30.09.2015

Vom Schreibtisch in die Höhle

Der ersten Höhlengang einer "Pressetante"

Ein ganzer Sack voll Presseinfos ist zusammen mit einem kiloschweren Rucksack mit Fotokamera und Objektiven den Hügel hinauf gewuchtet. Nach einem kurzen „guten Tag, wie schön sie zu sehen“ und „wir unterhalten uns dann mal oben an der Höhle über die Ergebnisse der aktuellen Ausgrabungssaison“ läuft alles wie von selbst. Fernsehen, Radio, Lokalpresse: Sie alle hängen Prof. Dr. Michael Baales als Leiter der Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie für Westfalen an den Lippen. Dr. Jörg Orschiedt wird als jahrelanger Projektleiter vor die Kamera, vor das Mikro, in den Ausgrabungsschnitt auf dem Vorplatz der Blätterhöhle in Hagen geschoben. Alles sind Profis, alle kennen sich. Was bleibt da noch als „Tante für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“ zu tun?

Nach einigen Fotos und dummen Fragen, um das Gespräch ein wenig in die eine oder andere Richtung zu lenken, bin ich eigentlich arbeitslos. Sofort kommt es mit Wucht, das Kribbeln in den Fingern. Schließlich bin ich nicht nur Journalistin, sondern habe spät auch noch das gemacht, was andere als brotlose Kunst verhöhnen: Mit voller Begeisterung Archäologische Wissenschaften und Geschichte studiert. In Österreich habe ich mich verschlammt bis zu den Ohren durch eine römische Siedlung gewühlt. Auf Sizilien bin ich wochenlang über frisch abgebrannte oder frisch gedüngte Felder gerannt, um Scherben aus der Antike zu finden. In der Türkei habe ich jahrelang einen Sonnenbrand nach dem anderen bei dem Versuch gesammelt, die Trümmer und Funde eines ionischen Heiligtums vor allem mit der Kamera zu dokumentieren. Ein Promotionsversuch bleibt seit langem im hoffnungslosen Zeit- und Geldmangel hängen.

Auch als klassische Archäologin mit bescheidenem Pflichtwissen inmitten von Ur- und Frühgeschichtlern: Immer wieder kommt das typische Kribbeln zurück, sobald ich auf archäologischem Boden stehe. Da kann kein Archäologe aus seiner Haut – erst recht nicht, wenn es wie an der Blätterhöhle mit großartigen Funden aus der mittleren und späten Steinzeit richtig spannend wird. Schon gar nicht, wenn sich direkt vor den juckenden Händen ein Feld auftut, das noch völlig unbekannt ist: Höhlenforschung.

Sehnsüchtig geht also der Blick immer wieder zwischen dem winzigen Höhleneingang und dem Außenstellenleiter hin und her. Gebannt beobachte ich, wie sich die Forscher und Studenten für einen Höhlengang rüsten. Ich wiesel wie angestochen hin und her, löchere alle mit Fragen, schaue über Schultern, stehe konsequent im Weg herum. Als sich die ersten Tränen des Neides lösen, stöhnt der Außenstellenleiter einmal inbrünstig auf, ruft: „Die hier will auch unbedingt mal in ein dunkles Loch“ und Ausgrabungsleiter Wolfgang Heuschen hat Erbarmen mit mir. „Na komm“, sagt er. „Wir gehen rein, wenn die anderen raus sind.“

Der Puls geht sofort zu Höchstleistungen über. Da ist die leichte Angst vor klaustrophobischen Anfällen mitten in hauchdünnen, stockdunklen Gängen. Doch die Neugierde und das Kribbeln siegen. Schon stecke ich lange bevor es losgeht in einem schlammverdreckten Anzug, setze mit den Helm mit Grubenlampe auf, schlüpfe in die Handschuhe und lasse mir von blutjungen Studentinnen versichern, „dass das erste Mal schon ein bisschen komisch, aber alles gar kein Problem ist.“ Wolfgang Heuschen schiebt sich mit den Füßen voran und ebnet mir auf dem Rücken liegend den Weg. „Hier geht’s jetzt leicht hinunter“, sagt er mitten in die Finsternis hinein. Braune Wände wölben sich über meiner Nase. Hier ist nur Platz für mich und mehr nicht. „Gleich drehst Du Dich am Besten auf die Seite, dann gleitest Du auf dem Po hinunter und stellst die Füße auf die kleinen Stufen“, erklärt er, während ich mich natürlich falsch rum durch den winzigen Schlitz im Nichts zwänge und fast stecken bleibe.

Irgendwann bin ich tatsächlich unten angekommen. Gerade mal hocken kann man hier umgeben von bizarren Formen und Farben und dunklen Löchern, die sich in alle Richtungen erstrecken. Hier geht die Höhle noch weiter. An zwei Seiten sieht man eine mächtige Erdverfüllung, aus der überall Knochen und Holzkohle hervorschauen. Nägel sind eingeschlagen, Kellen liegen herum, Knieschoner, eine kleine Lampe hängt an der Decke. Die Luft ist eiskalt und glasklar. Es ist erstaunlich gemütlich hier unten. Wir machen beide das Licht aus und erleben, was echte, reine Dunkelheit ist. Nur ganz leise dringen Stimmen von draußen und das Rauschen des unglaublichen Verkehrs auf der Bundesstraße hinein. Ich fotografiere mich tot, kann immer wieder nur fassungslos stammeln „das ist irre“, „unglaublich“ oder „einfach unfassbar“.

Zurück muss ich voran klettern und bin erstaunlich schnell wieder draußen. Ein glückseliges Lächeln auf den Lippen, immer wieder Dank stotternd und mit dauerhaft hochgeschraubten Puls fahre ich nach Hause. Sehr sicher, dass spätestens im Seniorenstudium noch der Abschnitt „Höhlenforschung“ auf dem Plan steht.

Katja Burgemeister

Kategorien: Außenstelle Olpe · Hinter den Kulissen

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