04.05.2017

Unter die Räder gekommen

Nicht nur für das eigentliche Fundament der Windkraftanlagen, sondern auch für den Standort des Baukrans sowie das Materiallager erfolgen bei der Erschließung des Windparks bei Apollmicke großflächige Bodeneingriffe. Das Erkennen archäologisch relevanter Spuren gleicht hier der Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/M. Zeiler)

Zerstörung von archäologischen Relikten in Kirchhundem-Fahlenscheid/Apollmicke, Kr. Olpe

Fassungslos standen die Mitarbeiter der Außenstelle Olpe vor kilometerlang geschobenen Trassen und riesigen Bauplätzen für neue Windräder bei Apollmicke in der Gemeinde Kirchhundem. Bei der Begutachtung der weiträumigen Bauplätze und Wegeschneisen stellten sich prompt archäologisch relevante Befunde ein, die bei den Baumaßnahmen ge- oder zerstört worden waren. Das ganze Ausmaß zeigte sich am nächsten Tag, als die vorerkundeten Befunde unter der Leitung von Dr. Eva Cichy freigelegt und archäologisch dokumentiert wurden – jedenfalls dass, was noch übrig war.

Fündig! Eine zunächst kleine Verfärbung … (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/M. Zeiler)

Übrig geblieben waren zerschobene Meilerplätze unbekannter Form und Ausmaße im Abraum der Wegetrassen. Darüber hinaus fanden sich Reste einer verziegelten und aschegefüllten, langrechteckigen Grube in der Baustraße. Ein ähnlicher Befund fand sich an einem Windkraftstandort. Die Archäologen legten die Befunde frei, dokumentierten sie und verprobten die Holzkohlen.

… entpuppt sich als der Überrest eines seltenen langrechteckigen Grubenmeilers, … (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/M. Müller-Delvart)

Die beiden Grubenbefunde könnten auf die Herstellung von Asche, z. B. für die Glasproduktion, oder aber Grubenmeiler zur Herstellung von Holzkohlen zurück gehen. Derartige Befunde wurden hier nun erstmals in Südwestfalen dokumentiert. Bekannt waren bislang nur große sog. Platzmeiler, wie sie heute noch in Walpersdorf, Kr. Siegen-Wittgenstein in Betrieb und zu bewundern sind, sowie kleine und runde Grubenmeiler, die bis in das Mittelalter in Gebrauch waren. Die Datierung der neu entdeckten langrechteckigen Strukturen ist (noch) unklar.

Die nächstgelegenen Vergleiche stammen von dem Berg Kalteiche bei Haiger in Hessen und werden als Grubenmeiler gedeutet und in das Frühmittelalter eingeordnet. Sie sind im Rahmen von archäologischen Ausgrabungen entdeckt worden, die dort im Vorfeld der Erschließung eines Gewerbeparks durchgeführt wurden. Unter der Leitung von Dr. Frank Verse, damals Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, der mit den Untersuchungen beauftragt worden war, wurden nicht nur mehrere gut erhaltene langrechteckige Grubenmeiler samt ihrem Umfeld ausgegraben, sondern darüber hinaus auch Gräber sowie Siedlungsspuren der Eisenzeit, Kalkbrennöfen und schließlich noch ein Schlachtfeld aus dem 18. Jahrhundert entdeckt und untersucht. Dieses Beispiel zeigt, welches Potential systematische archäologische Untersuchungen für das Verständnis unseres kulturellen Erbes haben. Finden jedoch Bodeneingriffe ohne vorherige archäologische Untersuchungen statt, werden die dort befindlichen Zeugen der Menschheitsgeschichte unwiederbringlich zerstört. Die Gemeinde Kirchhundem hatte 2013 die LWL-Archäologie für Westfalen an der Planung für den Windpark bei Apollmicke beteiligt, wobei grob umrissene Großflächen angegeben wurden, die potentiell als Standorte für Windräder in Frage kommen könnten. Die Planungen waren in diesem Stadium noch sehr unkonkret und deswegen waren auch noch nicht die Areale ausgewiesen, die für die nötige Infrastruktur baulich verändert werden müssen. Die LWL-Archäologie antwortete daher, dass eine erneute Beteiligung zu erfolgen hat, sobald die Pläne konkrete Flächen fokussieren. Dies unterblieb jedoch; keine Behörde (Kommune, Kreis, Bezirksregierung) hat hierzu je wieder in Olpe angefragt. Leider kein Einzelfall.

 

So standen die Archäologen mal wieder vor vollendeten Tatsachen, die sie ohne einen Zeitungsartikel nicht einmal mitbekommen hätten, und konnten ihrem Auftrag, das kulturelle Erbe in der Region vor unkontrollierter Zerstörung zu sichern, wieder einmal nur bedingt nachkommen.

Link zur Grabung der Uni Münster in Hessen

Kategorien: Außenstelle Olpe · Aktuelle Grabungen

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