03.03.2016

Der schmale Grat zwischen Monotonie und Glücksgefühl

Eine Menschenreihe auf dem Acker: Archäologische Oberflächenprospektion auf einem Erweiterungsareal für Kalksteinbruchbetriebe in Erwitte (Kr. Soest)

Die archäologische Geländebegehung

Irgendwo im Regierungsbezirk Arnsberg: Ein silberfarbener VW Transporter fährt vor. Menschen steigen aus. Manche ziehen schwere Stiefel an, andere Thermohosen oder Regenjacken. Irgendetwas liegt in der Luft. Kälte, Regen, leichter Schneefall, wer weiß das schon so genau. Der Wetterbericht hat eine leichte Vorahnung, aber die Realität schaut oft anders aus. Sie wappnen sich mit GPS-Gerät und formieren sich zu einer Reihe, von links nach rechts. Die Gruppe läuft los. Nein! Sie schleicht los. Mit bedächtigen Schritten, einer nach dem anderen, setzt sie sich in Bewegung. Die Köpfe nach unten gesenkt, der Blick auf den Boden fixiert. Langsam, aber konstant lässt sie Meter für Meter hinter sich zurück.

 

Der neue silberfarbene Bulli der Außenstelle Olpe, geländegängig!

Immer mal wieder geht jemand in die Hocke und hebt etwas auf. Mit kritischen Blicken wird es geprüft, gewendet und von der gröbsten Erde befreit. Doch Enttäuschung macht sich breit und das einstmalige Objekt der Begierde wird zurückgelassen. Die Gruppe bewegt sich weiter, addiert Meter um Meter. Aus Metern werden hunderte Meter, aus hunderten werden Kilometer. So vergeht Stunde für Stunde und immer wieder wird etwas vom Boden aufgelesen. Dann plötzlich passiert es: Jemand bedient das GPS-Gerät, ein kleines unbedeutendes Etwas wird in einer Fundtüte verpackt und diese wiederum beschriftet. Allgemeine Freude macht sich breit und der Fund diskutiert. Für einen kurzen Moment wird der Lohn der Mühen ausgekostet und dann geht es schon wieder weiter. Meter für Meter.

Dieses Szenario sorgt bei Außenstehenden oft für Stirnrunzeln und Nachfragen, ist in der Archäologischen Denkmalpflege aber Alltag. Wir nennen es „Gelände-“ oder „Feldbegehung“, die angelsächsischen Kollegen „field survey“. Ziel der Maßnahme ist eine zerstörungsfreie Lokalisierung möglicher Befunde. Die materiellen Hinterlassenschaften der Vergangenheit liegen in tieferen Siedlungsschichten, werden aber durch landwirtschaftliche Bearbeitung – vor allem Pflügen – an die Oberfläche getragen. Meist sind es Steingeräte, Keramikstücke und Metallobjekte, die sich erhalten haben. Um derartige Funde identifizieren zu können, bedarf es genügend Aufmerksamkeit und ein geschultes Auge. Wo es sinnvoll erscheint, kommt auch der Metalldetektor zum Einsatz. Gleichzeitig bleibt immer das gesamte Gelände im Blick: Wo sind Terrassierungen und Gewässerläufe? Gibt es Hohlwege oder Pingen?

 

Geräte aus Feuerstein: die (kleine) Belohnung für stundenlange Mühen

Die digitale Kartierung und spätere wissenschaftliche Auswertung des gewaschenen Fundmaterials lassen erste Aussagen über Art, Ausdehnung und Zeitstellung möglicher Siedlungsbefunde zu. Dabei ist die Geländebegehung zwar die klassische und einfachste Art der Prospektion (von lat. prospecto, von Fern, in die Ferne schauen, [hin]ausschauen), aber sehr effektiv. Dies umso mehr in Anbetracht von täglich neu eintreffenden Bebauungsplänen, die durch die LWL-Archäologie für Westfalen als „Träger öffentlicher Belange“ begleitet werden müssen. Weitere Informationen können die Auswertung historischer Karten, Luftbilder und Laserscans sowie geophysikalische Messmethoden (z. B. Geomagnetik) liefern. Auf dieser Grundlage wird dann das weitere Vorgehen vor der Bebauung eines Geländes diskutiert. Manche Flächen müssen durch Baggerschnitte weiter untersucht werden, wenn an dem Ort Bodendenkmäler zu vermuten sind, die vor ihrer Zerstörung durch Grabungen gerettet werden müssen. Manche Flächen sind archäologisch irrelevant.

Durch die Olper Oberflächenprospektionen der letzten Jahre sind einige neue, bis dahin unbekannte Bodendenkmäler erkannt und so vor ihrer undokumentierten Zerstörung bewahrt worden; ein lohnendes Ziel für die Mühen!

Thomas Poggel M.A.; Grabungstechniker zur Ausbildung

Kategorien: Außenstelle Olpe · Hinter den Kulissen

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