03.02.2017

„Es stank noch ….“ Brunnen und Kloaken unter dem Kellerboden

Der Bagger legte in der relativ kleinen Baugrube mehrere verdächtige, dunkle Flecken frei, die sich zu sieben Brunnen und mindestens zwei Latrinen summierten (Foto: LWL-AfW AS Olpe)

Überraschende spätmittelalterlich-frühneuzeitliche Befunde am Hammer Nordenwall

Der geplante Neubau eines Schulgebäudes am Nordenwall im Hamm bereitet uns zunächst kein Kopfzerbrechen: die Parzelle war bereits durch ein unterkellertes Gebäude bebaut und konnte daher als für die Forschung als verloren gelten. Dementsprechend wurde hier anlässlich der Neubebauung nicht wirklich etwas Interessantes erwartet. Umso größer war die Überraschung als unser engagierter ehrenamtlicher Mitarbeiter Günter Wiesendahl Reste von Brunnen in der Baugrube meldete – die sich bei der weiteren Baustellebeobachtung unter Beteiligung der Außenstelle Olpe auf insgesamt sieben Brunnen und mindestens zwei Kloaken sowie ein unklares Fundamentrest summierten, und das alles in einer kaum 800 m2 großen Baugrube und unterhalb der knapp 3 m tief in die Erde reichenden Kellerstörung – und das kurz vor Weihnachten 2016!

Die Brunnen wurden zügig freigelegt und dokumentiert, doch leider fehlen charakteristische Funde aus den Brunnen, so dass sich die unterschiedlichen Bauarten (Trockenmauer- und Ziegelwerk, teils mit hölzernen Bauelementen) derzeit chronologisch nicht näher eingeordnet werden können. Die Hoffnung liegt nun auf einer möglichen naturwissenschaftlichen Datierung geborgener organischer Baubestandteile, wie Teile der hölzernen Brunnenringe oder Moos, das als Kalfatermasse zur Abdichtung benutzt wurde.

Die Verfüllung der zwei Kloaken enthielt dagegen einige wenige Keramikscherben, unter denen die ältesten noch aus dem Hochmittelalter (10.-12. Jahrhundert) stammen. In einer der beiden Latrinen wurden aber auch jüngere, renaissancezeitliche Keramik gefunden. Sie passt zu den ebenfalls zwischen den menschlichen Exkrementen eingebetteten Fragmenten verschiedener Glasgefäße. Flaschenböden und Trinkgläser von einem Maigelein (ein napfförmiges Trinkgefäß) und ein sog. Kreuzrippenbecher zeugen vom Weingenuss, während die Reste eines diagonal gerippten Stangenglases auf das Biertrinken verweist.

Dr. Eva Cichy mit Scherben renaissancezeitlicher Glasgefäße (Foto: T. Poggel/LWL-Afw Olpe)

Ob der gleichzeitige Genuss der ebenfalls gefunden Austern und vor allem von Kirschen, die, wie die zahlreichen Kerne in den Hinterlassenschaften andeuten, für Magendrücken und notwendige Entleerungen sorgte, kann nur spekuliert werden. Die ebenfalls erhaltenen Randstücke eines Arzneifläschchens deuten jedenfalls auf medizinische Probleme hin.

Der frühere Speisezettel der besseren Hammer Bevölkerungsteile kann hoffentlich bald schon weiter vervollständigt werden.

 

 

Thomas Poggel mit einer Austernschale - Beleg für frühen Genuss in Hamm (Foto: H. Menne/LWL-AfW Olpe)

Die komprimierten Exkremente der jahrhundertelangen Nutzung der Kloaken wurden reichlich beprobt und dem Labor für Archäobotanik der Universität zu Köln zugesandt, die sich demnächst über die immer noch übelriechenden Reste „hermachen“ werden. Mit Spannung werden die Ergebnisse der Kollegen erwartet, geben sie uns doch einen völlig neuen Einblick in die Lebensgewohnheiten eines Hammer Haushalts im Spätmittelalter und der Neuzeit.

Weiterhin zeigt dieses Beispiel eindrücklich, dass selbst in durch modern unterkellerte Gebäude als zerstört geltenden Bereichen der historischen Altstadtbezirke immer noch erhaltene archäologische Substanz erwartet werden kann, die uns neue Informationen zur Lebensweise der früheren Einwohner vermitteln können.

Kategorien: Außenstelle Olpe · Aktuelle Grabungen

Schlagwort: