Ein seltener „nordischer Gast“ aus Südwestfalen

13.08.2026 Michael Baales

Brilon-Alme. Scheibenbeil aus Feuerstein. – Foto: LWL-AfW Olpe / Petra Fleischer.

Ein seltener „nordischer Gast“ aus Südwestfalen

Das steinzeitliche Scheibenbeil aus Brilon-Alme (Hochsauerlandkreis)

Steinzeitliche Oberflächenfundstellen sind aus allen westfälischen Regionen bekannt, sowohl aus den nördlichen Sandgebieten, den südlich anschließenden Börden und auch aus dem bergigen Süd- und Ostwestfalen – frei nach dem Motto: „Wer suchet, der findet“. So sind auch aus dem Hochsauerlandkreis rd. 50 Oberflächenfundstellen bekannt, vor allem im Raum Meschede, wo der verstorbene Reinhard Köhne über Jahrzehnte steinzeitliche Fundstellen entdecken konnte, darunter auch solche der letzten Jäger- und Sammler:innen-Gruppen der Mittelsteinzeit (Mesolithikum).

Aussagekräftige Stücke wie Mikrolithen sind dabei allerdings nicht häufig, wobei südlich der Ruhr bei Stesse (Meschede-Wennemen) ein größerer Platz mehrere dieser kleinen, typisch mesolithischen Pfeilspitzen geliefert hat. Häufig erlaubt nur das regionale Rohmaterial Kieselschiefer oder Lydit für Abschläge, Klingen und Geräte wie die kleinen Kratzer eine allgemeine Einordnung des Fundmaterials in das Mesolithikum (da Kieselschiefer in der folgenden Jungsteinzeit, dem Neolithikum, nur äußerst selten Verwendung fand).

Brilon-Alme. Außergewöhnlich große Kerne aus Kieselschiefer. – Foto: LWL-AfW Olpe / Michael Baales.

Umso erfreulicher ist ein Neufund, den die Eheleute Hoffmann aus der Nähe von Brilon-Alme und unweit des Flüsschens Alme kürzlich vorlegen konnten. Das Stück stammt von einem größeren Oberflächenfundplatz, auf dem neben deutlich jüngerem auch neolithisches, also jungsteinzeitliches Fundmaterial vorhanden ist wie z.B. das Fragment einer geflügelten Feuerstein-Pfeilspitze oder Stücke aus importiertem westeuropäischem Feuerstein der Maasregion. Unter dem Rohmaterial dominiert der regionale Kieselschiefer, gefolgt vom Baltischen Feuerstein, der vor 160.000 Jahren durch die großen Inlandsgletscher in die Region kam. Unter dem Kieselschiefer sind auch einige ungewöhnlich große Kerne, die früh verworfen wurden und damit zeigen, dass die Mesolithiker:innen an Rohmaterial hier keinen Mangel hatten. Zwei fragmentierte Stücke lassen sich als breite Trapezmikrolithen ansprechen, Projektile, die in eine Spätphase des Mesolithikums verweisen sollten.

Brilon-Alme. Umzeichnung des Scheibenbeils. – Zeichnung: LWL-AfW Olpe / Petra Fleischer.

Schon bei den Findern erregte ein großes Stück aus weiß patiniertem Feuerstein besonderes Interesse, das sie als Scheibenbeil erkannten. Leider beschädigt und von Pflugrost gekennzeichnet zeigt das Stück einen trapezförmigen Umriss mit den Maßen 71 x 54 x 15 mm (die Länge des Stücks fällt demnach in den unteren Bereich der Variationsbreite). Es besteht aus einem großen, dicken Abschlag, der an seinem Distal- und Proximalende primär nach ventral (also zur Trennfläche hin) stumpfend kantenretuschiert wurde. So entstand eine flachrechteckige Beilklinge mit der (leider weitgehend zersplitterten) Schneide aus der linken scharfen Lateralkante des ursprünglichen Abschlags. Das Stück ist partiell ein wenig auf die Flächen gehend bearbeitet, um diese dadurch zu regulieren, vor allem im Bereich des Schlagkegels (Bulbus) am Proximalende (also auf der Ventral- oder Trennfläche), aber auch distal, wo ein größerer Grat auf der Dorsalfläche (oder Oberseite), der durch die früheren Abschläge zurückgeblieben war, abgearbeitet wurde.

Dieses Scheibenbeil ist ein recht typischer Vertreter seiner Art und in Südwestfalen äußerst selten, denn sie gehören in den nordischen „Kern- und Scheibenbeil-Kreis“ des Mesolithikums, ein alter Begriff, der das Phänomen solcher „Großgeräte“ im gesamten Mesolithikum Südskandinaviens und des nördlichen Mitteleuropas umschreibt. Diese Beilklingen (also die aus Rohstücken herausgeschlagenen Kernbeile und aus Abschlägen oder Frostscherben zugeschlagenen Scheibenbeile wie hier, die beide geschäftet offenbar „Multitools“ waren) sind recht eng an das Vorkommen guter Feuersteinrohmaterialien gebunden, die sich im Bereich der eiszeitlichen Vereisungen finden. Demnach sind solche Stücke südlich der „Feuersteinlinie“ äußerst selten. Auch unser Stück besteht aus einem recht homogenen Feuerstein, der in dieser Qualität hier ganz am Südrand des Vorkommens des Baltischen Feuersteins kaum zu finden sein dürfte. Demnach sollte dieses Scheibenbeil seinen Weg aus nördlicheren Gefilden nach Brilon-Alme gefunden haben.

Das Scheibenbeil lässt sich aufgrund seiner Bearbeitung dem „Ertebølle-Ellerbeck-Typ“ zurechnen und damit grob in ein jüngeres Mesolithikum. Dazu könnten die beiden Trapeze durchaus gut passen. Allerdings sind auch aus dem Neolithikum mitunter Scheibenbeile bekannt, doch lässt sich unser Neufund aufgrund seiner recht typischen Gestaltung mit einiger Berechtigung noch dem vorangegangenen (Spät-)Mesolithikum zuweisen und damit einer Menschengruppe, die Verbindungen in den nordischen „Kern- und Scheibenbeil-Kreis“ pflegte.

Michael Baales

 

Literatur

Riemenschneider, D. (2020): Scheibenbeil. In: R. Blank, M. Kötter & S. M. Sonntag (Hrsg.): Hagener Fundstücke. 111 archäologische Funde aus Hagen und dem Museum Wasserschloss Werdringen. Hagener Beiträge zur Kultur und Geschichte 2. Essen, 62-63.

Street, M., Baales, M., Cziesla, E., Hartz, S., Heinen, M., Jöris, O., Koch, I., Pasda, C., Terberger, T., Vollbrecht, J. & Weninger, B. (2001): Final Palaeolithic and Mesolithic Research in reunified Germany. Journal of World Prehistory 15, 365-453 (403-406). https://www.academia.edu/2359589/Street_et_al_2002_Final_Paleolithic_and_Mesolithic_Research_in_Reunified_Germany_JWP

Wenzel, S. (2012): Kern- und Scheibenbeile. In: H. Floss (Hrsg.): Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit. Tübingen Publications in Prehistory. Tübingen, 631-638.