Von der Stadtbefestigung bis zum Friedhof

20.06.2016 Carolin Steimer

Dem Warburger Burgberg auf den Zahn gefühlt

Die bewegte Vergangenheit des Warburger Burgbers können die Archäologen bis heute auch im Boden ablesen, wo die Spuren der Geschichte erhalten geblieben sind. Dort, wo Bauarbeiten für Bauprojekte die Erde öffnen, sind die Ausgräber jetzt ebenfalls mehrfach zur Stelle gewesen, um die Zeugnisse der Vergangenheit festzuhalten und zu dokumentieren.

Unmittelbaren Einblick in die mittelalterliche Bausubstanz der Stadt gab es zunächst am Sacktor. Zwar öffnete sich lediglich ein 10 Meter langer und 1,30 Meter Abschnitt, das Zeitfenster reichte jedoch bis in die Zeit des 14. Jh. hinein. Dabei gingen die Forscher im wahrsten Sinne der historischen Stadtbefestigung auf den Grund.  Denn an der Substanz der Zwingermauer im unmittelbaren Anschluss an das Sacktor hatte fast wortwörtlich der Zahn der Zeit genagt. Das Mauerwerk war an dieser Stelle schlicht baufällig geworden und stellte eine Gefahr für Passanten und den Straßenverkehr dar.

Nachdem die Baugeräte die bis dato erhaltene Bausubstanz abgerissen hatten, konnten die Archäologen einen Blick auf die verbliebenen Reste werfen und insbesondere den Aufbau der Zwingermauer sowie deren Spuren in den Erdschichten dokumentieren. „Das bedeutet für uns einen wertvollen Einblick in die Geschichte und die baulichen Strukturen der Stadtbefestigung“, schildert Dr. Hans-Werner Peine vom Referat für Mittelalter- und Neuzeitarchäologie der LWL-Archäologie für Westfalen.

  • Brandhorizonte auf dem Burgfriedhof. Foto: LWL/Thede

  • Das Sacktor in einer historischen Postkartenansicht.

  • Der Anbau an der Stadtmauer. Foto: LWL/Thede

Ein Tor sorgt für Konfliktstoff

Diese Stelle der Stadtbefestigung ist für Warburg durchaus von historischer Bedeutung. Als das Sacktor wohl kurz nach 1300 errichtet wurde, sorgte es für gehörigen Konfliktstoff. Damit war den Burgmännern der direkte Weg zur Burg abgeschnitten. Sie mussten zunächst ein städtisches Tor durchqueren, bevor sie auf ihre Burg gelangen konnten, die wiederum unter bischöflicher Oberhoheit stand. So gerieten sich an dieser Stelle die Bürger und die Burgmannen des Paderborner Bischofs also im wahrsten Sinne in die Quere. Erst 1442 wurde neben dem Tor auch ein Turm errichtet. „Der Sackturm bildet zusammen mit den noch erhaltenen Zwingermauern und dem unmittelbar anschließenden Torbogen ein für die Geschichte der Stadt Warburg und ihre mittelalterliche Bausubstanz wichtiges Denkmalensemble“, betont Peine.

Binnen vier Tagen waren die Mauer, ihr Fundament und die angrenzenden Erdschichten dokumentiert. „Dabei zeigte sich, dass die aus zwei Schalen und Füllwerkmauerwerk aus Bruchsteinen aufgebaute Stadtmauer in diesem Bereich überwiegend aus originaler historischer Substanz gebildet war“, schildert Grabungsleiter Kim Wegener. „Lediglich im oberen Bereich des Mauerwerks ist von einer späteren Rekonstruktion auszugehen.“ Zusätzlich kam im Profil zum angrenzenden Gartenareal eine weitere kleine Mauer zum Vorschein. Offenbar ist hier ein Anbau bzw. ein kleineres Bauwerk direkt an der Stadtmauer errichtet worden. Wann das geschehen ist und welche Funktion dieses Gebäude gehabt haben könnte, muss aber offen bleiben. Für weitere Erkenntnisse hat der begrenzte räumliche Einblick in die Erde nicht ausgereicht. Die Mauer ist inzwischen rekonstruiert worden.

Untersuchung eines Skeletts. Foto: LWL/Börnke

Brände, Reste der Innenbebauung, die ersten Gräber des Friedhofes: Der Burgberg hat an anderer Stelle ebenfalls wörtlich tief blicken lassen. Seit mehr als 50 Jahren boten die anstehenden Bauarbeiten für die Brücke zum Chattenturm jetzt die erste Gelegenheit für die Archäologen, Einblick in die Substanz des Bodendenkmals auf dem Warburger Burgberg zu nehmen. Nicht nur die Archäologen waren fasziniert. Auch neugierige Warburger sammelten sich täglich am Bauzaun, um die Ausgrabungen zu verfolgen.

 

In den 1960er Jahren hatten Archäologen zuletzt einen Blick in die Erde auf dem Warburger Burgberg und damit in die im Boden konservierte Geschichte werfen können. Der demnächst geplante Bau der Brücke und die hierfür erforderlichen Fundamentierungen sind deshalb „ein Glücksfall für uns, weil wir damit neue Einblicke gewinnen können“, so Grabungsleiter Kim Wegener Die Ergebnisse waren auf den beiden Teilflächen mehr als ergiebig. Insgesamt 1.500 Fundstücke konnten geborgen werden. Sie werden jetzt in der Zentrale der LWL-Archäologie für Westfalen untersucht und ausgewertet.

Ein weiterer Skelettfund. Foto: Thede

Komplexe Erdschichten, Burgmauer und Friedhofsgeschichte

Die umfangreichsten Erkenntnisse konnten die Archäologen auf der südlichen Teilfläche gewinnen. Hier kamen nicht nur Reste der originalen Bausubstanz der mittelalterlichen Burgmauer, sondern auch komplexe Erdschichten zum Vorschein, die Aufschluss über die Innenbebauung, über Nutzungszeiträume und katastrophale Ereignisse geben. „Das Burgareal ist ab dem 19. Jh. als Friedhof genutzt worden – daher war mit Ergebnissen in dieser Qualität nicht zu rechnen“ schildert Dr. Hans-Werner Peine. Im Boden blieben die Spuren von drei Bränden konserviert. Sie sind anhand von schwarzen Bändern in den Erdschichten zu erkennen. Die Keramik, die in diesen Brandschichten erhalten geblieben ist, stammt aus dem hohen und späten Mittelalter. Entsprechend muss es in diesen Zeiträumen zu den Zerstörungen durch Feuer gekommen sein. Auch steinerne Fundamente kamen zum Vorschein. Ihre Struktur deutet darauf hin, dass sich darüber früher ein Fachwerkbau erhoben hat.

 

Zu den weiteren Funden gehören Keramikscherben und Eisenobjekte. Die meisten stammen aus der Zeit des 12. bis 14. Jahrhunderts. Diese Zeitspanne scheint somit den Hauptnutzungszeitraum der Burganlage zu umfassen. Einige wenige Scherben sind jedoch älter und zeigen, dass durchaus schon im 10. Jahrhundert Menschen den Burgberg bewohnten und nutzten. „Genaueres wird aber erst die endgültige Auswertung des Fundmaterials ergeben“, so Peine.

 

Auf der nördlichen Teilfläche des Ausgrabungsareals hatten es die Archäologen mit einem ganz anderen Thema zu tun. Hier liegt der vornehmlich historische und bis heute genutzte Burgfriedhof. Insgesamt drei Bestattungen konnten im Bereich eines Weges zwischen den modernen Grabbereichen untersucht werden. Sie stammten aus den späten 1860er und frühen 1870er Jahren und gehörten damit zur ersten Belegungsphase des Friedhofes. Neben den Skeletten dokumentierten die Archäologen Reste der zugehörigen Särge, von denen teilweise noch die Zierbeschläge aus Metall erhalten waren, sowie einzelne Knöpfe der Totenhemden. „Darüber hinaus fanden wir in einem Grab die Reste eines filigranen bronzenen Rosenkranzes, dessen Freilegung einiges an Geschick erforderte“, erläutert Grabungsleiter Kim Wegener. Hier mussten die Archäologen tatsächlich zum Pinsel greifen, um ihn behutsam freizulegen. Dieses Arbeitsinstrument kommt entgegen allen Vorurteilen sonst nur selten zum Einsatz.