Frühes christliches Symbol im „barbarischen“ Südwestfalen

10.08.2026 Michael Baales

Neubestimmte Fundmünze aus Werl (Kr. Soest)

Beinahe ein Standardsatz von Sondengehenden, die in Westfalen unterwegs sind, ist der, dass sie gerne einmal eine römische Münze finden wollten. Grundsätzlich ist das in Westfalen auch möglich bzw. nicht wirklich unwahrscheinlich, waren römische Truppen vor allem im Raum der Lippe um die Zeitenwende präsent und auch davor und besonders danach sind über verschiedene Wege zahlreiche römische Münzen ins „barbarische“ Westfalen gelangt. Eine aktuelle Forschungsfrage in diesem Zusammenhang ist, ob diese vielen Münzen vor allem aus der späten Römischen Kaiserzeit (4./5. Jahrundert) bei den germanischen Verbänden als Zahlungsmittel dienten oder „nur“ als Rohmaterial wie viele andere römischen Metallfunde auch, die dann zu einheimischen Objekten umgearbeitet oder eingeschmolzen wurden. Dies ist u.a. eine der Forschungsfragen in dem kürzlich gestarteten Langzeitprojekt zu „Westgermanien im Wandel“, das von der nordrhein-westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste finanziert wird und in dem die LWL-Archäologie für Westfalen ein wichtiger Partner ist (https://awk.nrw.de/westgermanien-im-wandel).

Doch zurück zu den römischen Münzen. In den letzten Jahrzehnten sind unzählige dieser Objekte (auch) in Südwestfalen gefunden worden. Naturgemäß ist ein markanter Schwerpunkt die Zone nördlich der Mittelgebirge von Hellweg und Lippe, war dies doch ein wichtiger Korridor für den zivilen und militärischen „Austausch“ mit dem westlich des Rheins angrenzenden Römischen Reich.

Werl (Kr. Soest). Fundmünze mit dem verschliffenen Bildnis des Magnentius und dem Chi-Rho auf der Rückseite (rechts). – Foto: LWL-AfW Olpe / T. Poggel.

Aufgrund der schieren Fundmenge (vor allem weil auch die Zahl der lizensierten Sondengehenden in den letzten 15 Jahren enorm angestiegen ist) und personeller Veränderungen ist eine zeitnahe Bestimmung der Funde in den letzten Jahren kaum möglich gewesen. So hat erst kürzlich eine bereits 2021 im Osten von Werl (Kr. Soest) entdeckte und von unserem Numismatiker Stefan Kötz in Münster bestimmte römische Bronzemünze Eingang in unsere Funddatenbank FuPuDelos gefunden. Die im Durchmesser gut 22 mm große Münze ist auf den ersten Blick unspektakulär (und zudem leicht beschädigt), da der geprägte Kopf auf der Vorderseite völlig verschliffen ist. Auf der Rückseite jedoch ist noch recht deutlich das bekannte „XP“-Symbol oder Chi-Rho (Christogramm; ΧΡΙΣΤΟΣ für christos) zu erkennen, dass seit dem (sog.) ersten christlich-römischen Kaiser Konstantin I. als frühchristliches Zeichen gilt.

Stefan Kötz konnte die schlecht erhaltene Münze dennoch eindeutig identifizieren: Es handelt sich um einen Aes II (vielleicht aus Trier), die das Bildnis des römischen Gegenkaisers Flavius Magnus Magnentius (reg. 350-353 AD) trägt und in die Zeit 352/353 AD zu datieren ist. Und obwohl Magnentius eher den alten Kulten zugewandt war, ist auf seinen Münzen häufig das Christogramm zu finden – so auch hier. Und damit ist offenbar das (bisher) älteste christliche Symbol auf (süd)westfälischem Gebiet gefunden.

Aus dem oben gesagten ist klar, dass damit die Werler „Germanen“ sicher noch keine Christen waren, und zur Wahrheit gehört auch, dass am Hellweg über ein Dutzend Fundmünzen (in ganz Westfalen um die 30) mit dem Bildnis des Magnentius bekannt sind. Allerdings hat das Chi-Rho auf diesen bisher bei uns noch keine Aufmerksamkeit erhalten – was hiermit nachgeholt sei.

Michael Baales