13.10.2016

Kuriose Reise in die Unterwelt

Ein seltener Einblick in das Abwasserkanalsystem von Rheda. Foto: LWL/T. Pogarell

Ein Grabungstechniker auf denkwürdigen unterirdischen Kanalwegen

Alles andere als gewöhnlich war die Anfrage der Stadt Rheda-Wiedenbrück, die jetzt die Archäologen auf den Plan rief. Es ging um den Denkmalwert eines Teilstücks  der Kanalisation. Die verläuft unterhalb der Berliner Straße in Rheda auf der Höhe des Hauses Nr. 13 und folgt dem mittelalterlichen Verlauf des Stadtgrabens. Deshalb stellt sich die Frage, inwieweit die vorhandenen unterirdischen Mauerzüge, die unter der Berliner Straße liegen, noch von der mittelalterlichen Stadtbefestigung herrühren.

Nach vorheriger Reinigung des Abwassergrabens konnte die Begutachtung erfolgen. Ausgestattet mit einem wasserdichten Schutzanzug, gesichert durch einen Bergegurt und versehen mit einem Gaswarngerät wurde Grabungstechniker Thomas Pogarell von oben in den Kanalisationsschacht heruntergelassen. „Sie müssen reden, immer wieder reden, sonst müssen wir Sie an dem Stahlseil hinausziehen“, war die stetige Mahnung der besorgten Fachkräfte der Stadtwerke. Bewaffnet mit Taschenlampe und Kamera arbeitete sich der Fachmann der LWL-Archäologie in der Rinne des etwa 2 m breiten Kanalisationsgrabens vor, um zumindest aufrecht gehen zu können.

Ausgerüstet für den Abstieg in die Unterwelt. Foto: Stadt Rheda-Wiedenbrück/K. Landwehr

Zu erkennen war in der nur schwach erleuchteten Finsternis, dass der Kanalgang aus unterschiedlichem Mauerwerk zusammengesetzt ist. Während die Grabenrinne aus Beton besteht und auch die vorhandene Quermauerung des Kanals aus modernen Ziegeln gemauert ist, haben Sandsteinquader für die Längseinfassung Verwendung gefunden.  Das qualitativ hochwertige Mauerwerk mit gleichmäßigen Sandsteinblöcken und sorgfältiger Mörtelung, wohl später nachgezogen, dürfte anhand vergleichbarer Beispiele zwar älter als die übrigen Materialien einzustufen sein, aber kaum ins Mittelalter zurückreichen. Seine Ausrichtung verweist auf eine Einfassung des Stadtgrabens, die notwendig geworden sein wird, als der Graben zum Abwasserkanal umfunktioniert wurde, also wohl im 19. Jahrhundert.

Die Erleichterung, aus der übel riechenden und extrem feuchten Luft herausgekommen zu sein, war Thomas Pogarell ins Gesicht geschrieben und machte diesen Einsatz zu einem der kuriosesten seiner Grabungstechnikerlaufbahn.

Thomas Pogarell

Kategorie: Mittelalter- und Neuzeitarchäologie

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