Von der Indianer-Pfeilspitze zum Steinzeitdolch

25.06.2016 Carolin Steimer

Ein stolzes Finderteam. Foto: Andreas Schlieker

Falscher Schatz führt zur echten Entdeckung

Es war ein echter Schatz, der da vor ihr lag. Bei einem Streifzug durch den Garten der Oma in Ibbenbüren entdeckte Pauline Lampe eine großartige Pfeilspitze – aus Stein. Sie lag einfach so da, auf einem Erdhügel. Sechs Jahre war sie damals alt. Den Schatz hat sie nicht einfach nur gehütet. Die Sechsjährige verbuddelte ihn akribisch auf dem Acker neben dem Grundstück der Oma. Eben wie einen echten Schatz. Jetzt, sechs Jahre später, entpuppte sich ihr kostbarer Besitz als touristische Imitation – und führte im gleichen Atemzug zu einem echten archäologischen Fundstück.

Denn Pauline hat jetzt einen Freund mit handfesten archäologischen Kontakten. Dessen Vater Andreas Schlieker liebt die Geschichte, die Archäologie und die Relikte, die von längst vergangenen Zeiten erzählen. Wenn es seine Zeit als Pädagoge in der Berufsvorbereitung erlaubt, ist er allein, zusammen mit der Ehefrau und oft auch mit seinen beiden Söhnen in der Natur unterwegs. Auf Äckern und Feldern und auf Wiesen sind seine Augen dabei seine wichtigsten „Werkzeuge“: Er sieht in Windeseile, ob ein bloßer Stein vor ihm liegt oder ein Feuersteinabschlag aus der Steinzeit, eine Keramikscherbe aus der Bronzezeit oder ein Reibstein, der in frühmittelalterlicher Zeit benutzt wurde. Seine Funde liefert er regelmäßig bei der LWL-Archäologie für Westfalen in der Außenstelle in Münster ab. Denn ihm ist wichtig, dass die Wissenschaft und damit auch die Geschichtsbücher von seinem Hobby profitieren. Als Lehrer hat er mit den Feldbegehungen oft auch den Unterricht lebendiger gestaltet, indem er seine Schüler mitnahm und ihnen zeigte, was die Erde alles in sich bergen kann. Denn: „Gerade die Geschichtsepoche der Steinzeit wird meiner Meinung nach zu wenig im Unterricht behandelt.“

Falsche Pfeilspitze und echter Steinzeitdolch. Foto: Andreas Schlieker

Pauline hörte über ihren Freund von den spannenden Erlebnissen und Funden, die bei den gemeinsamen Feldbegehungen der Familie nicht selten herauskommen. Sie erinnerte sich an ihren eigenen Schatzfund, fand die Stelle sogar wieder, an der sie die Pfeilspitze vergraben hatte, holt sie wieder heraus und zeigte sie stolz Andreas Schlieker. Jetzt ging Pauline mit auf die „Pirsch“ auf dem Acker. Andreas Schlieker hielt als erfahrener „Augensucher“ die Augen an dieser Stelle jedoch besonders auf und wurde belohnt: Nur 80 Meter entfernt entdeckte er einen Feuersteindolch. Beides schien in einem unmittelbaren Zusammenhang zu stehen.

Mit beiden Fundstücken wurde Andreas Schlieker schließlich – wie immer bei ungewöhnlichen Funden – beim LWL-Archäologen Jürgen Gaffrey vorstellig. Der dachte zunächst ebenfalls an einen Zusammenhang zwischen den beiden Fundstücken. Bis sich Bilder aus ganz anderen Gefilden vor seinem geistigen Auge auftaten. „Ich erinnerte mich an Nachbildungen von Pfeilspitzen, wie sie in Nordamerika  als indianische Touristensouvenirs durchaus geläufig sind – und zudem täuschend echt!“ Bei einer genaueren Begutachtung bestätigte sich der Verdacht: Die Pfeilspitze war eine Imitation und alles andere als Tausende von Jahre alt.

Die Indianer-Pfeilspitze in der Nahaufnahme. Foto: Andreas Schlieker.

Wenn ein falscher Schatz doch irgendwie ein echter ist

Für Pauline Lampe bleibt ihr Fund trotzdem ein echter Schatz. Zumal ohne ihre schon vor sechs Jahren gemachte Entdeckung nicht der Feuersteindolch zum Vorschein gekommen wäre. Der ist tatsächlich vor 5000 bis 4000 Jahren entstanden, war ein  wertvoller Alltagsbegleiter. Bei den Menschen der späten Jungsteinzeit durfte er am Gürtel jedenfalls nicht fehlen. Hätte sie die Pfeilspitze damals nicht vergraben und sechs Jahre später wiedergefunden: Der Acker wäre heute noch unscheinbar. Später hat Andreas Schlieker hier noch weit mehr Funde gemacht. Abschläge, eine Klinge, ein Klingenfragment, Kerntrümmer mit einem Klingennegativ, ein Abschlag mit Gebrauchsspuren, ein Beilabschlag, ein Daumennagelkratzer, ein großer Kratzer und ein Flintdolch: Der Acker entpuppte sich als reiche Fundstelle für steinzeitliche Artefakte.

Der echte Steinzeitdolch. Foto: Andreas Schlieker

So zeigt sich, dass auch Irrtümer und Imitationen zu einem echten Schatzfund führen können – wenn auch auf verschlungenen Wegen. Und für die LWL-Archäologen bestätigt sich einmal mehr, dass Hobbysucher eine mehr als wertvolle Hilfe sind, wenn sie ihre Funde der Wissenschaft vorlegen und eng mit ihr kooperieren. „Gerade Augensucher wie Andreas Schlieker mit viel Erfahrung und historischem Wissen sind für uns eine wichtige Unterstützung, da sie regelmäßig dort präsent sind, wo uns schlicht die Zeit für Begehungen fehlt.“ Leider werden Augensucher immer seltener. Die Metallsonde hat längst diese mit viel Fachwissen verbundene Form der Prospektion verdrängt, weil sie wertvollere Funde mit viel weniger Aufwand verspricht. Schade! Denn hier zeigt sich: Das Auge lässt sich einfach nicht ersetzen.

Augensucher sind stets willkommen - und alle anderen freiwilligen Helfer!

Wer jetzt Feuer gefangen hat, womöglich selbst mit dem suchendem Auge in der Natur unterwegs ist und die Archäologie unterstützen will: Helfer sind bei uns immer willkommen. Kontaktmöglichkeiten gibt es unter Tel. 0251 5918801 oder lwl-archaeologie@lwl.org.