Ein Graben als Schutz vor Überfällen

19.08.2016 Carolin Steimer

Eine der abgetieften Gruben für die Punktfundamente im Grabenbereich in der Fischerstadt in Minden. Foto: LWL/T. Pogarell

Ausgrabungen in der Fischerstadt in Minden

Dem Befestigungsgraben der Fischerstadt in Minden waren jetzt die Archäologen des Referates Mittelalter- und Neuzeitarchäologie erfolgreich auf der Spur. Den Anlass dafür gab der Bau eines Wohn- und Geschäftshauses mit einer Tiefgarage. Die Befestigung der Siedlung der Fischer, Schiffer und Schiffsmühlenbetreiber, die sich spätestens seit dem 12. Jahrhundert nördlich der Domsiedlung entwickelt hatte, ist vor allem in den Chroniken dokumentiert – und nun auch archäologisch.   

Sicher wäre dem zur Weser hin ausgerichteten Quartier dasselbe Schicksal widerfahren wie den übrigen Vorsiedlungen Mindens, die ausnahmslos um 1553 im Zuge einer Belagerung  dem Erdboden gleich gemacht wurden. Die Fischerstadt aber überlebte, weil sie nach einem Überfall der Grafen von Hoya 1392 mit Mauer und Graben umgeben und an die ältere Stadtbefestigung von Minden angeschlossen worden war. Von nun an teilte die für die städtische Wirtschaft wichtige Vorsiedlung das Schicksal der Stadt, die seit dem 16. Jahrhundert gezielt den Ausbau der mittelalterlichen Befestigung zur bastionären Anlage vorantrieb.

Die Fischerstadt grenzte im Osten an die Weser und war landseitig durch Mauer, Innengraben, Wall und Außengraben gesichert, wie der Ausschnitt aus der Vogelschau Wenzel Hollars um 1634 zeigt.

Auf der gesüdeten Vogelschau Wenzel Hollars von 1633/34 erkennt man die Mauer und den inneren Graben auf der Westseite der Fischerstadt (Abb. 1). Auswärts waren ihm ein Wall und ein zweiter jüngerer Graben vorgelagert, die Eckpunkte  zusätzlich von Bastionen gesichert. Auf den Festungsplänen der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts findet sich der ältere Graben nicht mehr. Die überlieferten Nachrichten sprechen dafür, dass auch der jüngere Graben auf der Westseite der Fischerstadt spätestens um 1777 verfüllt war. Erst mit dem Beschluss von 1815, Minden zur preußischen Festung auszubauen, wurde eine Neubefestigung ausgeführt, die allerdings die älteren Strukturen nur bedingt wieder aufnahm.

Die Fundsituation zwischen Hermannstraße und Oberstraße spiegelt die skizzierte Entwicklung der Befestigung wider. Denn erst unter einer mächtigen Planierschicht von ca. 2,5m konnte der 1394 zuerst erwähnte älteste Befestigungsgraben der Fischerstadt aufgedeckt werden (Abb. 2). Er befand sich auf diesem Niveau 5 m vor der Mauer, die an dieser Stelle noch erhalten ist, und konnte in der abgezogenen Fläche auf einer Breite von 9 m erfasst werden. In der Planierschicht fand sich Keramik des 17. Jahrhunderts,  ein Hinweis darauf, dass der innere Graben bereits nach 1633/34 verfüllt worden sein dürfte. Im weiteren Verlauf der Baumaßnahme waren Punktfundamente für die Stützen der Tiefgararage notwendig. Sie wurden bis 3,5 m abgetieft und erreichten in dieser Tiefe den anstehenden Boden aus rötlichen Terrassensanden und –kiesen (Abb. 3). Dieser glückliche Umstand sowie die Ergebnisse einer vorliegenden Baugrunduntersuchung ergaben die Möglichkeit, nun auch die Tiefe des Grabens selbst bestimmen zu können, die bei ca. 1,8m lag.

Blick von Süden auf die dunkle Grabenverfärbung in 2,5 m Tiefe. Foto: LWL/T. Pogarell
Bodenfliese mit eingestempeltem Tatzenkreuz aus dem 19./20. Jahrhundert. Foto: LWL/T. Pogarell

Aus der Planierschicht wurde eine 9cm x 10cm große rötlichbraune Bodenfliese geborgen, ausgefüllt mit einem eingestempelten Tatzenkreuz. In den Kreuzarmen und in der Mitte befinden sich die Buchstaben J, B, C, D sowie gekreuzte Schlägel, unter dem Stempelkreuz  ist die Zahl 90 eingeritzt. Kreuzform und Schlägel verweisen auf eine Fertigung im 19./20. Jahrhundert (Abb. 4).

Diese aussagekräftigen Ergebnisse in einem detailreichen Puzzle verdanken wir der guten Zusammenarbeit zwischen Dieter Bommel von der Unteren Denkmalbehörde Minden, Rolf Plöger, dem Ehrenamtlichen Beauftragten der Bodendenkmalpflege der Stadt Minden und Thomas Pogarell, Grabungstechniker der LWL-Archäologie für Westfalen.

Thomas Pogarell und Cornelia Kneppe