02.03.2016

Mit dem Fahrstuhl in die Stadtgeschichte

Das Alte Rathaus von Wiedenbrück. Im Hintergrund die Ägidiuskirche

Als im Alten Rathaus ein Fahrstuhl eingebaut werden sollte, stießen wir auf spannende Überreste aus der frühen Stadtgeschichte.

Unter den modernen Schichten trat direkt eine flächige Auffüllung aus dem Spätmittelalter zutage (Abb. 1). Sie enthielt sehr viele Tierknochen und datiert in das 14./15. Jahrhundert (Abb. 2 und 3).

 

 

Abb. 1: Blick in die Untersuchungsfläche. In der rechten Ecke sieht man eine Probeschürfung im Bereich des Fahrstuhlschachtes, mit der die Tiefe der Schichtenfolge geprüft wurde.

 

Abb. 2: Diese Knochen, z. B. von Rind und Schwein, sind Speiseabfälle, die man in der spätmittelalterlichen Planierschicht entsorgte.

 

Abb. 3: Scherben wie diese aus sogenanntem Siegburger Steinzeug datieren die jüngste Planierschicht sicher in das 14./15. Jahrhundert.

Für den Fahrstuhlschacht musste eine Fläche von ca. 4 Quadratmetern weiter abgetieft werden. Hier beschreiben wir einmal die Abfolge der Befunde von oben nach unten, also so, wie Archäologen sie ausgraben:
Unter der spätmittelalterlichen Auffüllschicht lag eine gelbe Sandfüllung aus dem 13. Jahrhundert; darin waren zwei Pfostengruben eingetieft (Abb. 4). Sie gehörten zu einem Holzbau, den man vor der Planierung des Geländes im 14./15. Jahrhundert abgerissen hatte (Abb. 5).
Die Sandschicht des 13. Jahrhunderts überlagerte eine unregelmäßige Oberfläche (Abb. 6). Es handelte sich um einen alten Laufhorizont, in dem Mensch und Tier sowie Handkarren ihre Spuren hinterlassen hatten. Diese Spuren aus dem 13. Jahrhundert blieben erhalten, weil der Sand, mit dem man den Platz planierte, die Negative der Spuren ausfüllte.

 

Abb. 4: Deutlich zeichnen sich die dunklen ovalen Pfostenlöcher von der gelben Sandschicht ab.

 

Abb. 5: Überreste mittelalterlicher Holzbauten sind diese Brocken aus verziegeltem Lehm. Mit ihm hatte man die Flechtwerkwände verschmiert.

 

Abb. 6: Überraschung unter der Sandaufschüttung: Solche Trittspuren erhalten sich nur ganz selten.

Der Laufhorizont aus Schlamm und Unrat hatte sich auf einer Steinschotterung gebildet, mit der die Wiedenbrücker im 13. Jahrhundert eine feuchte, sandige Oberfläche gangbarer gemacht hatten (Abb. 7). Wir fassen hier also eine stark belaufene, befestigte Freifläche des 13. Jahrhunderts, die möglicherweise schon damals ein Marktplatz war.

 

Abb. 7: Der Steinschotter lag unterschiedlich dicht verteilt auf dem feuchten Auensediment.

Was am Standort des Alten Rathauses von 1619 nach dem 15. Jahrhundert passierte, konnten die Ausgrabungen zwar nicht beantworten, doch zeigen in einem Latrinenschacht sekundär verwendete renaissancezeitliche Architekturteile von schmuckvoll gestalteten Patrizierhäusern (Abb. 8), dass es Bautätigkeiten und -phasen am Markt gegeben hat. Wurden die Gebäude, von denen die Bauteile stammten, vielleicht bei dem großen Brand im Jahr 1685 zerstört?
Festzuhalten ist auf jeden Fall: Mit der Schichtenfolge unter dem Alten Rathaus (Abb. 9) konnten erstmals die mittelalterlichen Nutzungsphasen des Geländes südlich der Ägidiuskirche dokumentiert werden!

 

Abb. 8: Diese frühneuzeitlichen Architekturteile verwendete man später für den Bau eines kleinen Schachtes, vermutlich ein Abort.

 

Abb. 9: Die Schichtenfolge unter dem Alten Rathaus führte gut 1,80 Meter hinab in die frühe Stadtgeschichte am Markt.

Text: Julia Hallenkamp-Lumpe

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Kategorien: Außenstelle Bielefeld · Aktuelle Grabungen

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