Zerstörung von Kulturgut bewusst in Kauf genommen

23.03.2016 Carolin Steimer

Horst Klötzer vor dem zerstörten Witterungsschutz am Eingang zur Blätterhöhle (Foto: M. Baales)

Blätterhöhle zieht ungebetene Besucher an

Die Blätterhöhle bei Hagen ist eine der wichtigsten steinzeitlichen Fundstellen in Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus. Das unterstreicht u.a. auch ihre Präsentation in der aktuellen Archäologischen Landesausstellung in Bonn. Zufallsfunde 2004 und sich anschließende systematische Grabungen in der Höhle sowie auf dessen kleinem Vorplatz, die 2015 erstmals in Regie der LWL-Archäologie unter Leitung von PD Dr. Jörg Orschiedt und Wolfgang Heuschen M.A. durchgeführt wurden, haben wichtige, teils einmalige Erkenntnisse vor allem zur mittelsteinzeitlichen (mesolithischen) Besiedlung und Menschheitsgeschichte in Mitteleuropa erbracht.

Die Höhle ist bereits seit langem in die Denkmalliste der Stadt Hagen eingetragen und der Vorplatzbereich durch einen von dem Eigentümer Ruhrverband finanzierten Zaun abgesichert.

Und dennoch – immer wieder müssen wir leider Einbrüche in das Areal feststellen und dabei erfolgte Zerwühlungen der Abdeckungen und Sicherungen. Und obschon Grabungstechniker Matthias Müller-Delvart vor Monaten den Zaun noch weiter gesichert und ergänzt hat, musste Mitte März erneut ein Einbruch verzeichnet werden. Diesen Hinweis verdanken wir einmal mehr Horst Klötzer aus Iserlohn, der bereits seit Jahren ehrenamtlich für die Stadt Hagen und die LWL-AfW archäologische Funde dokumentiert und bekannte Fundstellen überwacht, und hier ganz besonders die Blätterhöhle.

Unsere FSJlerin Hannah Loh zeigt, durch welch geringen Spalt sich die Eindringlinge durchquetschten, nachdem sie die schützende Stein- und Erdanfüllung weggeschafft hatten (Foto: M. Baales)

Welchem Zweck dienen diese Einbrüche? Offenbar wird immer wieder versucht, in den schmalen Höhlengang vorzudringen oder die Lage dort (der kleine Eingang ist durch eine massive Metalltüre gesichert) zu sondieren. Ist es die ungezügelte Erregung des Verbotenen? Ist es die Hoffnung, Neues zu entdecken – obwohl der enge Höhlengang nach wenigen Metern endet und auch keine bedeutenden Sinterformationen vorzuweisen hat? Die unsachgemäße Befahrung der Höhle würde die dort erhaltenen wichtigen mittel- und jungsteinzeitlichen Erdschichten massiv in Mitleidenschaft ziehen und für die Forschung zerstören.

Erneut müssen Löcher am Zaun gestopft werden (Foto: M. Baales)

Zahlreiche Presseveröffentlichungen und Publikationen der letzten Jahre haben die Bedeutung und Sensibilität der Lokalität eigentlich hinreichend deutlich gemacht und die Ergebnisse breit gestreut. Nur akribisches Arbeiten kann dieses Archiv zum sprechen bringen. Unsachgemäße Zerstörungen verhindern dies und sind nicht nur eine Ordnungswidrigkeit, ev. auch eine Straftat, sondern eigentlich ein Verbrechen an unserem kulturellen Erbe. Wenn wir uns zu Recht aus aufgeklärtem, humanistischem Blickwinkel über die sinnlosen Zerstörungen von bedeutendem Kulturgut durch Taliban und den sog. IS aufregen, sollten wir derartige, bewusst in Kauf genommene Zerstörungen bei uns vor der Haustüre ebenfalls nicht dulden.

Wie lange es wohl dem Vandalismus Stand hält? (Foto: M. Baales)

Daher bitten wir die Anlieger, verdächtige Bewegungen im Bereich der Blätterhöhle (die vermutlich vornehmlich im Schutze von Dämmerung oder Dunkelheit passieren) der Polizeidirektion Hagen zu melden. Die LWL-AfW prüft zudem, ob eine Videoüberwachung mit Bewegungsmelder dem sinnlosen und schädlichen Treiben Einhalt gebieten kann. Dies gilt auch für andere gesicherte Eingänge in Höhlen, Bunker oder Stollen, die derzeit wieder - und leider nicht nur im Raum Hagen - verstärkt wieder geöffnet und zerstört werden.

Auch das Verbotsschild des Naturschutzes hält natürlich nicht ab (Foto: M. Baales)

Kurz noch ein Ausblick auf dieses Jahr: Im August soll mit der 2015 bewährten Mannschaft wieder eine zweimonatige Grabungskampagne an der Blätterhöhle erfolgen, die dann erstmals über die Forschungsförderung des Landes NRW finanziert wird. Wir hoffen dabei, in späteiszeitliche Schichten vordringen zu können und so eine für NRW einmalige Übergangssituation erfassen zu können.

Über die Kampagne 2015 wird ein Bericht in "Archäologie in Westfalen-Lippe" Ende 2016 erscheinen.