dafür gesorgt, dass sich das ändert. Für die Erfassung der Absturzstellen von Kriegsflugzeugen ist der Hagener Heimatforscher Horst Klötzer mit der Sonde auf die Suche gegangen und hat die Trümmer des verschollenen Flugzeugs entdeckt. Mehr noch. Er hat auch die damaligen Besatzungsmitglieder recherchiert und Angehörige ausfindigt gemacht. Darunter Ernest Mahr.

Für Ernest Mahr stand außer Frage: Endlich hat er nach 70 Jahren Gewissheit über das Schicksal seines Bruders - jetzt möchte er auch den Ort sehen, an dem er gestorben ist. Er setzt sich mit Ehefrau Pat ins Flugzeug, fliegt von Kanada nach Frankreich, mietet sich dort ein Auto und fährt noch am selben Tag nach Hagen - mit 88 Jahren.

Dass die Presse dabei ist und der Rest der Welt von dem erfährt, was er nun erlebt, ist ihm ein Anliegen. "Es gibt immer noch Kriege auf der Welt - mein Bruder ist vor 70 Jahren so jung gestorben. Das war keine gute Zeit und schlimm für unsere Familie", erzählt er. Er hat Bilder von seinem Bruder, von der Maschine, in der er damals auch über Hagen flog dabei. Sogar ein Logbuch der Flüge, die der junge Mann im Krieg absolvierte, legt er auf den Tisch. Darin die berüchtigten Angriffe auf Dresden.

Am 7. März 1945 startete die Maschine mit Rudolf W. Mahr an Bord, um Angriffe auf die ostdeutsche Stadt Dessau zu fliegen. Der junge Kanadier konnte Deutsch - seine Mutter war in Deutschland geboren und wanderte nach Kanada aus. Mit den Sprachkenntnisse sollte er den Funkverkehr der Deutschen abhören und mit speziellen Sendern stören.

Die vermutlich Maschine mit einer 1,8 Tonnen schweren Minenbombe und Abwurfbehältern mit Stabbrandbomben beladene PD 268 SR-O des 101. Squadron wurde dennoch von Nachtjägern entdeckt und abgeschossen. Das Flugzeug expodierte. Alle Acht Besatzungsmitglieder starben.

Bauchschmerzen hatten die Beteiligten, die Presse bei einer derart emotionalen Spurensuche quasi "live" dabei zu haben. Mit 88 Jahren ist die "Wiederbegegnung" mit dem vor 70 Jahren verschollenen Bruder auf einem anderen Kontinent am anderen Ende der Welt sicherlich alles andere als ein Kinderspiel.

Ernest Mahr möchte das. Ihm ist wichtig zu vermitteln: Der Krieg mag 70 Jahre vorbei sein, die Folgen sind aber bis heute gegenwärtig - auch wenn es manche mit bedenklichen Sprüchen, Äußerungen und Taten nicht wahrhaben wollen.

Tapfer gibt er ein Interview nach dem anderen, spricht in Mikrofone, schaut in Kameras, hält ein Trümmerstück des Bombers in die Linse von Fotoapparaten. "Ich bin schon überrascht, dass so viele Medien gekommen sind und sich für die Geschichte interessieren", sagt er. Trotzdem ist er kein bisschen müde, immer wieder seine Gefühle zu beschreiben, immer wieder gegen die Tränen zu kämpfen und ihnen am Ende doch freien Lauf zu lassen.

Archäologie ist eben viel mehr als nur eine sachliche Wissenschaft, die Relikte aus dem Boden holt, dokumentiert, beschreibt, analysiert und einordnet.

Archäologie hat mit Menschen zu tun. Nirgendwo merkt man das deutlicher als an diesem Tag mit Ernest Mahr. Seine Augen sprechen Bände. Und auch das Dankeschön, das er immer wieder leise den Archäologen ins Ohr flüstert.

Katja Burgemeister

Kategorien: Außenstelle Olpe · Hinter den Kulissen

Schlagwort: