23.06.2016

Von der Knochenschnitzerei bis zum Kloster:

Die Ausgrabungsfläche an der Landesburg in Dülmen. Foto: LWL/Klostermann

Dülmen als sprudelnde Quelle für archäologische Überraschungen aus dem Mittelalter

Jede Fundstelle ist bereits für sich etwas Besonderes. Aktuell sorgen die verschiedene Bauprojekte und Baustellen dafür, dass sich die Dülmener Innenstadt zu einem spannenden archäologischen Gesamtprojekt mit immer neuen Überraschungen und damit zu einem Fokus der Mittelalter- und Neuzeitarchäologie verwandelt hat. Von der Knochenschnitzerwerkstatt über die Stadtbefestigung bis zur Buntmetallherstellung und zu den Klosterspuren, die zur bekanntesten westfälischen Mystikerin führen: Hier ist alles auf wenigen Quadratmetern zu finden.

 

„Was wir in den vergangenen Wochen und Monaten in Dülmen zu sehen bekommen haben, ist in dieser Dichte und Qualität besonders. Einiges davon war im Vorfeld nicht zu erwarten“, schildert Dr. Hans-Werner Peine als Leiter des Fachreferates für Mittelalter- und Neuzeitarchäologie die bisherigen Ergebnisse.  Ganz neue Kapitel der lokalen Geschichtsschreibung tun sich unter den Arbeitsgeräten der Archäologen auf. Und das vielerorts auf kleinster Fläche.

Tiegel und Gussformen. Foto: LWL/Brentführer

Hochmittelalterliche Buntmetallverarabeitung in Hausdülmen

Gerade einmal 120 m2 groß war das Areal im Stadtteil Hausdülmen, das Bagger unweit der früheren Landesburg geöffnet hatten. Gegründet worden war sie 1115, 1121 folgte die Zerstörung und anschließend bauten der der spätere deutsche König Lothar I. und Münsteraner Bischof Dietrich II. die Landesburg wieder auf. Pfostengruben und Wandgräben: Die Überreste von Häusern gehörten zur Bebauung der Vorburg. In Ihnen waren Keramiken enthalten, die eine Datierung in das frühe 12.  Jh. und damit in das Hochmittelalter ermöglichten. Die Häuser sind mehrfach umgebaut worden.

 

Besonders ergiebig war auf der Grabungsfläche jedoch eine etwas außerhalb dieser Hausreste liegende Abfallgrube. „Daraus konnten wir neben kleinen Tiegeln auch mehrere Fragmente von Gussformen bergen, die zum Inventar einer Buntmetallwerkstatt gehört hatten“, erläutert Grabungsleiter Wolfram Essling-Wintzer. Der Nachweis solcher Werkstätten ist selten, denn sie waren zumeist nur im Umfeld adliger oder finanzkräftiger kirchlicher Institutionen angesiedelt. Schließlich verarbeiteten die Handwerker hier wertvolle Metalle zu kostbarem Schmuck und filigranen Ausstattungsobjekten wie Gefäßen oder Leuchtern. Die Funde werden jetzt in der Restaurierungswerkstatt untersucht und bearbeitet, um Erkenntnisse über ihre metallurgische Zusammensetzung und ihre Form zu gewinnen.

Eine Taschensonnenuhr aus Knochen. Foto: Jentgens & Partner

Hochwertige Handwerkskunst am IGZ

Zeugnisse hochwertiger Handwerkskunst sind es auch, die Grabungsleiter Dr. Gerard Jentgens auf der Fläche des künftigen Intergenerativen Zentrums bergen konnte. „Wir haben es hier mit einer ganzen Fundkonzentration von halbfertigen Fabrikaten einer Knochenschnitzerwerkstatt aus dem Spätmittelalter bzw. aus der frühen Neuzeit zu tun“, beschreibt Jentgens. Mehr als ein Dutzend der filigranen, aus Tierknochen hergestellten Stücke konnte das Grabungsteam bereits näher untersuchen. Darunter  auch ein Messergriff mit kreisförmig ausgebauten Verzierungen, die eine farbige Einlage besitzen, und eine Taschensonnenuhr geschnitzt aus Knochen. Steilkämme mit langen Zinken, ein Rohrstück mit sehr feinen Verzierungen und Knochen, die frisch vom Fleischer geliefert worden waren und mit abgetrennten Knochenenden auf ihre Weiterverarbeitung warteten, sind weitere Objekte aus dem Fundkomplex.

 

Dass hier weitere Handwerker ihren Berufen nachgingen, belegt ein gläserner Gniddel. Der diskusförmige Glaskörper diente zum Glätten der Webkanten an den Webstühlen. Auch Spinnwirtel gehören zum Fundgut. „Wir haben einen wunderbaren Einblick in die Arbeit der Handwerker gewinnen können, die hier im 13. Jh., Anfang des 14. Jh. ihre Waren herstellten“, so Jentgens. Auch diese Funde beschäftigen nunmehr die Restauratoren in Münster.

Funde aus der Werkstatt der Knochenschnitzerei. Foto: Jentgens & Partner

Ausgrabungen am Lorenkenturm

Der Bau eines Mehrfamilienhauses am Ostring öffnete ein weiteres Zeitfenster für die Archäologen. Hier kam in direkter Nähe des 1536 erstmals erwähnten Lorenkenturms ein Graben der Stadtbefestigung zum Vorschein. 1311 ist Dülmen zur Stadt erhoben worden, danach erfolgte die Befestigung mit Stadtmauer und Gräben. Im 16. Jh. wurden die Tore verstärkt und zwei Gräben angelegt. 1761 schließlich wurde die Stadtbefestigung geschliffen. Archäologisch erforscht ist sie bislang noch wenig. Bei der jetzigen Ausgrabung kam innerhalb von drei Tagen der innere Stadtgraben mit einer geschätzten Breite von 14 Metern und einer Tiefe von 5 Metern unter der heutigen Geländeoberfläche zu Tage.

 

„An der Grabensohle konnten wir neben Geäst und organischem Material auch mehrere Teichmuscheln dokumentieren“, erläutert Grabungsleiter Dr. Gerard Jentgens. „Das zeigt, wie gut die Qualität das Wasser des Stadtgrabens war, der von der Tiber gespeist wurde.“  Andererseits konnte die Grabung auch mit Legenden aufräumen, die sich bis heute gehalten haben. Demnach bewachte der Lorenkenturm in allen Versionen der Überlieferung den Einlauf der Tiber. Dem ist aber nicht so, der Bach floss ganz offensichtlich an anderer Stelle.

Auf den Spuren der Mystikerin

Auf den Spuren der westfälischen Mystikerin Anna Katharina Emmerick erhielten die Archäologen im Osten der Stadt Einblick in den Boden. Wo ein Parkplatz entstehen soll,  standen bis zum 20. Jh. die baulichen Überreste des Klosters Agnetenberg. Hier wurde nach der Säkularisierung Anfang des 19. Jh. vom Herzog von Croy der Bau einer Rentei veranlasst und dafür Teile des Klosters abgerissen, in dem bis 1812 auch die spätere Mystikerin als Nonne lebte. Ein Rest der Grundmauern kam nun jedoch wieder zum Vorschein. Für Grabungsleiter Dr. Gerard Jentgens kamen die Befunde überraschend früh: „Die ersten Grundmauern der Rentei lagen bereits dicht unter der Oberfläche, etwa 20 cm unter dem Straßenniveau."

Nur wenige Mauern des 1457 gestifteten Klosters erhielten sich im Boden. Sie hatten lange vertikale Nischen und trugen einen Fachwerkbau. Im Inneren warteten jedoch weitere Funde. So enthielt die Kellerverfüllung auch Hinweise darauf, wie der Speisenzettel der Nonnen einst ausgesehen hat. Fisch bereicherte das schlichte Mahl, wie die organischen Reste zeigen. Ein Gewicht, ein Brillenfragment, Ofen- und Gefäßkeramik bilden die weiteren Funde.

Außergewöhnlich ist die Entdeckung von Fragmenten, die von Andachtsbildern als besonderen Zeichen der Frömmigkeit stammen. Die Tafeln waren aus weißem Pfeifenton hergestellt worden. „Davon konnten wir jetzt Teilstücke bergen", schildert Jentgens. Auf einem Andachtsbild ist eine Heilige in einem hoch gegürteten Kleid und Mantel zu sehen. Sie trägt Krone und Nimbus. In der rechten Hand hält sie ein Buch, in der linken eine Zange mit Zahn. „Daraus lässt sich schließen, dass hier die Heilige Apollonia abgebildet ist", erläutert der Grabungsleiter. Eine Legende erzählt davon, dass der Heiligen während der Marter ausgebrochene Zähne nachwuchsen.

Ein Andachtsbild aus dem Agnetenkloster. Foto: Jentgens & Partner

Hergestellt wurden solche Bilder in der Nähe im Kartäuserkloster Dülmen-Weddern. Das zeigt die Signatur des Künstlers, die auf dem jetzt entdeckten Andachtsbild erhalten ist. Dabei handelt es sich um Judocus Vredis, der seit 1493 Mitglied des Konvents in Dülmen-Weddern war. Er entwarf die religiösen Motive.

Die Reste der herzoglichen Rente dominieren den Norden des Bauplatzes. „Die Backsteinfundamente sind mächtig", resümiert Jentgens. Der repräsentative Bau war zweigeschossig und hatte einen zur Straße ausgerichteten Mittelgiebel. Die Rentei war die Hofkammer und verwaltete die Einkünfte des Herzogs. Er hatte bereits 1802 das Amt Dülmen als Ausgleich für seine an Frankreich abgetretenen Besitztümer links des Rheins erhalten. Dazu gehörte auch das Recht, den geistlichen Grundbesitz einzuziehen. Das Kloster Agnetenberg ließ er zunächst bestehen, weil die acht Nonnen Schulunterricht für die Bürgertöchter erteilten. In diese Zeit des Umbruchs fiel auch die Aufnahme von Anna Katharina Emmerick in das Kloster im Jahr 1803, die bereits zu Lebzeiten einige Berühmtheit über die Region hinaus erlangte.

Die Kötterstochter, die zuvor als Magd, Näherin und Hausmagd arbeitete, lebte hier bis zur Auflösung 1812. Sie verließ als Letzte das Kloster, das trotz harten Ringens für sie wichtig war: „Ich war nirgends glücklicher als im Kloster", ist von ihr überliefert. In den folgenden Jahren lebte sie in ärmlichen Verhältnissen in Dülmen und trug seit 1813 die Wundmale Jesu. Viele prominente Zeitgenossen wie Clemens von Brentano, Bettina und Achim von Arnim, spätere Bischöfe und Fürstbischöfe pilgerten an das Krankenbett, das die Mystikerin bis zu ihrem Tod 1824 nicht mehr verließ. 2004 wurde Anna Katharina Emmerick selig gesprochen.

Kategorie: Mittelalter- und Neuzeitarchäologie

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