Ohne Betrachtung des originalen Fundstückes sind Interpretationen noch spekulativer, aber es kann der Eindruck gewonnen werden, dass die – vielleicht gewandete – Person eine Form von Kopfbedeckung trägt. Die seitlich weglaufenden Linien erscheinen flügelhaft. Eine weitere Grabungsdokumentation liegt an dieser Stelle nicht vor und die Bedeutung der Provenienz „IV/38 Na“ ist unklar. Der allgemeine Fundkontext im „Römerlager vor 2000 Jahren“ lässt aber christliche Motive wie Heiligenschein und Engelsflügel zunächst ausscheiden und es kommt der geflügelte Helm bzw. der geflügelte, rundkrempige Hut (petasos) des römischen Gottes Mercur in den Sinn. Seine anderen Attribute – Stab und Geldbeutel – sind nicht erkenn-, aber denkbar. Eine vielleicht passendere Interpretation kann aber auch die als Siegesgöttin Victoria sein, da der Person weibliche Gesichtszüge attestiert werden können. Zudem liegt die Flügelbasis eher auf dem Rücken als auf einer Kopfbedeckung. In diesem Fall wäre die „Kopfbedeckung“ als Frisur oder als Lorbeerkranz zu deuten.
Römische Bleifunde mit Ritzungen sind zum Beispiel als Etiketten (pittacia) im Wirtschaftsleben bekannt. Sie kennzeichneten Mengen und Preise von Waren oder nannten die Namen der Händler. Der göttliche Bezug ist bei den Fluchtafeln (defixiones) ausgeprägter. Bei ihnen handelt es sich um Bleiplättchen, in die mit einem Griffel (stilus) kurze Inschriften und teils kleine Abbildungen graviert wurden. Sie werden zumeist im Kontext von Gräbern, Tempeln oder Quellen gefunden. Das Besondere ist ihr Inhalt: Die Verfasser riefen in den Fluchtafeln eine Gottheit an und baten um eine Art des Schadenzaubers, um anderen Personen – etwa wirtschaftlichen oder juristischen Konkurrenten – zu schaden.
Ob das vorgestellte Objekt einst eine tiefgründigere Intention besaß oder nur eine Art von „Kritzelei“ darstellt, ist ohne weiteren Kontext nicht zu sagen. Da auf der Grabung 1938 nachweislich römische Scherben von Arbeitern untergeschoben wurden, ist eine ortsfremde Herkunft und damit auch eine frühmittelalterliche, christliche Bildsprache ebenfalls denkbar – ein Grund, warum Henneböle diesen Fund nicht publizierte? Er bleibt damit zunächst ein schöner Einzelfund, der noch mehr offene Fragen zu dem ohnehin schon nebulösen Fundplatz in Kneblinghausen aufwirft.
Thomas Poggel M.A.
Literatur
Bernhard Rudnick (2014): Kneblinghausen, Stadt Rüthen, Kreis Soest. Römerlager in Westfalen 1 (2. überarb. Auflage). Münster.
https://www.altertumskommission.lwl.org/media/filer_public/f1/1a/f11a8f4c-7152-44fd-8989-20395113ad02/rw_1_2014.pdf
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