11.06.2018

„Quo vadis, Archäologie?“

Neufund eines Sondengängers aus Südwestfalen (Foto: T. Poggel/LWL-AfW Olpe).

Ein Sondengänger-Fund gibt zu denken

„Wohin gehst du, Archäologie?“ Diese Frage stellte sich neulich bei der Bearbeitung der Funde, die so zahlreich im Jahr von ehrenamtlichen Mitarbeitern in der Außenstelle Olpe vorbei gebracht werden. Schon oft war an dieser Stelle die Rede von den wissenschaftlich bedeutenden Einzelstücken, die mit oder ohne Detektor in der Freizeit von Archäologie- und Geschichtsinteressierten gemacht worden sind.  Doch das nun vorgelegte Objekt ist spezieller. Es stellt stellvertretend für viele andere Objekte mehr Fragen, als es beantwortet.

Das ca. 6 x 5 cm große und 2 mm starke Buntmetallplättchen mit abgewinkelten Ecken besitzt eine reliefierte Oberfläche und zeigt heraldische Figuren: Im Zentrum steht eine runde Granate mit Öffnung nach oben, aus der Flammen hervortreten. Hinter ihr befinden sich zwei kreuzende Barten (= heraldisch, üblich: Barden). In der unteren linken Bildhälfte ragt Eichenlaub empor, in der unteren rechten Bildhälfte ein Weidenzweig. Das gesamte Ensemble fußt auf einer horizontal verlaufenden Banderole.

Die heraldischen Figuren besitzen zu großen Teilen eine lange Tradition, was die Interpretation des Stückes erschwert. Die Barten und die Granate lassen vielleicht an einen militärischen Kontext denken, die Pflanzen an einen bäuerlichen. Die Barten sehen aber auch aus wie Äxte, die man bei den Feuerwehren in Verwendung glaubt. Doch wie passt dann die Granate in das Gesamtbild?

Werbung für ein Feuerwehr-Emblem aus Buntmetall aus einem alten Katalog (aus: U. Röfer, Wasser marsch! 2001, S. 74)

Licht ins Dunkel bringen weniger verbreitete historische Quellen: Kataloge über Feuerwehr-Requisiten und Rettungsgeräte, wie die der Firma „Carl Henkel“ aus Bielefeld, verorten das Fundstück sicher in den Feuerwehrkontext zum Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts. Neben Helmschildern stellten spezialisierte Fachhändler Abzeichen mit Nadeln oder Splinten für Mützen, Kragen und Achselklappen her. Die Rückseite des Sondengängerfundes besitzt zwar keine Nadeln mehr, lässt aber durch einen negativen Abdruck erkennen, dass das Emblem zur Befestigung an einem Stoff bestimmt war. Die verschiedenen Wappen aus Messing oder Kupfer-Nickel-Zink-Legierungen, teils versilbert oder vergoldet, waren personalisierbar und konnten z. B. mit der Bezeichnung einer Löschgruppe versehen werden, was die identitätsstiftende Wirkung weiter unterstrich. Weitere Recherchen lösen die Bedeutung der Granate auf: Vor allem im 19. Jahrhundert wurden verschiedene Feuerlöschgranaten als technisches Hilfsmittel zur Brandbekämpfung benutzt.

Exemplarisch wird deutlich, dass zukünftigen Archäologen das Wissen über das klassische Fundspektrum,  überwiegend bestehend aus Stein-, Keramik- und Metallobjekten, allein nicht genügen kann. Zahlreiche Faktoren führen zu einer bis dato nicht gekannten Fundmenge. Hohe Bevölkerungszahlen sorgen für mehr Hinterlassenschaften als in früheren Zeiten. Verstärkt wird dieser Aspekt durch teils vorhandene Wegwerf-und-Neukauf-Mentalität. Lang haltbare Kunst- und Verbundstoffe lassen der Nachwelt mehr Artefakte zurück denn je. Zugleich ist ein Grad an arbeitsteiliger, spezialisierter und globalisierter Gesellschaft erreicht worden, der zahlreiche Kontexte schafft, aus denen Einzelfunde stammen können. Unterschiedliche Kulturen leben auf engsten Räumen zusammen, was das Aufspüren ursprünglicher Zusammenhänge beeinträchtigt.

Das qualitativ wie quantitativ große Fundspektrum führt zu der Frage, was in welchem Umfang für die Nachwelt archiviert werden soll. Da aus logistischen und finanziellen Gründen nicht jeder Fund archiviert werden kann, müssen zahlreiche Aspekte diskutiert werden: Welche Fragen werden kommende Generationen an die Nachwelt stellen? Welche Fundstücke sind repräsentativ? An welchen besteht ein tatsächliches „öffentliches Interesse“, wie es das Denkmalschutzgesetz definiert? Themen, die an den verantwortlichen Fachämtern und Bildungseinrichtungen besprochen werden und die zeigen, wie zukunftsorientiert Archäologie arbeitet.

Thomas Poggel

 

Kategorien: Außenstelle Olpe · Neufunde

Schlagwort: