Römisches aus Kneblinghausen?

24.07.2026 Michael Baales

Römerlager Kneblinghausen. Grabungsimpression 1939, Nordost-Ecke (LWL-AfW Olpe Archiv/E. Henneböle ?).

Römisches aus Kneblinghausen?

Das Römerlager in Rüthen-Kneblinghausen (Kreis Soest) ist ein Fundplatz, der weitgehend im Dunkeln liegt. Zwar begannen die ersten Ausgrabungen bereits 1901 und vor allem der Rüthener Schulrektor Eberhard Henneböle führte zwischen 1934 und 1951 mehrere Ausgrabungskampagnen durch, doch mangels datierbarer Befunde und Funde bleiben Aussagen über die Funktion und Chronologie des mehrperiodigen Ortes sehr vage. Als gesichert gilt eine germanische Siedlung, die von einer römischen Befestigung überprägt worden ist. Auch eine kleine Ausgrabung der Außenstelle Olpe 2008 und mehrere geophysikalische Untersuchungen werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten.

Auffällig ist, dass lediglich zwei Funde römischen Ursprungs sein könnten: zum einen ein eiserner Dechsel – ein Werkzeug zur Holzbearbeitung, welches die Legionäre mit sich führten, zum anderen ein spätaugusteisches/frühtiberisches, bronzenes Gewandspangen-Fragment. Bei der Digitalisierung des fotografischen Nachlasses von Eberhard Henneböle wurde nun ein weiterer Fund wieder entdeckt, der auch einen römischen Einfluss erahnen lassen könnte. Der Umschlag eines 12 x 9 cm großen Planfilm-Negatives trägt folgende Beschriftung: "Römerlager Bleiplatte aus IV/38 Na mit Ritzzeichnung eines Kopfes gfd. [gefunden] 19. Aug. 38." Der Verbleib des Fundes selbst ist unklar. Ein von Henneböle 1965/1966 nachträglich aufgestelltes Fundverzeichnis führt den Fund als Nr. 704 auf.

Digitalisiertes Negativ mit der Abbildung eines Metallplättchens (Original: E. Henneböle ?; Bearb.: LWL-AfW Olpe/P. Fleischer & T. Poggel).
Das umgewandelte Positiv mit interpretierter Umzeichnung des Motivs (LWL-AfW Olpe/P. Fleischer & T. Poggel).

Das in ein Positiv umgewandelte Bild zeigt ein unregelmäßiges, dünnes Blech mit Beschädigungen, Abplatzungen und Knicken. Mit Blick auf den Abbildungsmaßstab anderer Fundbilder in der Sammlung ist eine Größe unter zehn Zentimetern zu vermuten. Dünne Ritzungen deuten auf ein weiches Material hin, die Ansprache als Blei erscheint plausibel. Das eingeritzte Motiv zeigt die Frontalansicht – Oberkörper und Kopf – einer schemenhaften Person. Ihr Blick ist nach unten rechts gerichtet. Auffällig ist eine zusätzliche, den Kopf umschließende Ritzung sowie geschwungene Linien seitlich davon, die nach oben links und rechts wegführen. Weniger deutlich sind verschiedene Bearbeitungsspuren auf dem Oberkörper. Für die künstlerische und handwerkliche Ausführung ist vielleicht ein talentierter Laie verantwortlich gewesen.

  • Analogie zur geflügelten Kopfbedeckung: Mercur-Statuette aus Beelen, Kr. Warendorf (LWL-AfW Münster/S. Brentführer).

  • Die Zeichnung aus Kneblinghausen weißt Ähnlichkeiten zur römischen Victoria auf. Hier eine bronzene Victoria-Statuette aus Schwerste-Ergste, Kr. Unna (LWL-AfW Olpe/T. Poggel).

Ohne Betrachtung des originalen Fundstückes sind Interpretationen noch spekulativer, aber es kann der Eindruck gewonnen werden, dass die – vielleicht gewandete – Person eine Form von Kopfbedeckung trägt. Die seitlich weglaufenden Linien erscheinen flügelhaft. Eine weitere Grabungsdokumentation liegt an dieser Stelle nicht vor und die Bedeutung der Provenienz „IV/38 Na“ ist unklar. Der allgemeine Fundkontext im „Römerlager vor 2000 Jahren“ lässt aber christliche Motive wie Heiligenschein und Engelsflügel zunächst ausscheiden und es kommt der geflügelte Helm bzw. der geflügelte, rundkrempige Hut (petasos) des römischen Gottes Mercur in den Sinn. Seine anderen Attribute – Stab und Geldbeutel – sind nicht erkenn-, aber denkbar. Eine vielleicht passendere Interpretation kann aber auch die als Siegesgöttin Victoria sein, da der Person weibliche Gesichtszüge attestiert werden können. Zudem liegt die Flügelbasis eher auf dem Rücken als auf einer Kopfbedeckung. In diesem Fall wäre die „Kopfbedeckung“ als Frisur oder als Lorbeerkranz zu deuten.

Römische Bleifunde mit Ritzungen sind zum Beispiel als Etiketten (pittacia) im Wirtschaftsleben bekannt. Sie kennzeichneten Mengen und Preise von Waren oder nannten die Namen der Händler.  Der göttliche Bezug ist bei den Fluchtafeln (defixiones) ausgeprägter. Bei ihnen handelt es sich um Bleiplättchen, in die mit einem Griffel (stilus) kurze Inschriften und teils kleine Abbildungen graviert wurden. Sie werden zumeist im Kontext von Gräbern, Tempeln oder Quellen gefunden. Das Besondere ist ihr Inhalt: Die Verfasser riefen in den Fluchtafeln eine Gottheit an und baten um eine Art des Schadenzaubers, um anderen Personen – etwa wirtschaftlichen oder juristischen Konkurrenten – zu schaden.

Ob das vorgestellte Objekt einst eine tiefgründigere Intention besaß oder nur eine Art von „Kritzelei“ darstellt, ist ohne weiteren Kontext nicht zu sagen. Da auf der Grabung 1938 nachweislich römische Scherben von Arbeitern untergeschoben wurden, ist eine ortsfremde Herkunft und damit auch eine frühmittelalterliche, christliche Bildsprache ebenfalls denkbar – ein Grund, warum Henneböle diesen Fund nicht publizierte? Er bleibt damit zunächst ein schöner Einzelfund, der noch mehr offene Fragen zu dem ohnehin schon nebulösen Fundplatz in Kneblinghausen aufwirft.

Thomas Poggel M.A.

 

Literatur

Bernhard Rudnick (2014): Kneblinghausen, Stadt Rüthen, Kreis Soest. Römerlager in Westfalen 1 (2. überarb. Auflage). Münster.

https://www.altertumskommission.lwl.org/media/filer_public/f1/1a/f11a8f4c-7152-44fd-8989-20395113ad02/rw_1_2014.pdf

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Schlagwort: Olpe