11.10.2019

Richtfest am Schutzbau der Ausgrabung „Gerhardsseifen“

Moderne Architektur und Corten-Stahl-Wände des Schutzbaus sollen bewusst einen Kontrast im Tal des Gerhardsseifens bewirken (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/M. Zeiler)

Eisenzeitliche Verhüttungsstelle bei Siegen unter „Dach und Fach“

Wider Erwarten reißt der Himmel auf und die Sonne scheint über dem Siegerland. Auf einem geschotterten Parkplatz nahe des Fußballplatzes des SUS-Niederschelden bei Siegen finden sich um 14 Uhr am Donnerstag, den 10. Oktober, zahlreiche Menschen ein. Vielleicht sind auch Fußballfans darunter, aber die Ankömmlinge richten ihren Gang nicht zum Bolzplatz, sondern entgegengesetzt in den Wald hinein – in das Tal des Baches Gerhardsseifen hinauf. Nach 10 Minuten Marsch erreichen sie eine Weitung des Tales, wo während dreier Grabungskampagnen, nämlich 2009 - 2010 sowie 2012, eine Forschungskooperation aus Deutschem Bergbau-Museum Bochum, LWL-Archäologie für Westfalen (LWL-AfW, Außenstelle Olpe) sowie Ruhr-Universität Bochum die bislang aufwändigste und aussagekräftigste archäologische Ausgrabung an einem Verhüttungsplatz des Siegerlandes realisiert hatte. Die Forschungen brachten als Ergebnis, dass hier während der Vorrömischen Eisenzeit und im Mittelalter Hüttenleute Erz zu Eisen verhütteten und im 17. Jahrhundert Köhler das Areal zur Produktion von Holzkohlen nutzten.

Bei widriger Witterung wurden im März und April 2019 die bis 2012 gesicherten archäologischen Strukturen freigelegt und ihr Umfeld ausgegraben (Foto: Deutsches Bergbau-Museum Bochum/J. Garner)

Die Bedeutung der Fundstelle liegt in ihrer außergewöhnlichen Erhaltung der archäologischen Befunde sowie der engen Verschachtelung mehrerer technischer Anlagen verschiedener Epochen, die die Technikentwicklung über 1000 Jahre nachvollziehen lassen: Die Ausgrabungen erbrachten beispielsweise die Erkenntnis, dass die Eisenerzverhüttung während der Eisenzeit auf deutlich effektiverem Niveau stattfand als im Mittelalter – während in der Zeit der Kelten in großen Mehrwegöfen große Mengen Stahl produziert wurden, recycelten die mittelalterlichen Hüttenleute 1000 Jahre später die eisenzeitlichen Schlacken und gewannen in kleinen Einwegöfen nur geringe Stahlmengen.

Jürgen Sänger von der Waldgenossenschaft Siegen-Niederschelden initiierte daher 2012, dass die Fundstätte mit dieser außergewöhnlichen Befunderhaltung nicht weiter ausgegraben werden sollte. Wir Archäologen planten nämlich eigentlich, alle Strukturen vollständig auszugraben, um ein Maximum an Informationen zu erhalten – dies hätte jedoch die völlige Zerstörung der Befunde bedeutet. Jürgen Sängers Initiative folgten rasch der Heimatverein Niederschelden und der Heimatverein Niederschelderhütte und wir erkannten, dass dieses Vorhaben unbedingt unterstützenswert ist. Die Ausgrabungen wurden folglich aufgrund des hohen öffentlichen Interesses an einem bestimmten Punkt abgebrochen und die gut erhaltenen Befunde aufwändig gesichert, bedeckt und zum Schutz vor der Witterung mit Erde geschützt.

Es folgte eine mehrjährige Zeitphase mit hohem Arbeitsaufwand derjenigen, die die Erhaltung und Präsentation der Strukturen forcierten. Beispielhaft zu nennen ist ein Konzept zur kulturtouristischen Inwertsetzung der Archäologen oder aufwändige Planungen der Architektin Heike Balzer von der Unteren Denkmalbehörde Siegens, die von einem Architekturwettbewerb an der Universität Siegen flankiert wurden. Begleitet durch die sehr positive Unterstützung der Stadt Siegen und des Kreises Siegen-Wittgenstein gründete sich der Trägerverein „Ein Siegerländer Tal e.V.“, der bis heute maßgebliche Impulse setzt und neben den Akteuren der Stadt Siegen, des Kreises Siegen-Wittgenstein sowie der LWL-AfW das Projekt begleitet und führt. Ein Dank an dieser Stelle für dieses große und großartige Engagement!

Zugegeben – viele Jahre vergingen, weswegen das Vorhaben, die Strukturen zu konservieren und zu präsentieren, aus Sicht der LWL-Archäologie für Westfalen immer unwahrscheinlicher wurde. Die LWL-AfW plante daher bereits 2018 für das Folgejahr, dass die Befunde wieder freigelegt und dann final ausgegraben werden würden. Dies hätte die Zerstörung aller Strukturen bedeutet, allerdings auch einen enormen Zuwachs an weiteren wissenschaftlichen Informationen. Dank Mittelzusagen von Stadt und Kreis, Spenden von Siegerländer Unternehmen sowie einem bedeutenden Zuschuss der NRW-Stiftung gelang aber noch im gleichen Jahr die Finanzierung des ambitionierten Vorhabens eines Schutzbaus. Es umfasst die Konservierung der archäologischen Befunde, ihren nachhaltigen Erhalt in einem Gebäude, das zugleich Besuchern die Strukturen präsentieren soll. Deswegen ist auch Teil des Vorhabens das nahe Umfeld zu gestalten, um Besuchern die Thematik erklären zu können und die Ausgrabungsstätte als außerschulischen Lernort zu nutzen.

Das Gebäude wird nicht zugänglich sein, präsentiert aber seinen Schatz durch große verglaste Sichtnischen. Die Corten-Optik der Stahlwände nimmt Bezug auf die archäologisch nachgewiesene Eisenproduktion im Schutzbau und die moderne Architektur insgesamt hebt bewusst das Ausgrabungsareal als Fremdkörper in der idyllischen Tallandschaft heraus.

Am 10. Oktober, dem Richtfest, wurde das Ergebnis unter Anwesenheit prominenter Lokalpolitiker, Fördergeber sowie Akteure des Trägervereins, der Heimatvereine sowie der Archäologie der Stand der Arbeiten präsentiert und das Erreichte gewürdigt: Tatsächlich sind alle Arbeiten des aufwändigen Vorhabens im Zeit- und Kostenplan.

Aber es bleibt noch viel zu tun: Die Konservierung der Befunde im Schutzbau beginnt noch diesen Herbst, weitere Gebäudeteile werden bis zum Winter fertiggestellt und im Frühjahr 2020 startet die Gestaltung der Außenanlagen sowie der Präsentationsformen innerhalb sowie außerhalb des Gebäudes. Die Fertigstellung und Einweihung des Gebäudes samt Umfeld und Zuwegung mit Informationstafeln ist für den Sommer 2020 geplant.

Dr. Manuel Zeiler

Kategorien: Außenstelle Olpe · Projekte

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