Eine neue jungsteinzeitliche Dolchklinge aus Unna-Hemmerde

04.03.2022 Michael Baales

Fragment eines Spandolches aus westfranzösischem Grand-Pressigny-Feuerstein aus Unna-Hemmerde (Grafik: M. Baales - Fotos: T. Poggel - Zeichnung: A. Müller/LWL-AfW Olpe)

Eine neue jungsteinzeitliche Dolchklinge aus Unna-Hemmerde

Ein Altfund und seine Bedeutung

Immer wieder erreichen uns Nachfragen, ob Funde, die teilweise bereits vor Jahrzehnten aufgelesen wurden, für uns interessant sind. Dies sind sie grundsätzlich natürlich schon, vor allem aber dann, wenn ihre Entdeckungsgeschichte und vor allem eine möglichst genaue Herkunft der Stücke angegeben werden kann. Dies ist für einen Altfund aus Unna-Hemmerde der Fall.

Herr Hartmut Reinberg-Schüller, der heute in Köln lebt und aus Fröndenberg-Bausenhagen im Kreis Unna stammt, hatte zwischen 1978 und 1982 auf den von seinem Vater bewirtschafteten Äckern im „Grenzbereich“ von Fröndenberg nach Unna zwei große Steinartefakte gefunden und diese im Februar 2022 der Außenstelle Olpe zur Kenntnis gebracht. Vor allem ein Stück, dass aus der Flur Hemmerde (Stadt Unna) stammt, ist dabei besonders interessant.

Es handelt sich hierbei um ein sog. mediales Klingenfragment, also ein Bruchstück aus der Mitte einer größeren Feuersteinklinge. Im Gegensatz zu den üblichen Funden dieser Art ist dieses Fragment aber mit 4,9 cm auffällig breit und mit 8,1 cm Länge auch noch sehr groß erhalten. Bemerkenswert ist auch das verwendete Rohmaterial. Es handelt sich um einen durchscheinenden hellbeigen Feuerstein mit hellen Flecken bzw. Einschlüssen. Dieses Material ist ganz typisch für ein zentralfranzösisches Feuersteinvorkommen bei Le Grand-Pressigny im Département Indre-et-Loire, wo dieser qualitativ hochwertige Feuerstein mittels Bergbau in einer großen Mengen abgebaut wurde. Dies ist z.T. über 4500 Jahre her und datiert somit in die ausgehende Jungsteinzeit, das Endneolithikum, die Zeit der sog. Becherkulturen.

Aus den „livre-de-beurre“ genannten großen Kerne aus Grand-Pressigny-Feuerstein konnten Serien von großen Klingen für Spandolche abgetrennt werden. Hier das Original eines solchen großen Feuersteinkerns mit dem Blick auf die Abbaufläche mit dem Negativ einer abgetrennten großen Klinge (rechts) und dem Fundstück aus Hemmerde (links unten) in etwa in der Position auf einem solchen Kern (Foto: M. Baales/LWL-AfW Olpe)

Der Feuerstein wurde in größeren Brocken abgebaut und so präpariert, dass besonders breite und lange Klingen abgetrennt werden konnten. Die entsprechenden Ausgangskerne werden als „livre-de-beurre“ – etwa „Butterblock“ – bezeichnet, was auf die gelbliche Färbung des Feuersteins zurückzuführen ist. Die langen Klingen wurden in Serie von den großen Kernen abgetrennt und fanden eine weite Verbreitung. Bei uns – und damit rund 800 km nordöstlich der Feuersteinmine! – sind auch einige der Endprodukte, also die langen Klingen, gefunden worden. Oftmals sind die Kanten stärker bearbeitet und treffen sich in einer Spitze. Sie entsprechen damit Dolchklingen und so ist klar, was sie eigentlich waren: Imitate früher Kupferdolche. Die gelbliche Färbung mutete an wie gediegenes Kupfer, doch war das frühe Metall noch sehr wertvoll und damit recht selten, so dass sich „das gemeine Volk“ mit den Imitaten – die aber auch aus weiter Ferne herstammten – begnügen musste.

Aus Südwestfalen gibt es nur eine Handvoll dieser „Spandolche“ genannter, endneolithischer Dolchklingen aus Grand-Pressigny-Feuerstein. Zwei Stücke fanden sich schon vor geraumer Zeit im Raum Fröndenberg und damit in unmittelbarer Nachbarschaft. Es könnte sich hierbei wie bei unserem Altfund um Beigaben von Bestattungen – wie z.B. aus Greven-Bockholt (Kr. Steinfurt) oder auch Werl (Kr. Soest) bekannt – gehandelt haben, die durch den Pflug längst zerstört sind. Die Menschen bestatteten damals unter Grabhügeln, die z.T. in der Region noch erhalten, viele aber auch bereits zerstört sind.

Spandolche wurden geschäftet benutzt. Wie so eine Schäftung ausgesehen haben dürfte, zeigt ein gut vergleichbarer Fund aus der rd. 5000 Jahre alten Pfalhlbausiedlung Allensbach am Bodensee (Kr. Konstanz), wo Holunderholz und Birkenpech verarbeitet wurde. Diese Dolche waren dabei eher Messer als Stichwaffen, aufgrund ihrer auffälligen „Kupfer-“Färbung und exotischen Herkunft aber vielleicht dennoch auch gewisse Prestigeobjekte.

Herrn Reinberg-Schüller möchte ich in jedem Falle für seine Fundmeldung und Überlassung der Funde zur Dokumentation in Olpe herzlich danken.

Michael Baales

 

zu Allensbach (Baden-Württemberg):

https://www.denkmalpflege-bw.de/denkmale/projekte/archaeologische-denkmalpflege/3d-modelle/allensbach