Rettungsgrabung auf Wittgensteiner Acker

24.04.2020 Carolin Steimer

Bad Berleburg-Aue, 1.4.2020: Kleintransporter im Acker – das ist sicher kein Aprilscherz, das muss eine archäologische Grabung sein (Foto: LWL-AfW Olpe / M. Baales)

Überraschender Grabungsbefund bei Bad Berleburg-Aue (Kr. Siegen-Wittgenstein)

Die Landschaft jenseits (d.h. östlich) des Rothaargebirges – das Wittgensteiner Land – gilt zumindest ab der Vorrömischen Eisenzeit als eine besondere südwestfälische Siedlungskammer. Auf den Ackerflächen hat vor allem Hans Günter Radenbach aus Bad Berleburg zahlreiche auf Siedlungen und Gräberfelder verweisende Oberflächenfundstellen der letzten vorchristlichen Jahrhunderte entdecken können, die aktuell im Rahmen einer Marburger Dissertation bearbeitet werden.

Neben den vorchristlichen Fundstellen sind auch – die Römische Kaiserzeit ist bisher kaum nachgewiesen – zahlreiche des Mittelalters zu Tage getreten, darunter auch einige des frühen Mittelalters ab dem 8. Jahrhundert.

Hierzu zählt auch eine Fundstelle im Preisdorftal unweit von Bad Berleburg-Aue, die Radenbach 1973 lokalisierte. Er fand hier zahlreiche Scherben des frühen, aber auch des hohen Mittelalters.

Die bis heute hier stattfindende starke Beackerung ließ zumindest erahnen – wie für ungezählte andere Fundstellen nicht nur in Südwestfalen auch –, dass wichtige archäologische Strukturen im Untergrund allmählich vollständig verschwinden könnten, so dass eine archäologische Überprüfung der Fundstelle durch die LWL-Archäologie für Westfalen, Außenstelle Olpe, projektiert wurde. Sie diente zugleich der Fortbildung unseres – zum 1.5.2020 jetzt fest angestellten – Grabungstechnikers Lutz Cramer B.A. im Hinblick auf seine für die zweite Jahreshälfte avisierte Prüfungsgrabung zum Grabungstechniker. Wie so vieles, machte ihm und uns das berühmte Virus dann einen dicken Strich durch die Rechnung, so dass die Bad Berleburger Grabung zeitweise unterbrochen werden musste und die abschließenden Arbeiten dann erst mit Verspätung unter der Leitung von Dr. Manuel Zeiler abgeschlossen werden konnten.

Nach langen Vorplanungen und in freundlicher Kooperation mit dem Grundstückseigentümer konnte die Grabung bei bestem Wetter im frühen März begonnen und Anfang April beendet werden. Wie erhofft, erbrachte sie interessante, für die Region einmalige archäologische Befunde.

Herauszustellen ist das steingemauerte Fundament eines kleinen Kellers, auf dessen Sohle sich verbranntes Holz zu einem Dielenboden rekonstruieren ließ. Der Keller wurde über eine Treppe erreicht, deren letzte Stufe als Schwelle noch erhalten war. Diese Entdeckung erfolgte gerade noch rechtzeitig, da das nur noch zwei- bis dreilagig erhaltene Steinfundament an einer Kellerwand bereits stark gestört war und in ein paar Jahren durch den Pflug vollständig abgetragen worden wäre.

Bad Berleburg-Aue: Freilegung des Steinfundaments (Foto: LWL-AfW Olpe / M. Baales)

Dieser Keller war folglich ehemals deutlich höher gemauert und Teil eines größeren Gebäudes, das einst über dem Keller in Holzbauweise ausgeführt war. Da im ausgegrabenen Bereich jedoch keine Pfostenspuren oder Gruben mehr zu entdecken waren, ist auch hierdurch belegt, dass das Areal seit dem Mittelalter mindesten einen halben Meter an Bodenmaterial verloren hat. Lediglich die Keramik hat sich im Oberboden reichlich erhalten können.

Aus dem Keller selbst stammen neben einem stark verrosteten Metallteil, bei dem es sich um eine Messerklinge handeln könnte, zahlreiche Keramikscherben, die teilweise im Kellerboden einplaniert waren. Die Masse dieser Funde, auch von der Oberfläche aus dem direkten Umfeld des Gebäudes, lässt sich aufgrund charakteristischer Randscherben großen Keramiktöpfen des 8./9. Jahrhunderts zuordnen. Zusammen mit weiteren typischen Scherben, die Radenbach bereits vor Jahren gefundenen hatte, lässt sich für das Areal ein kleiner Weiler rekonstruieren, der spätestens im Laufe des 8. Jahrhunderts gegründet wurde und wohl auch noch im 9. Jahrhundert bestand. Irgendwann wurde der Ort aus unbekannten Gründen verlassen – er fiel wüst – und geriet in Vergessenheit.

Für die gesamte Region ist dies der erste archäologische Ausgrabungsbefund für eine derart frühe mittelalterliche Ansiedlung; der Nachweis eines Steinfundaments ist zudem für diese frühe Zeitstellung bemerkenswert und ein unerwarteter archäologischer Glücksfall.

Wir wollten diesen schönen Befund eigentlich bei einer kleinen Pressekonferenz vor Ort präsentieren, doch wie mit fast allem, was derzeit mit „Publikumsverkehr“ zu tun hat, hat auch dies das Virus nicht zugelassen.