21.04.2021

Eine Partie Rasentennis auf dem Burghof

Reste eines Tennisplatzes aus ca. 1900 durch Bodenradar entdeckt

Manchmal sind es keine großen wissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern gerade die kleinen Funde und unerwarteten Nebenentdeckungen, die für Aufsehen sorgen. Eine solche Perle des archäologischen Alltags ist sicherlich der Tennisplatz, den wir im vergangenen Jahr bei Bodenradarmessungen auf der Burg Tecklenburg wiederentdeckt haben. Dabei handelt es sich nicht nur um einen der wohl ältesten Tennisplätze Westfalens. Inzwischen konnten auch die ursprünglichen Besitzer ausfindig gemacht werden. Und wie es der Zufall will, entwickelte die Familie des Justizrats Wilhelm Fisch nicht nur früh eine Leidenschaft für das Tennisspiel, sondern war Herr Fisch auch ein sehr früher Amateurfotograf. In seinem Nachlass, der sich heute im Besitz seiner Urenkelin befindet, tauchten etliche Fotos aus der Zeit um 1900 auf, welche die Familie Fisch mit Freunden beim Tennisspiel zeigen.

Messungen mit dem Bodenradar am zweiten Burghof in Tecklenburg (Foto LWL-Archäologie für Westfalen/J. Coolen).

Eigentlich zielten unsere Messungen vor allem auf Reste der mittelalterlichen Burg ab, die Tecklenburg zum Namen verhalf. Als eine der wenigen Höhenburgen des Münsterlandes war sie einst der stolze Stammsitz der Grafen von Tecklenburg. Noch heute thronen die Ruinen über dem malerischen Städtchen und bilden die Kulisse der bekannten Freilichtspiele. Als die Burg zu Beginn des 18. Jahrhunderts an das Königreich Preußen überging, war sie vermutlich schon in einem schlechten Zustand. Der geplante Ausbau zu einer zeitgemäßen Festung wurde aus Kostengründen bald eingestellt, danach wurde die Burg zum Abbruch freigegeben und Teile des Burggeländes versteigert. Der Tecklenburger Kolonialwarenhändler Dietrich Wilhelm Meese erwarb 1826 den Junker- oder Meesenhof, den ehemaligen Drostensitz unterhalb der Burgmauer, und kaufte später auch einen großen Teil des Burgareals auf. Auf seinem Grundstück ließ er eine Villa für seine Tochter errichten. Durch Erbschaft über die mütterliche Linie kam die Villa mit dem zugehörigen Grund in den Besitz des Ehepaars Elisabeth Hollmann und Wilhelm Fisch, die 1880 als frisch vermähltes Paar einzogen und vier Töchter bekamen.

  • Gesellschaft beim Tennisspiel auf dem 2. Burghof in Tecklenburg, 1897 (Foto: Wilhelm Fisch Archiv, Lisa Volkamer).

  • Aussicht vom Wierturm auf die Altstadt von Tecklenburg mit dem Tennisplatz am 2. Burghof im Vordergrund. Rechts der Bildmitte das 1902 eröffnete Hotel Kurhaus Burggraf (Foto: Wilhelm Fisch, Archiv Lisa Volkamer).

Die ersten Fotos des Wilhelm Fisch datieren in die 1890er Jahre. Seine Bilder geben einen faszinierenden Einblick in den Alltag einer großbürgerlichen Familie um die Jahrhundertwende. Tecklenburg erlebte zu dieser Zeit einen großen Aufschwung. Der Verkauf der Grafschaft im 18. und der Niedergang des Leinengewerbes in der ersten Hälfte des 19. Jh. hatten Tecklenburg und Umgebung schwer zugesetzt. Die Bevölkerung war verarmt, viele wanderten aus ins Ruhrgebiet oder in die Neue Welt. Erst die Modernisierung der Landwirtschaft und der Ausbau des Eisenbahnnetzes brachten Verbesserung. Die Eisenbahn förderte nicht nur den Warentransport und somit den Absatz der lokalen Kohle- und Erzminen, sondern auch den aufkommenden Tourismus. Auf den Fotos, die Wilhelm Fisch vom Schlossberg aus machte, lässt sich verfolgen, wie 1901 am Rand der Tecklenburger Altstadt das Kurhaus Burggraf entstand, ein prächtiges Jugendstil-Hotel.
Zu den Sommerfrischlern, die ihren Weg nach Tecklenburg fanden, gehörte auch der Maler Otto Modersohn. Er war ein gern gesehener Gast im Salon der Fischs und dürfte den weltoffenen Notar und Fotografen auch als künstlerischen Gesprächspartner geschätzt haben.
Dass es bei den Fischs fröhlich zuging, sieht man auch in den Bildern der Tennisrunden auf dem zweiten Burghof. Das britische lawn tennis (Rasentennis) war ab etwa 1880 nicht zuletzt deshalb ein beliebter Zeitvertreib der Oberschicht, da es von Anfang an von Damen und Herren gemischt gespielt wurde. Das Spiel bot also eine willkommene Möglichkeit zu einem ungezwungenen Kontakt der beiden Geschlechter. Die Bowle, die auf manchen Bildern zu sehen ist, tat wohl ihr Übriges…

Reste des Tennisplatzes im Ergebnis der Bodenradarmessungen. Die dunklen Flächen stellen Bereiche dar, in denen das Radarsignal im Boden stärker reflektiert wird. Rechts derselbe Ausschnitt mit dem offiziellen Spielfeld für das Tennis-Doppel (Grafik: LWL-Archäologie für Westfalen, J. Coolen).

Aus den Fotobeischriften geht hervor, dass der Tennisplatz der Fischs bereits vor 1900 angelegt wurde. Neben dem Tennisplatz stand ein kleiner Pavillon, der offenbar zumindest einmal umgestellt wurde. Im Hintergrund sind die Burgmauern und das Krönchen (ein Rest der ehemaligen Hauptburg) vor der ersten Restaurierung in den 1930ern zu sehen. In den Radardaten scheint der Tennisplatz als stark reflektierender (dunkler) Bereich auf. Demnach ist zumindest die südliche Hälfte des Spielfeldes unter der Grasnarbe erhalten. Interessant ist, dass sogar einige der Linien des Spielfeldes als hellere Linien erkennbar sind. Die Breite des Tennisplatzes entspricht der offiziellen Norm für das Doppelspiel (10,97 m oder 36 Fuß); lediglich die über die Aufschlaglinie hinausgezogene Mittellinie ist im heutigen Tennis nicht üblich, jedoch auch auf einem der Fotos erkennbar.

Letzte Aufnahmen des Tennisplatzes im Jahr 1905 (Foto: Wilhelm Fisch).

Die letzten Fotos vom Tennisplatz datieren 1905. Wilhelm Fisch starb vier Jahre später. Seine Witwe verkaufte 1925 den ersten und 1936 – unter Druck der Öffentlichkeit – den zweiten Burghof an die Stadt bzw. den Kreis. Bereits 1924 wurde mit der Aufführung des Wilhelm Tell auf dem ersten Burghof die Basis für die heutigen Freilichtspiele gelegt; wie vielerorts stand der Ausbau der Freilichtbühne in den 1930er Jahren im Zeichen der nationalsozialistischen Thing-Bewegung. Somit begann ein neues Kapitel für den Schlossberg.

Ach ja: Fundamente der Burg sind bei den Radarmessungen übrigens auch zum Vorschein gekommen. Aber das ist eine andere Geschichte…

Joris Coolen

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