Archäologischer „Beifang“

07.01.2020 Carolin Steimer

Attendorn (Kr. Olpe). Auffindesituation der Splitterschutzzelle Anfang Januar 2020. – Foto: LWL-AfW Olpe / T. Poggel

Eine Splitterschutzzelle des Zweiten Weltkrieges in Attendorn (Kr. Olpe)

Der Zweite Weltkrieg hat zahlreiche militärische und zivile Relikte hinterlassen, die mit archäologischen Methoden untersucht und dokumentiert werden können. Bei ihrer täglichen Arbeit beschäftigen sich Archäologen und Grabungstechniker mit verschiedenen Lagern, Kampfstellungen, Erschießungsplätzen und Flugzeugwracks, aber vor allem mit Bauten des Luftschutzes. Während es sich bei untertägigen Bunkern und Stollen zweifelsohne um Bodendenkmäler handelt, fallen obertägige Luftschutzbauten per Definition ins Aufgabenfeld der Denkmalpflege. Der wohl kleinste Vertreter dieser Art, eine Splitterschutzzelle, trat nun zufällig auf einer Baustelle im sauerländischen Attendorn zu Tage und wurde von Mitarbeitern der Außenstelle Olpe – als „Beifang“ – dokumentiert.

Auf einem ehemaligen Firmengelände wurden Gebäude abgerissen und durch Zufall eine umgesetzte Splitterschutzzelle – umgangssprachlich auch Einmannbunker genannt – vorgefunden. Die ursprüngliche Position konnte nicht mehr rekonstruiert werden, sie wird aber im nahen Umfeld gelegen haben. Der ca. 2,5 m hohe und im Durchmesser 1,2 m große, hohle Betonzylinder mit kegelförmigem Oberteil besaß eine Einstiegsluke, von dessen Betontür nur noch die Reste der Metallscharniere zeugten. Fünf kleine Sehschlitze der mehrere Tonnen schweren Konstruktion ließen einen Blick nach Draußen zu.

Attendorn (Kr. Olpe). Detailansicht der Splitterschutzzelle. – Foto: LWL-AfW Olpe / T. Poggel

Splitterschutzzellen dienten dem Aufenthalt eines Beobachtungspostens während eines Luftangriffes. Nach den Baubestimmungen des Reichsluftfahrtministeriums sollten sie vor Bombensplittern, Volltreffern von Kleinstabwurfmunition und Bautrümmern schützen. Ihre reale Schutzwirkung war aber minderwertig und wenn überhaupt dem subjektiven Schutzempfinden dienlich. Nach den zahlreichen Erfahrungen der alliierten Bomberangriffe wurde 1944 angewiesen, die Bauwerke zu verbessern. Von außen sollten sie mit Erde angeschüttet werden und die Zelle sowie der Deckel mussten in einem Arbeitsgang betoniert werden – im Gegensatz zu früheren Modellen, die oft aus mehreren einzelnen Bauteilen bestanden. Ohnehin gab es eine Vielzahl unterschiedlicher Hersteller und Modelle. Der Attendorner Schutzbau könnte seiner Bauart nach aus den letzten beiden Kriegsjahren stammen.

Verwendung fanden die zu Tausenden im Deutschen Reich aufgestellten Splitterschutzzellen überall dort, wo bei Luftangriffen ein Beobachtungsposten nötig war oder Einzelpersonen nicht rechtzeitig einen Schutzraum aufsuchen konnten. So wurden sie zum Beispiel für Beschäftigte der Reichsbahn an der Strecke oder in Zwangsarbeiter- und Konzentrationslagern für die Wachmannschaften aufgestellt. In anderen Splitterschutzzellen standen Brandwachen, die während der Luftangriffe die Umgebung beobachten sollten. Ihr Auftrag: Blindgänger lokalisieren und Brände melden. Der Attendorner Bunker stand in Nähe der Bahnlinie, sodass er vermutlich für schutzsuchende Lokführer und Rangierer vorgesehen war.

 

Thomas Poggel M.A.

 

Literatur/Quellen:

  • Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Richtlinien für den Bau von Splitterschutzzellen und -schränken – Fassung September 1943. BArch, R 3112/70, ferner: BArch, RL 16-13/152.
  •  Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Splitterschutzzellen. In: Gasschutz und Luftschutz 1, 1945, 12.
  •  Michael Foedrowitz, Einmannbunker, Splitterschutzbauten und Brandwachenstände (Stuttgart 2007).
  •  Detlef Hopp / Christian Breuer, Sicherheit für einen: Einmannbunker. Berichte aus der Essener Denkmalpflege 19 (Essen 2019).

Kategorien: Außenstelle Olpe · Neufunde