04.03.2019

(Früh-)Geschichte im Bild

Rekonstruktion der Bergbauwüstung Altenberg bei Müsen, Stand 2018. Im Vordergrund findet sich das Zitat der Kegelspielszene der 1980er Jahre und im Hintergrund beispielhaft die Neudeutung einer Turmburg (Grafik: LWL-Archäologie für Westfalen/A. Müller)

Ein archäologisches Lebensbld und seine Geschichte(n)

Grafiken, die die Vergangenheit rekonstruieren, sind ein beliebtes Mittel, den Forschungsstand der archäologischen Wissenschaft darzustellen. Bilden diese Grafiken auch noch szenisch Lebenswelten ab und sind sie unterhaltsam, spricht man von „Lebensbildern“. Sie sind besonders beliebt für eine Präsentation archäologischer Themen in die breite Öffentlichkeit. Sie finden sich aber in der Flut bildlicher Darstellungen des Wissenschaftszweiges (Fotos, technische Zeichnungen, Karten, etc.) höchst selten. Dies liegt an zwei Gründen: Zum einen ist es schwierig, auf Grundlage der meist unvollständigen, archäologischer Quellen, ein Lebensbild zu rekonstruieren. Zum anderen finden sich nur selten Künstler, die fähig sind, ansprechende Lebensbilder zu realisieren.

Die Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie hat das große Glück sowohl etliche aussagekräftige archäologische Kontexte zu kennen als auch mit Andreas Müller – Ander (https://www.kuenstlerbund-suedsauerland.de/index.php/mitglieder/ander) – einen Künstler im Team zu haben, der bereits mehrfach unterhaltsame Lebensbilder schuf.

Doch wie entsteht ein Lebensbild? Welche Zwischenschritte stehen zwischen archäologischem Befund und grafischer Rekonstruktion? Wie aufwändig ist die Umsetzung der Grafik? Inwieweit hat der veränderte Forschungsstand Einfluss auf die Darstellung?

Thematischer Gegenstand ist eine wüst gefallene Siedlung des 13. Jahrhunderts westlich Hilchenbach-Müsens im Siegerland – der Altenberg bei Müsen. Hier gewannen ungefähr einhundert Jahre lang Bergleute silber- und bleihaltige Erze. Der Forschungsstand ist außerordentlich gut, da die Bergbauwüstung großflächig in den 1970er und 1980er Jahren ausgegraben wurde. Hier existierte ein dichtes Nebeneinander von Bergbaubetriebseinrichtungen, wie Schachtanlagen oder Erzverarbeitungsbereichen, und Siedlungselementen. Gerd Weisgerber vom Deutschen Bergbau-Museum Bochum, der neben Claus Dahm von der Georg-August-Universität Göttingen sowie Uwe Lobbedey von der LWL-Archäologie für Westfalen die Fundstelle ausgrub, ließ bis 1983 ein erstes Lebensbild durch einen unbekannten Künstler anfertigen, dass jahrzehntelang sprichwörtlich das Bild der Bergbauwüstung bestimmte.

Basierend auf Rekonstruktionsvorschlägen Weisgerbers kreierte der Künstler unterhaltsam eine Szene des dichten Nebeneinanders aus Wohn- und Arbeitsbereichen vieler Menschen auf dem Berg. Das Bild ist auf eine Teilszene ausgerichtet, die Bergleute in ihrer Freizeit beim Kegelspiel zeigt – denn Weisgerbers Ausgrabungen in einem verfüllten Schacht erbrachten damals mit drei hölzernen Kegeln sowie einer Holzkugel das älteste Kegelspiel der Welt.

Seit sechs Jahren finden erneut Forschungen des Altenberg- und Stahlberg e.V. Müsen, des Deutschen Bergbau-Museums Bochum sowie der LWL-Archäologie für Westfalen auf dem Altenberg statt, die neben Neuentdeckungen auch die Neubewertung der alten Ausgrabungen erbrachten. Dabei zeigte sich, dass die Rekonstruktion im Auftrag Weisgerbers bei wichtigen Bestandteilen heute überholt ist: Dort sind als Behausungen einfache Hütten ärmlicher Bergleute dargestellt, während die neuen Forschungen auch repräsentative Großbauten reicher Menschen nachwiesen. Das alte Lebensbild zeigt als zentrales Bauwerk ein schmales aber dreistöckiges Fachwerkhaus auf, welches die Neuauswertung hingegen als massive Turmanlage einer Burg mit mehreren Stockwerken in Stein bewertet.

Die Zwischenergebnisse der neuen Forschungen mündeten 2018 in Band 1 der neuen Reihe „Montanarchäologie in Westfalen“ der Altertumskommission für Westfalen (https://www.altertumskommission.de/de/publikationen/montanarchaologie-westfalen/). Ihre Kernabbildung ist ein neues Lebensbild von Andreas Müller, das sich auf die Altdarstellung zur Zeit Weisgerbers bezieht, aber um neue Forschungsergebnisse ergänzt.

Bevor Andreas Müller beginnen konnte, musste aber geklärt werden, wo welche Gebäude und Bergbau-Anlagen am Ort bestanden, wie diese aussahen oder wie sich die Bergleute kleideten. Im Gegensatz zu Weisgerbers Zeiten, der Pionierphase in der Bergbau- und Wüstungsarchäologie, ist heute die Datenbasis deutlich größer: Die Befundsituation am Altenberg, kombiniert mit Ergebnissen vergleichbarer Wüstungen bzw. Bergbauanlagen des Hochmittelalters, liefert ein wesentlich klareres Bild als die 1980er Jahre.

Dann mussten die neu identifizierten Großbauten und die Turmburg rekonstruiert werden, was auf Grundlage neuer Forschungen in Westfalen, Böhmen und Baden-Württemberg möglich war. Schließlich waren der Bildausschnitt, die Blickrichtung sowie die Einzelszenen zu beschreiben.

Nach wochenlangen Vorrecherchen bestand nun eine Basis an Fakten, Rekonstruktionen und Rekonstruktionsmöglichkeiten – freilich keine endgültige Gewissheit über die Vergangenheit. Denn eines muss klargestellt werden: Forschung entwickelt sich beständig weiter und Forscher sind Kinder ihrer Zeit. Somit vermittelt der nun erreichte Stand sicher keine finale Beschreibung der Vergangenheit, sondern ist, genauso wie Weisgerbers Vorschlag, ein Zwischenergebnis auf dem Weg dahin.

Auch die grafische Umsetzung ist immer Kind ihrer Zeit. Weisgerber beauftragte einen Künstler, der im plakativen Stil der späten 1970er und frühen 1980er Jahre mit starken Farben und klaren Konturen ein Bild mit eigenständigen Einzelszenen schuf.

Eigenständige Einzelszenen als zusammen kombinierte Elemente einer Großdarstellung sind typisch für Lebensbilder der historischen Darstellung vor allem in Deutschland ab Ende des 19. Jahrhunderts. Ihre Bedeutung liegt darin, dass mit vielen Einzelszenen unterschiedliche inhaltliche Zusammenhänge erzählt werden können. Die Schwierigkeit besteht aber darin, dass bei der unattraktiven Darstellung einer Vielzahl an Szenen („Wimmelbilder“) der Betrachter abgeschreckt werden kann. Deswegen setzten sich vor allem ab den 1990er Jahren Lebensbilder durch, die sich lediglich auf eine Szene fokussieren.

Beim Altenberg bei Müsen wurde trotz dieser Problematik eine Darstellung aus kombinierten Einzelszenen von Anfang an angestrebt. Festgelegt wurde ein Querformat und dass die endgültige Abbildung im Maßstabs-Bereich zwischen DIN A4 aufwärts nutzbar sein muss – bei vielen Einzelszenen eine grafische Herausforderung: Sind die Einzelszenen zu detailliert, sind sie verkleinert nicht mehr erkennbar. Sind die Darstellungen dagegen zu grob, so wirken sie bei starker Vergrößerung unattraktiv.

Zugegeben: Die Konzeption des Sujets in Einzelmotive gegliedert und nutzbar bis in den Größenbereich DIN A4 erschloss sich angesichts des beeindruckenden Werks Andreas Müllers bei anderen Lebensbildern von der Steinzeit bis in das Frühmittelalter. A. Müller erstellt seit 1983 Grafiken für die Außenstelle Olpe – im Schwerpunkt Fundzeichnungen. Herausragend sind aber seine Lebensbilder, die sich meist – selbst wenn lediglich ein Motiv im Fokus steht – zumindest randlich oder im Hintergrund in weitere oder andere Themengebiete auflösen. A. Müller zeigt dabei die große Begabung, comicartig und mit wenigen zusätzlichen Elementen, zahlreiche Geschichten zu erzählen.

Die Vorlage des neuen Lebensbildes zum Altenberg bei Müsen waren drei zu einem Bild kombinierten Fotografien Hermann Mennes, die von Südwesten das Areal übersehen. In diese Fotografie wurden die mittelalterlichen Gebäude und Betriebseinrichtungen einskizziert. Dann erfolgte eine Absprache über die Darstellungsweise der Gebäude oder Bergbaueinrichtungen, des Aussehens der Menschen oder der Anlagen für verschiedene Arbeitsphasen. Von Anfang an wurde aber auch vereinbart, den Gegenstand einer Sage zur Fundstelle bildlich zu vermitteln (erwähnt wird eine Gerichtsstätte; im Bild: Rad und Galgen im Hintergrund) sowie wichtige Forschungsinhalte Gerd Weisgerbers´ Arbeit herauszustellen: Die Schächte, die Erzaufbereitung, sowie die Darstellung des Kegelspiels. Auch sollte im Bild die bedeutendste Entdeckung Weißgerbers Eingang finden, die Weisgerber bildlich nicht thematisieren ließ: Ein kleines Gebäude, in dem ein – für hochmittelalterliche Verhältnisse – sündhaft teurer Kachelofen stand. Weisgerber rekonstruierte das Gebäude als Kaue: Ein Ort, wo Bergleute ihre nassen Bergkleider wechselten, trockneten und wo sie sich wuschen. Entstanden am Altenberg erste Organisationsformen der Bergleute die einen neuen und stolzen Berufsstand begründeten?

Detail: Im Hintergrund kühlen sich zwei Bergleute vor der Kaue ab (Grafik: LWL-Archäologie für Westfalen/A. Müller)

Zurück zum Bild: Andreas Müller fertigte zunächst Skizzen der Einzelszenen an und verortete sie im Raum. Nach erneuter Abstimmung wurden die überarbeiteten Skizzen in Bleistiftzeichnungen umgesetzt. Die Einzelszenen wurden skaliert und zusammengefügt sowie durch weitere Elemente verbunden. Das finale Panorama war gescannte Grundlage für eine Kolorierung mit Aquarellfarben. Final wurde die Bleistiftzeichnung mit dem Aquarell kombiniert und digital aufbereitet – Puh!

Das Ergebnis ist eindrucksvoll, unterhaltsam und – fußend auf dem bald sich weiterentwickelnden Forschungsstand: kontrovers – und so soll es sein!

Manuel Zeiler

Kategorien: Außenstelle Olpe · Hinter den Kulissen

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