29.07.2021

Mittelalterliche Baurelikte des Wassertores in Attendorn entdeckt

Archäolog:innen legen im Süden Attendorns Baureste des ältesten Wassertores frei (LWL-AfW Olpe/M. Baales)

Mittelalterliche Baurelikte des Wassertores in Attendorn entdeckt

Überraschender Befund bei Bauarbeiten

Dass während der Umbauarbeiten im Bereich des ehemaligen Wassertores im Süden Attendorns (Kr. Olpe, Südwestfalen) ältere Baurelikte zu Tage treten würden, war von Anfang an recht sicher, so dass eine durchgängige archäologische Begleitung durch Mitarbeiter:innen der Außenstelle Olpe eingeplant wurde. Bereits der erste Leiter der Außenstelle Olpe, Philipp R. Hömberg (1939-2001), hatte hier 1985 kleinräumige Sondagen unternommen und dabei spätmittelalterlich-frühneuzeitliche Baustrukturen des Tores erfassen können.

Das Wassertor im Süden Attendorns war eine repräsentative Anlage, die während des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit aus einem dem Haupttor und einer nach außen vorgelagerten Toranlage mit zwei Türmen sowie einem dazwischen befindlichen Zwinger bestand, einer sog. Doppeltoranlage. Die unteren Mauerteile des Zwingers befinden sich unterhalb den heutigen Gartenmauern noch im Boden und wurden nun im ersten (westlichen) Bauabschnitt erneut erfasst, ebenso wie eine darüber liegende Straßenpflasterung, die nach dem Abbruch der Toranlage im 19. Jahrhundert angelegt worden war. Somit gibt die heutige Straßenbreite der „Wasserstraße“ kurz vor der Innenstadt auch die Breite des spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Zwingers als Durchlass zur Stadt wider.

Bei den weiteren Freilegungsarbeiten kam dann jedoch noch ein weiteres Mauerelement zu Tage, das etwas schräg zu den Zwingermauern lag, sich nach Norden verjüngte und nach wenigen Metern nach Osten abknickte. Aufgrund seiner Lage und Ausrichtung war klar, dass dieses mit Mörtel stabilisierte, in den anstehenden Lehm bzw. Schotter gesetzte Fundament älter als die spätmittelalterlich-frühneuzeitliche Zwingertoranlage sein muss.

  • Alte Stadtansicht Attendorns von SW; das Wassertor ist hervorgehoben. René Roidkin um 1730 (LWL-AfW Olpe/M. Baales nach: https://www.bildindex.de/document/obj42106967?medium=mi00279c13)

  • Vorschlag zur Rekonstruktion des spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Doppel- oder Zwingertors am Wassertor (LWL-AfW Olpe/M. Baales nach: Ludwig Korte 1978)

  • Aus Luft sind oben und unten die heutigen Gartenmauern zu erkennen, die auf dem Zwinger der Doppeltoranlage gründen; die Breite der heutigen Wasserstraße entspricht somit auch der Zwingerbreite. Links-oben kommt das ältere Steinfundament bereits zum Vorschein (LWL-AfW Olpe/F. Geldsetzer)

  • Unter den heutigen Gartenmauern sitzen die Reste des Zwingers; teilweise ist noch ein älteres Straßenpflaster dazwischen erhalten (li. Bildhälfte, große Gerölle). Blick nach Westen; Stadteingang rechts (LWL-AfW Olpe/F. Geldsetzer)

  • Im Verbruchschutt an der Zwingermauer kamen neuzeitliche Funde, vor allem glasierte Keramikscherben, zum Vorschein. Besonders interessant waren die Fragmente eines sog. „Bartmanns“, eines Henkelkruges mit Gesichtsapplikationen aus dem Rheinland, vermutl. 16./17. Jahrhundert (LWL-AfW Olpe/M. Baales)

Nach Süden war das Mauerfundament aufgrund massiver Bodeneingriffe in der Vergangenheit stark gestört; es konnte aber noch auf etwa 8 m Länge und bis zu maximal etwa 1,5 m Breite freigelegt werden. Im Bereich der Abknickung war es – vermutlich durch einen Bombentreffer aus dem Zweiten Weltkrieg – gestört. Zumeist waren noch mehrere Lagen an flachen, teils recht großen Bruchsteinen im Boden überliefert. Ganz offensichtlich hat das Mauerstück nichts mit der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Zwingertoranlage zu tun, sondern ist älter.

  • Im Verfüllschutt erscheint das ältere Mauerfundament (LWL-AfW Olpe/M. Baales)

  • Das Baufeld wird weiter freigelegt (LWL-AfW Olpe/M. Baales)

  • Dokumentation des freigelegten Mauerfundamentes, Blick von Norden, im Vordergrund der abknickende Mauerteil (LWL-AfW Olpe/M. Baales)

Grabungsleiterin Dr. Eva Cichy vermutet, dass es sich hierbei um einen Mauerrest der ersten Steinbauphase des Wassertores aus dem 13. Jahrhundert handelt, die bislang archäologisch noch nicht nachgewiesen war und deren genaue Gestaltung auch aus historischen Quellen nicht überliefert wurde. Aufgrund der Massivität und der Lage des Steinfundaments könnte sich hierbei um das Widerlager einer über den vorgelagerten Wassergraben reichenden Zugbrücke handeln. In den nächsten Tagen hoffen die Archäologen noch auf datierende Funde, die diese ersten Ideen untermauern könnten.

  • Die heimische Presse war sehr interessiert an den neuen Ergebnissen der Archäolog:innen (LWL-AfW Olpe/M. Baales)

  • Für einen neuen Baum muss ein großer Teil der Mauer weichen (LWL-AfW Olpe/M. Baales)

  • Die basalen Steinlagen konnten erhalten werden; auf sie wird das neue sog. Wurzelkammersystem gegründet. Rechts neue Gasleitungen neben dem mittelalterlichen Fundament (LWL-AfW Olpe/M. Baales)

Da an dieser Stelle jedoch ein Wurzelkammersystem für zwei Bäume – so der Ratsbeschluss – eingebracht werden muss, ist hierfür das Mauerstück leider weitgehend abgetragen worden. Zumindest existiert nun eine detaillierte „Sekundärquelle“ – die Grabungsdokumentation. Wir hoffen, dass das Pendant des Widerlagers im Laufe der weiteren Arbeiten auch noch auf der östlichen Seite der Wasserstraße zu Tage kommen wird.

 

Michael Baales

Kategorien: Außenstelle Olpe · Aktuelle Grabungen

Schlagworte: Attendorn · Toranlage · Mittelalter · Stadtbefestigung